Kurz vor seinem Tod vertraute Opa seinem alten Kater ein Versprechen an, das Omas Leben für immer veränderte

Manchmal sprachen sie über früher.

Über ihren ersten gemeinsamen Urlaub an der Ostsee.

Über die Zeit, als die Kinder klein waren.

Über die Hochzeit, bei der Opa vor Aufregung den Ring beinahe fallen gelassen hatte.

„Du warst damals schon ein Tollpatsch“, sagte Oma.

„Und du hast mich trotzdem genommen.“

„Ja. Irgendeiner musste es ja tun.“

Dann lachten sie beide.

Aber manchmal verstummte Oma plötzlich.

Sie schaute aus dem Fenster, und ihre Lippen begannen zu zittern.

Opa tat dann so, als würde er es nicht bemerken.

Er wusste genau, warum sie traurig war.

Ich ebenfalls.

Denn nachts, wenn alles ruhig wurde, hatte die Angst ihren eigenen Geruch.

Sie hing in der Luft, zwischen dem Pflegebett und Omas Sessel.

Oma schlief kaum noch.

Sie deckte Opa zu, rückte sein Kissen zurecht und fragte ihn immer wieder, ob er etwas brauche.

„Helga, setz dich doch mal hin.“

„Ich sitze doch.“

„Du stehst.“

„Dann setze ich mich eben gleich.“

Er schüttelte schwach den Kopf.

„Du warst schon immer stur.“

„Und du nicht?“

Dann lächelte sie wieder.

Aber dieses Lächeln hielt nie besonders lange.

Eines Abends hörte ich, wie Opa sagte:

„Du musst später auch auf dich achten, Helga.“

Sie antwortete sofort.

„Red keinen Unsinn.“

„Versprich es mir.“

„Emil, bitte.“

Er schwieg.

Und Oma hielt seine Hand so fest, als könnte sie ihn dadurch bei sich behalten.

Ich legte mich zwischen ihre Arme.

Niemand sagte mehr etwas.

Dann kam jene Nacht, die ich niemals vergessen werde.

Es war weit nach Mitternacht.

Der Fernseher lief ganz leise. Oma war in ihrem Sessel eingeschlafen, mit einer Wolldecke über den Knien.

Opa lag wach.

Ich saß auf der Fensterbank und beobachtete die Spiegelungen der Straßenlaternen im Glas.

Plötzlich hörte ich ihn meinen Namen flüstern.

„Moritz.“

Ich drehte mich um.

Er hob einen Finger.

„Komm mal her, mein Junge.“

Ich sprang vorsichtig aufs Bett und legte mich neben seine Schulter.

Seine Hand war kalt.

Er strich langsam über mein Fell.

Dann blickte er zu Oma.

Lange.

So lange, dass ich seinem Blick folgte.

Sie schlief tief, erschöpft von den vielen Nächten, in denen sie über ihn gewacht hatte.

Opa atmete schwer.

„Moritz“, flüsterte er erneut.

Seine Stimme war kaum noch zu hören.

„Wenn ich nicht mehr da bin, musst du auf die Helga aufpassen.“

Ich hob den Kopf.

Er schluckte.

„Sie tut immer so stark. Aber sie ist es nicht.“

Seine Augen wurden feucht.

„Lass sie nicht allein, hörst du?“

Ich drückte meine Stirn gegen seinen Arm.

Er lächelte ein wenig.

„Bleib bei ihr. Versprich es mir.“

Dann bewegten sich seine Finger ein letztes Mal über meinen Rücken.

Ich begann zu schnurren.

Lauter als sonst.

Opa schloss die Augen.

„Braver Junge.“

Es waren die letzten Worte, die er direkt zu mir sagte.

Zwei Tage später starb Emil.

Ganz früh am Morgen.

Ich lag neben seinem Kissen, als ich bemerkte, dass etwas anders war.

Seine Brust hob sich nicht mehr.

Seine Hand bewegte sich nicht.

Das vertraute Geräusch seines Atems war verschwunden.

Ich stupste seinen Arm mit meiner Nase an.

