Aber hinter all dem Ärger steckte etwas, das ich damals noch nicht richtig verstanden hatte.
Die Jahre davor waren für uns nicht einfach gewesen.
Thomas hatte über vierzig Jahre als Handwerker gearbeitet.
Er war ein Mann, der immer etwas zu tun brauchte.
Früher kam er abends nach Hause, erzählte von seiner Arbeit und hatte noch genug Energie, um am Wochenende den Garten umzugraben.
Doch in den letzten Jahren wurde alles schwerer.
Sein Rücken machte Probleme.
Die Arbeit strengte ihn zunehmend an.
Und irgendwann saß er häufiger schweigend am Küchentisch, als dass er von seinem Tag erzählte.
Auch mir ging es nicht anders.
Ich arbeitete noch halbtags, kümmerte mich um den Haushalt und um meine Mutter, solange sie noch lebte.
Abends waren wir beide müde.
Nicht wütend.
Nicht unglücklich.
Einfach müde.
Früher konnten wir stundenlang miteinander reden.
Über unsere Pläne, über die Kinder, über kleine Dinge, die uns zum Lachen brachten.
Später bestanden unsere Gespräche manchmal nur noch aus wenigen Sätzen.
„Hast du Brot gekauft?“
„Ja.“
„Morgen kommt der Schornsteinfeger.“
„Gut.“
„Willst du noch einen Tee?“
„Nein, danke.“
Dann saßen wir nebeneinander und schauten fern.
Manchmal fragte ich mich, wann wir aufgehört hatten, wirklich miteinander zu reden.
Unsere Ehe war nicht schlecht.
Aber irgendetwas fehlte.
Dieses unbeschwerte Lachen von früher.
Die kleinen Neckereien.
Das Gefühl, dass wir nicht nur gemeinsam unseren Alltag erledigten, sondern ihn auch gemeinsam genossen.
Und ausgerechnet Kasimir brachte das langsam zurück.
Es begann mit Kleinigkeiten.
Eines Morgens schleppte er eine einzelne Socke aus dem Schlafzimmer in den Flur.
Dann setzte er sich davor und miaute so empört, als hätte die Socke ihn persönlich beleidigt.
Thomas kam aus dem Badezimmer.
„Was ist denn jetzt schon wieder los?“
Kasimir miaute lauter.
„Sabine! Deine Katze streitet mit meiner Socke!“
Ich lachte so heftig, dass mir die Tränen kamen.
Thomas versuchte ernst zu bleiben.
Aber dann zuckte sein Mundwinkel.
Und plötzlich lachte er mit.
Ein anderes Mal steckte Kasimir seinen Kopf in eine leere Müslipackung.
Er bekam ihn nicht mehr heraus.
Also rannte er rückwärts durchs Wohnzimmer, stieß gegen den Hocker und blieb schließlich zwischen zwei Stuhlbeinen sitzen.
Thomas sprang auf.
„Um Himmels willen, was macht der denn?“
Er befreite den Kater vorsichtig aus der Packung.
Kasimir schaute ihn einen Moment lang beleidigt an.
Dann ging er zum Futternapf, als wäre überhaupt nichts passiert.
Thomas setzte sich wieder hin.
Und lachte.
Richtig laut.
So laut hatte ich ihn seit Monaten nicht mehr lachen hören.
Ich stand in der Tür und sah ihm zu.
Damals dachte ich zum ersten Mal, dass dieser verrückte Kater vielleicht genau das war, was unserem Haus gefehlt hatte.
Trotzdem blieb Thomas bei seiner Meinung.
„Der Kerl ist eine einzige Katastrophe.“
Manchmal sagte er auch: „Wenn der noch einmal auf meinen Teller springt, kann er seine Sachen packen.“
Als könnte Kasimir einen Koffer tragen.
Und natürlich drohte er weiterhin damit, irgendwann auszuziehen.
Ich nahm das längst nicht mehr ernst.
Bis zu jener Nacht.
