Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.
Wir legten Kasimir behutsam in die Transportbox und fuhren zum tierärztlichen Notdienst.
Thomas trug die Box die ganze Zeit selbst.
Im Wartezimmer stellte er sie nicht auf den Boden.
Er behielt sie auf seinem Schoß.
Immer wieder schob er einen Finger durch das Gitter.
Kasimir berührte ihn mit seiner Pfote.
Und jedes Mal sagte Thomas leise: „Ja, ich bin da.“
Die Tierärztin untersuchte unseren Kater gründlich.
Zum Glück gab es keine Anzeichen für eine schwere Vergiftung oder einen gefährlichen Verschluss.
Vermutlich hatte Kasimir etwas Unverträgliches erwischt, das seinen Magen ordentlich durcheinandergebracht hatte.
Er bekam Medikamente und Flüssigkeit.
Wir erhielten genaue Anweisungen, worauf wir zu Hause achten mussten.
Am frühen Morgen durften wir ihn wieder mitnehmen.
Während der Heimfahrt sagte Thomas kein Wort.
Er stellte die Transportbox auf den Rücksitz und überprüfte zweimal, ob sie sicher stand.
Zu Hause machte ich uns Kaffee.
Thomas setzte sich neben Kasimir auf den Küchenboden.
„Komm, alter Junge“, sagte er. „Jetzt ruhst du dich erst mal aus.“
Der Kater blinzelte schläfrig.
Thomas blieb noch lange bei ihm sitzen.
Am nächsten Morgen war Kasimir bereits deutlich munterer.
Er lief durch die Küche, schnupperte an seinem Napf und versuchte wenig später sogar, auf die Arbeitsplatte zu springen.
Thomas erwischte ihn gerade noch.
„Sag mal, hast du sie noch alle?“
Kasimir miaute.
„Gestern machst du uns hier verrückt, und heute willst du schon wieder Unsinn machen!“
Ich stand am Herd und musste lächeln.
„Ich dachte, du magst ihn nicht.“
Thomas warf mir einen empörten Blick zu.
„Tu ich auch nicht!“
Dann öffnete er den Kühlschrank.
Er nahm ein Stück gekochtes Hähnchenfleisch heraus, das er für sich aufgehoben hatte.
Ganz sorgfältig zupfte er ein winziges, ungewürztes Stückchen ab.
Er schaute zu mir herüber.
Ich tat so, als würde ich die Kaffeemaschine sauber machen.
Dann beugte er sich zu Kasimir.
„Hier. Aber sag deiner Mutter nichts.“
Kasimir nahm das Stückchen begeistert entgegen.
Ich konnte nicht mehr.
Ich lachte laut los.
Thomas richtete sich auf.
„Was denn?“
„Ach, nichts.“
„Der ist immer noch eine Plage“, sagte er.
„Natürlich.“
„Und wenn er wieder auf meinen Teller springt, gibt’s Ärger.“
„Ganz bestimmt.“
Thomas schüttelte den Kopf.
Dann hob er den Kater hoch und setzte ihn auf seinen Arm.
„Na komm, du kleiner Spinner.“
Kasimir schnurrte.
Mein Mann lächelte.
Nur ganz kurz.
Aber ich sah es.
Und plötzlich verstand ich, was dieser Kater in den vergangenen zwei Jahren mit uns gemacht hatte.
Er hatte nicht nur unser Wohnzimmer durcheinandergebracht.
Er hatte etwas aufgebrochen, das sich zwischen Thomas und mir über die Jahre eingeschlichen hatte.
Diese ständige Müdigkeit.
Das Schweigen.
Die Gewohnheit, Gefühle lieber für sich zu behalten.
Kasimir hatte uns wieder zum Lachen gebracht.
Er hatte Thomas dazu gebracht, liebevoll mit einem Lebewesen zu sprechen, obwohl mein Mann sonst kaum Worte für solche Dinge fand.
