Die Frau, vielleicht Anfang sechzig, schaute mich aufmerksam an.
„Sind Sie die Besitzerin?“
Ich nickte.
„Mein Lebensgefährte hat ihn ohne meine Zustimmung hergebracht.“
Sie bat mich herein.
Wir gingen einen schmalen Gang entlang. Hinter mehreren Türen hörte ich Katzen miauen.
Mein Herz schlug so heftig, dass ich kaum atmen konnte.
Dann blieb die Frau vor einem Käfig stehen.
Darin saß Oskar.
Ganz hinten.
Er hatte sich so klein zusammengerollt, dass ich ihn beinahe nicht erkannt hätte.
Sein Kopf war gesenkt. Die Augen waren weit geöffnet.
„Oskar?“
Keine Reaktion.
Ich ging in die Hocke.
„Mein Kleiner. Ich bin’s doch.“
Ein Ohr bewegte sich.
Dann hob er langsam den Kopf.
„Oskar, komm zu mir.“
Er stand auf.
Zögernd machte er zwei Schritte nach vorne.
Und dann kam dieses heisere Miauen.
Dasselbe Miauen, mit dem er mich seit sechs Jahren jeden Abend begrüßte.
Ich begann zu weinen.
Oskar drückte seinen Kopf gegen die Gitterstäbe. Immer wieder rieb er seine Wange daran, als könnte er dadurch schneller zu mir kommen.
Die Mitarbeiterin öffnete vorsichtig den Käfig.
Ich nahm ihn auf den Arm.
Er krallte sich leicht in meine Jacke und vergrub den Kopf unter meinem Kinn.
„Ich bin da“, flüsterte ich. „Ich lasse dich nicht hier.“
Die Frau wartete geduldig, bis ich mich etwas beruhigt hatte.
Dann prüfte sie meine Unterlagen und die Angaben zu Oskars Kennzeichnung. Markus hatte bei der Abgabe behauptet, die Entscheidung sei mit mir abgesprochen gewesen.
Das war sie nicht.
Nachdem alles geklärt war, durfte Oskar wieder mit nach Hause.
Ich bedankte mich mehrfach.
Die Mitarbeiterin legte mir zum Abschied eine Hand auf den Arm.
„Manchmal merken wir erst bei der Abgabe, wie sehr ein Tier an seinem Menschen hängt.“
Ich schaute auf Oskar.
Er hatte sein Gesicht tief in die Decke gedrückt.
„Ich hätte ihn beinahe verloren“, sagte ich.
Zu Hause saß Markus noch immer auf dem Sofa.
„Na?“, fragte er. „Hast du dich jetzt wieder beruhigt?“
Ich antwortete nicht.
Ich stellte die Transportbox auf den Boden und öffnete sie.
Oskar kam vorsichtig heraus. Er schnupperte an der Türschwelle und lief direkt zu seinem alten Platz neben der Heizung.
Dort stand allerdings kein Körbchen mehr.
Ich holte es aus dem Abstellraum.
Dann füllte ich seinen Futternapf und stellte frisches Wasser daneben.
Markus beobachtete mich.
„Das kann doch jetzt nicht dein Ernst sein.“
Ich setzte mich auf den Teppich.
Oskar kam langsam zu mir, drückte seinen Kopf gegen mein Knie und ließ sich streicheln.
Er schnurrte.
Ganz leise zunächst.
Dann immer kräftiger.
Ich sah zu Markus hoch.
„Du musst deine Sachen packen.“
Er lachte kurz.
„Wie bitte?“
„Ich möchte nicht mehr mit dir zusammenleben.“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Du wirfst drei Jahre Beziehung weg? Wegen einer Katze?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Weil du etwas, das mir wichtig ist, einfach aus meinem Leben entfernt hast.“
„Ich wollte uns helfen!“
„Dann hättest du mit mir gesprochen.“
Er stand auf.
„Du übertreibst maßlos.“
Vielleicht hätte ich früher angefangen zu diskutieren.
Vielleicht hätte ich erklärt, weshalb Oskar so wichtig war, und versucht, Markus dazu zu bringen, meine Gefühle zu verstehen.