Nichts.

Ich miaute.

Oma saß noch im Sessel. Als sie meine Stimme hörte, richtete sie sich langsam auf.

„Moritz, was ist denn?“

Sie kam ans Bett.

Berührte Opas Schulter.

„Emil?“

Keine Antwort.

„Emil, wach auf.“

Ihre Stimme wurde lauter.

Dann verstand sie.

Ich hatte Oma noch nie so weinen sehen.

Sie sank neben dem Bett auf die Knie und hielt seine Hand.

„Du kannst doch nicht einfach gehen“, schluchzte sie.

„Wir wollten doch noch so viel zusammen machen.“

Sie beugte den Kopf auf seine Decke.

Ich setzte mich dicht neben sie.

Als sie mich hochhob, hielt sie mich so fest an ihrer Brust, dass ich ihren Herzschlag spürte.

Er war schnell und unruhig.

Ich ließ sie gewähren.

Denn ich wusste, sie brauchte mich.

In den folgenden Tagen kamen viele Menschen.

Die Kinder, inzwischen selbst längst erwachsen. Die Nachbarn. Alte Freunde.

Sie umarmten Oma und brachten Kuchen, Suppe und Blumen.

Im Wohnzimmer standen plötzlich so viele Vasen, dass ich kaum noch Platz auf der Fensterbank fand.

Alle sprachen leise.

Alle sagten ähnliche Dinge.

„Er war ein guter Mensch.“

„Ihr hattet so viele schöne Jahre.“

„Wenn du etwas brauchst, melde dich.“

Oma nickte.

Sie bedankte sich.

Manchmal lächelte sie sogar.

Doch sobald jemand ging, verschwand dieses Lächeln.

Nach der Beerdigung wurde es still im Haus.

Unheimlich still.

Am ersten Morgen stellte Oma zwei Tassen auf den Küchentisch.

Eine für sich.

Eine für Opa.

Sie bemerkte ihren Fehler erst, als der Kaffee schon in beiden Tassen war.

Dann blieb sie regungslos stehen.

Ich sah zu ihr hinauf.

Langsam nahm sie die zweite Tasse und stellte sie zurück in den Schrank.

Der Kaffee in ihrer eigenen Tasse wurde kalt.

An diesem Tag frühstückte sie nicht.

Auch am nächsten Morgen aß sie kaum etwas.

Sie setzte sich in Opas Sessel und hielt sein altes kariertes Hemd im Arm.

Manchmal sprach sie mit ihm.

„Emil, der Wasserhahn tropft schon wieder.“

Oder:

„Die Rosen müssten zurückgeschnitten werden.“

Dann wurde sie still.

Weil niemand antwortete.

Eines Nachmittags sagte sie:

„Was soll ich denn jetzt mit all den Jahren anfangen, Moritz?“

Ich saß vor ihr.

Sie schaute mich an.

„Du vermisst ihn auch, nicht wahr?“

Natürlich vermisste ich ihn.

Ich suchte ihn morgens im Schlafzimmer.

Ich wartete an der Küche auf das Geräusch seiner Hausschuhe.

Ich lag vor seinem leeren Sessel und hoffte auf die vertraute Stimme.

Doch sie kam nicht mehr.

Manchmal glaubte ich, seine Schritte im Flur zu hören.

Dann hob ich den Kopf.

Aber es war nur das alte Holz, das knackte.

Auch ich musste lernen, dass Opa nicht zurückkommen würde.

Doch ich hatte ihm etwas versprochen.

Auf meine Weise.

Also begann ich, auf Oma aufzupassen.

Jeden Morgen kratzte ich an ihrer Schlafzimmertür.

Anfangs reagierte sie nicht.

Dann miaute ich so lange, bis sie aufstand.

„Moritz, es ist doch noch früh.“

Ich lief voraus in die Küche.

Dort wartete ich neben meinem Napf.

Wenn sie mir Futter gab, blieb ich vor dem Kühlschrank sitzen und miaute weiter.

„Was willst du denn jetzt noch?“

Ich sah sie nur an.

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