Und er hatte mir in jener Nacht gezeigt, dass der weiche, empfindsame Teil meines Mannes nie verschwunden war.
Er war die ganze Zeit da gewesen.
Unter all den Sorgen, den Rechnungen, den Rückenschmerzen und dem ewigen Satz: „Das brauchen wir doch nicht.“
Heute ist Kasimir wieder ganz der Alte.
Er schläft auf Thomas’ Winterjacke.
Er stiehlt seine Hausschuhe.
Und neulich hat er es tatsächlich geschafft, eine Scheibe Wurst direkt von Thomas’ Frühstücksbrot zu ziehen.
Mein Mann schimpfte so laut, dass ich ihn bis ins Badezimmer hörte.
„Sabine! Dieser Kater bringt mich noch ins Grab!“
Als ich in die Küche kam, saß Kasimir auf dem Stuhl neben ihm.
Thomas hatte ein neues Brot geschmiert.
Und neben seinem Teller lag ein kleines Stückchen Katzenleckerli.
„Was ist das denn?“, fragte ich.
Thomas schaute nicht auf.
„Der hat mich so blöd angeguckt.“
Ich lächelte.
„Ach so.“
Am Abend fand ich die beiden wieder im Fernsehsessel.
Kasimir lag auf Thomas’ Bauch.
Mein Mann hatte eine Hand auf seinem Rücken.
Beide schliefen.
Ich blieb einen Moment in der Tür stehen und betrachtete sie.
Dann holte ich eine Decke und legte sie vorsichtig über Thomas’ Beine.
Er öffnete kurz die Augen.
„Ist der Kater noch da?“, murmelte er verschlafen.
„Ja, Thomas.“
„Gut.“
Dann schloss er die Augen wieder.
Ich stand da und musste plötzlich weinen.
Nicht aus Traurigkeit.
Sondern weil ich begriff, wie viel Liebe manchmal in den unscheinbarsten Momenten steckt.
Mein Mann hat mir in fast dreißig gemeinsamen Jahren selten große Liebeserklärungen gemacht.
Er bringt mir morgens meinen Kaffee.
Er wärmt meine Hausschuhe an der Heizung, wenn meine Füße kalt sind.
Und wenn ich abends auf dem Sofa einschlafe, deckt er mich zu.
Früher habe ich manchmal gedacht, das sei zu wenig Romantik.
Heute weiß ich es besser.
Liebe muss nicht immer laut sein.
Manchmal sitzt sie nachts um zwei auf dem Wohnzimmerboden und hält einen kranken Kater im Arm.
Manchmal versteckt sie sich hinter einem mürrischen „Dieses Vieh macht mich wahnsinnig“.
Und manchmal sagt ein Mann, der angeblich keine Katzen mag, mit zitternder Stimme:
„Bleib bei mir, mein Kleiner.“
Thomas behauptet übrigens noch immer, Kasimir sei meine Katze.
Aber seit jener Nacht liegt neben seinem Fernsehsessel eine kleine, weiche Katzendecke.
Die hat er selbst gekauft.
Ohne mich zu fragen.
Und als ich wissen wollte, warum, sagte er nur:
„Der Kater wird schließlich auch nicht jünger.“
Ich habe nicht weiter nachgefragt.
Manche Dinge muss man nicht aussprechen.
Und jedes Mal, wenn Kasimir abends auf Thomas’ Schoß springt und mein Mann wie üblich „Runter da!“ schimpft, schaue ich einfach ein bisschen genauer hin.
Denn seine Hand liegt meistens schon auf dem orangefarbenen Fell, bevor er überhaupt zu Ende geschimpft hat.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis, die mir dieser unmögliche kleine Kater geschenkt hat:
Manchmal erkennt man die größte Liebe nicht daran, was ein Mensch sagt, sondern daran, wen er festhält, wenn er Angst hat, ihn zu verlieren.