Es war kurz nach zwei Uhr morgens.
Ich wachte auf, weil mir etwas fehlte.
Zuerst wusste ich nicht, was es war.
Dann begriff ich es.
Das Haus war vollkommen still.
Normalerweise hörte man Kasimir nachts irgendwo herumlaufen.
Seine Krallen klackerten über den Flurboden.
Manchmal kratzte er an der Schlafzimmertür.
Oder irgendetwas fiel im Wohnzimmer herunter.
Doch diesmal war nichts zu hören.
Ich tastete neben mich.
Thomas war nicht da.
Seine Bettseite war leer.
Ich setzte mich auf.
„Thomas?“
Keine Antwort.
Ich zog meinen Morgenmantel an und ging in den Flur.
Im Wohnzimmer brannte eine kleine Lampe.
Als ich die Tür erreichte, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Thomas saß auf dem Boden.
Mit dem Rücken an unser Sofa gelehnt.
Er trug sein altes, ausgewaschenes Unterhemd und hatte die Beine ausgestreckt.
In seinen Armen lag Kasimir.
Ganz still.
Viel zu still.
„Thomas?“
Er blickte auf.
Und ich werde diesen Blick nie vergessen.
Mein Mann sah aus, als hätte er furchtbare Angst.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
Meine Stimme klang plötzlich fremd.
Thomas schaute wieder auf den Kater.
„Er hat sich übergeben“, sagte er leise. „Vorhin in der Küche.“
Ich ging sofort zu ihm.
„Und dann?“
„Dann ist er einfach liegen geblieben. Ich hab ihn hochgenommen, aber er war so schlapp.“
Kasimir lag zusammengerollt in seinen Armen.
Sein Kopf ruhte an Thomas’ Brust.
Normalerweise hätte er längst versucht, sich zu befreien.
Doch jetzt bewegte er sich kaum.
Ich kniete mich neben die beiden.
„Hast du beim tierärztlichen Notdienst angerufen?“
Thomas nickte.
„Ja. Ich hab alles beschrieben. Sie haben gesagt, wir sollen sofort kommen, wenn er weiter so schwach bleibt. Ich wollte gerade den Korb holen.“
Er schluckte.
„Aber ich wollte ihn nicht allein lassen.“
Ich streckte vorsichtig die Hand aus.
Kasimir öffnete ein wenig die Augen.
Dann kam ein ganz leises Miauen.
Mehr nicht.
Und plötzlich bemerkte ich etwas.
Thomas’ Hand zitterte.
Deutlich.
Er strich dem Kater immer wieder langsam über den Rücken.
Ganz vorsichtig.
So, als könnte jede falsche Bewegung ihm wehtun.
„Er hat vorhin noch ganz normal gefressen“, flüsterte Thomas.
Dann hielt er kurz inne.
„Ich verstehe das nicht.“
Ich hatte meinen Mann schon in vielen schwierigen Situationen erlebt.
Als sein Vater starb.
Als unsere Tochter nach einem Unfall im Krankenhaus lag.
Als er selbst wegen seines Rückens wochenlang kaum schlafen konnte.
Thomas war immer derjenige gewesen, der ruhig blieb.
Der sagte: „Das kriegen wir schon hin.“
Doch jetzt saß dieser große, kräftige Mann auf unserem Wohnzimmerboden.
Mit einem kleinen orangefarbenen Kater in den Armen.
Und seine Augen waren feucht.
„Ach, mein Kleiner“, murmelte er.
Ich sah ihn überrascht an.
Mein Kleiner.
Nicht „dieses Vieh“.
Nicht „deine Katze“.
Nicht „der Störenfried“.
Mein Kleiner.
Thomas beugte den Kopf.
„Mach mir das bloß nicht noch mal, hörst du?“
Seine Stimme brach beinahe.
Dann drückte er seine Wange ganz vorsichtig gegen Kasimirs Fell.
„Du musst doch morgen wieder meinen Kaffee bewachen.“
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