Irgendwann öffnete sie den Kühlschrank und holte sich selbst etwas heraus.
„Na gut. Dann essen wir eben zusammen.“
Das wurde unser neues Morgenritual.
Nicht so schön wie früher.
Aber immerhin waren wir zu zweit.
Abends wurde es schwieriger.
Oma saß oft im dunklen Wohnzimmer, ohne den Fernseher einzuschalten.
Sie schaute auf den leeren Sessel.
Manchmal weinte sie.
Dann sprang ich auf ihren Schoß.
Ich drückte meinen Kopf unter ihre Hand, bis sie anfing, mich zu streicheln.
„Ach, mein kleiner Moritz.“
Ihre Finger glitten langsam durch mein Fell.
„Was wäre ich nur ohne dich?“
Ich legte mich auf ihre Brust.
Dort hörte ich ihren Herzschlag.
So wie ich früher Opas Herzschlag gehört hatte.
Einmal, an einem besonders schweren Abend, nahm sie mein Gesicht vorsichtig zwischen ihre Hände.
„Hat er dich gebeten, bei mir zu bleiben?“
Ich sah sie an.
„Hat mein Emil dir etwas gesagt, bevor er gegangen ist?“
Meine Ohren zuckten bei seinem Namen.
Oma begann zu weinen.
Doch diesmal lächelte sie gleichzeitig.
„Das würde zu ihm passen.“
Sie küsste mich auf die Stirn.
„Er hat sich immer um mich gesorgt.“
Der Winter verging langsam.
Der erste Weihnachtsabend ohne Opa war besonders schwer.
Sein Platz am Tisch blieb leer. Oma stellte trotzdem eine kleine Kerze daneben.
Ihre Tochter und die Enkel kamen zum Essen.
Alle bemühten sich, fröhlich zu sein.
Aber als Oma Opas Lieblingslied im Radio hörte, ging sie kurz in die Küche.
Ich folgte ihr.
Sie stand am Fenster und wischte sich die Augen.
„Es ist alles so anders, Moritz.“
Ich rieb mich an ihren Beinen.
Sie beugte sich herunter.
„Komm, wir gehen wieder rein.“
Und das taten wir.
Zusammen.
Im Frühling öffnete Oma zum ersten Mal wieder frühmorgens die Fenster.
Die Nachbarin half ihr, die Blumenbeete herzurichten.
Ein freundlicher Mann aus der Straße reparierte die Lampe an der Haustür und den tropfenden Wasserhahn.
Oma backte wieder Kuchen.
Zunächst nur einen kleinen.
Dann lud sie ihre Schwester zum Kaffee ein.
Ich saß auf meinem Küchenstuhl und beobachtete die beiden.
„Der Moritz wird aber auch alt“, sagte ihre Schwester.
„Genau wie ich“, antwortete Oma.
Dann lachte sie.
Es war ein kurzes, leises Lachen.
Aber ich erkannte es sofort.
Es war das Lachen von früher.
Von den Tagen, als Opa noch am Tisch gesessen hatte.
Im Sommer stellte Oma zwei Stühle auf die Terrasse.
Einen für sich.
Den anderen ließ sie leer.
Ich sprang darauf und rollte mich zusammen.
„Na, das hätte Emil gefallen“, sagte sie.
Sie lächelte und nahm einen Schluck Kaffee.
Dann sah sie auf die kahle Stelle im Rasen.
„Weißt du, Moritz, er hat sich dreißig Jahre über dieses Stück Gras geärgert.“
Ich schnurrte.
„Vielleicht pflanze ich dort einfach Blumen.“
Ein paar Wochen später blühten dort gelbe und weiße Margeriten.
Oma saß oft davor und betrachtete sie.
Manchmal erzählte sie mir Geschichten von früher.
Wie Emil sie zum ersten Mal zum Tanzen aufgefordert hatte.
Wie nervös er gewesen war, als er ihre Eltern kennenlernte.