An diesem Abend hatte ich dafür keine Kraft mehr.
„Bitte pack deine Sachen.“
Markus ging ins Schlafzimmer.
Schubladen wurden aufgezogen. Schranktüren fielen zu.
Oskar zuckte bei jedem Geräusch zusammen.
Ich blieb neben ihm sitzen.
Nach ungefähr zwanzig Minuten kam Markus mit seiner Reisetasche zurück.
„Die Leute werden denken, du hast den Verstand verloren“, sagte er.
Ich schaute ihn an.
„Das dürfen sie.“
Er blieb an der Wohnungstür stehen.
„Du entscheidest dich tatsächlich für einen Kater statt für einen Mann.“
„Ich entscheide mich dafür, in meiner eigenen Wohnung wieder ruhig schlafen zu können.“
Er schüttelte den Kopf und ging.
Als die Tür ins Schloss fiel, begann ich erneut zu weinen.
Nicht nur um unsere Beziehung.
Auch darüber, wie lange ich versucht hatte, jemanden zufriedenzustellen, der meine Freude an den kleinen Dingen nicht verstehen wollte.
Oskar kletterte auf meinen Schoß.
Er legte eine Pfote auf meinen Unterarm.
Und blieb.
Die folgenden Tage waren schwieriger, als ich erwartet hatte.
Oskar fraß kaum.
Er versteckte sich wieder unter meinem Bett, obwohl er das seit Jahren nicht mehr getan hatte.
Wenn jemand im Treppenhaus laut sprach, zuckte er zusammen.
Ich rief bei unserer Tierarztpraxis an und ließ ihn untersuchen.
Körperlich war zum Glück alles in Ordnung. Die Tierärztin vermutete, dass ihn die fremde Umgebung sehr erschreckt hatte.
Sie erklärte mir, worauf ich achten sollte.
Vor allem sollte Oskar wieder Sicherheit bekommen.
Also hielt ich seine gewohnten Abläufe ein.
Morgens gab es Futter, bevor ich zur Arbeit fuhr.
Abends setzte ich mich neben sein Körbchen und redete mit ihm.
Manchmal kam er heraus.
Manchmal nicht.
Aber ich blieb geduldig.
Am dritten Abend legte er sich wieder neben mich auf das Sofa.
Ich saß ganz still, damit er nicht erschrak.
Nach einer Weile schob er seinen Kopf unter meine Hand.
Es war ein kleiner Moment.
Für mich bedeutete er unglaublich viel.
Bei der Arbeit erzählte ich meiner Kollegin Petra, was passiert war.
Petra war 59, hatte zwei erwachsene Töchter und arbeitete seit Jahren mit mir im Restaurant.
Sie hörte zu, während wir Besteck polierten.
Als ich fertig war, legte sie das Geschirrtuch auf den Tresen.
„Er hat Oskar einfach weggebracht?“
Ich nickte.
„Ohne dich zu fragen?“
„Ja.“
Sie schüttelte fassungslos den Kopf.
„Sabine, so etwas macht man doch nicht.“
Ihre Reaktion tat gut.
Doch nicht jeder sah es so.
Ein Kollege meinte am nächsten Tag, eine dreijährige Beziehung wegen einer Katze zu beenden sei vielleicht etwas übertrieben.
Ich wusste zunächst nicht, was ich antworten sollte.
Denn genau diese Frage stellte ich mir nachts manchmal selbst.
Hatte ich zu schnell entschieden?
Hätte ich Markus noch eine Chance geben sollen?
Dann erinnerte ich mich an Oskar, wie er zusammengerollt in diesem Käfig gesessen hatte.
Und an Markus, der nicht einmal verstanden hatte, warum ich weinte.
Es ging nicht darum, ob ein Tier wichtiger war als ein Mensch.
Es ging darum, dass jemand eine Entscheidung über mein Leben getroffen hatte, obwohl er genau wusste, wie viel mir dieses Tier bedeutete.
Petra brachte es eines Tages auf den Punkt.
„Sabine, wenn du seine Sachen einfach weggegeben hättest, weil sie dich stören, wäre er doch auch nicht begeistert gewesen.“
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