Wie er einmal mitten im Winter das Auto angeschoben hatte, nur damit sie rechtzeitig zu einem Familienfest kamen.
Ich verstand nicht alle Worte.
Aber ich kannte den Klang ihrer Stimme.
Sie war wieder wärmer geworden.
Eines Abends holte Oma ein altes Fotoalbum aus dem Schrank.
Sie setzte sich auf das Sofa und schlug die erste Seite auf.
Ich kletterte neben sie.
Auf den Bildern sah ich einen jungen Mann mit dichtem Haar und eine junge Frau in einem hellen Kleid.
„Das sind wir“, sagte Oma.
Sie zeigte auf den Mann.
„Dein Emil. Da war er gerade 27.“
Dann fuhr sie mit dem Finger über das Foto.
„Er war mein Zuhause, Moritz.“
Ihre Stimme wurde leise.
„Und manchmal weiß ich noch immer nicht, wie ich ohne ihn weitermachen soll.“
Ich legte meine Pfote auf ihren Arm.
Sie schaute zu mir herunter.
Lange.
Dann sagte sie etwas, das ich niemals vergessen werde.
„Aber weißt du was? Vielleicht muss ich das gar nicht ganz allein.“
Sie schloss das Album und nahm mich auf den Schoß.
„Ich habe ja dich.“
Heute ist Opa schon länger nicht mehr bei uns.
Sein brauner Sessel steht noch immer am Fenster.
Seine alte Strickjacke hängt an der Garderobe.
Und in der Küchenschublade liegt der kleine Schraubenzieher, den er ständig gesucht hat.
Oma hat vieles verändert.
Aber nicht alles.
Sie sagt, ein Zuhause müsse weiterleben dürfen, auch wenn jemand fehlt.
Morgens trinkt sie ihren Kaffee inzwischen wieder am Küchentisch.
Manchmal spricht sie mit Opas Foto.
Manchmal lacht sie über etwas, das ihr einfällt.
Und manchmal weint sie noch.
Dann komme ich zu ihr.
Denn Trauer verschwindet nicht einfach.
Sie wird nur mit der Zeit ein wenig leichter zu tragen.
Auch ich bin inzwischen sehr alt.
Meine Sprünge sind kleiner geworden, und manchmal brauche ich zwei Versuche, um auf das Sofa zu kommen.
Oma hat mir deshalb eine kleine Stufe daneben gestellt.
„Damit mein alter Herr es leichter hat“, sagt sie.
Ganz genau so, wie Opa früher mit mir gesprochen hat.
Jeden Abend gehen wir gemeinsam ins Schlafzimmer.
Oma legt sich hin und schlägt die Decke zurück.
Ich klettere langsam neben sie.
Dann legt sie eine Hand auf meinen Rücken.
Manchmal flüstert sie:
„Gute Nacht, Emil.“
Danach streichelt sie mich.
„Und gute Nacht, mein Moritz.“
Ich schließe die Augen und beginne zu schnurren.
Denn ich erinnere mich noch immer an jene Nacht.
An Opas schwache Hand.
An seine müde Stimme.
Und an seine letzte Bitte.
„Lass sie nicht allein.“
Ich weiß nicht, wie viele Winter mir noch bleiben.
Aber solange meine alten Pfoten mich tragen, werde ich jeden Morgen zu Oma gehen.
Ich werde sie zum Frühstück rufen.
Ich werde neben ihr sitzen, wenn sie traurig ist.
Und ich werde nachts bei ihr schlafen, damit sie etwas Warmes neben sich spürt.
Opa konnte nicht bei ihr bleiben.
Also bleibe ich.
Denn manchmal endet die Liebe nicht mit dem letzten Atemzug eines Menschen.
Manchmal lebt sie weiter in einem kleinen, alten Kater, der sich neben die Frau legt, die zurückgeblieben ist.
Und der jeden Abend aufs Neue ein Versprechen hält, das niemand außer ihm gehört hat.






