Hartmut lächelte.
„Der hat uns ganz schön auf Trab gebracht. Wir haben ihn bis oben am Hof gehört.“
Ich begann zu weinen.
Hartmut blieb bei mir, während über uns weitere Stimmen zu hören waren. Zwei Männer kamen mit einer Trage und Decken die Böschung herunter.
Sie sahen genauso einschüchternd aus wie Hartmut.
Einer hatte einen kahl rasierten Kopf und Tätowierungen bis zu den Handgelenken. Der andere war breitschultrig und trug schwere Arbeitsschuhe.
Doch als sie mein verletztes Bein sahen, wurden ihre Bewegungen unglaublich vorsichtig.
„Ganz ruhig“, sagte der Kahlköpfige. „Wir machen das zusammen.“
Sie polsterten mein Bein, sicherten mich auf der Trage und brachten mich langsam den Hang hinauf.
Balu wollte keinen Schritt von meiner Seite weichen.
Oben wartete ein alter Geländewagen. Die Männer hatten bereits den Rettungsdienst verständigt, aber die Zufahrt war wegen umgestürzter Äste schwierig.
Hartmut sprach erneut mit der Leitstelle.
Dann brachten sie mich zum nahe gelegenen Hof, wo die Rettungskräfte uns erreichen konnten.
Als sich die Tür öffnete, hörte ich Hunde bellen.
Nicht zwei oder drei.
Mindestens ein Dutzend.
In einem großen Raum mit alten Holzbalken standen mehrere Hundebetten. Überall lagen Decken, Kauspielzeuge und Wassernäpfe.
Ein alter Schäferhund hob kurz den Kopf. Ein kleiner schwarzer Mischling schaute aus seinem Körbchen.
Hartmut erklärte, dass sie die Tiere vorübergehend in einem anderen Raum unterbringen würden, damit die Sanitäter genug Platz hätten.
Er legte mich vorsichtig auf eine breite Couch.
„Du bleibst hier, Katharina. Die Hilfe ist unterwegs.“
Balu wollte zu mir springen, schaffte es aber wegen seines schmerzenden Beins nicht.
Der kahlköpfige Mann hob ihn behutsam hoch und setzte ihn neben mich.
„Na, du bist ja ein treuer Kerl“, murmelte er.
Balu legte sofort seinen Kopf auf meinen Bauch.
Ich sah die drei Männer an.
„Warum haben Sie so viele Hunde?“
Hartmut setzte sich auf einen alten Holzstuhl.
„Weil manche Tiere sonst keiner haben will.“
Er deutete auf den Schäferhund.
„Der da heißt Hasso. Dreimal zurückgegeben, weil er angeblich schwierig war. Dabei braucht er nur jemanden, der ihn in Ruhe lässt.“
Der kleine schwarze Hund war früher vor Menschen geflüchtet. Ein anderer hatte nach Jahren schlechter Haltung erst wieder lernen müssen, an der Leine zu gehen.
„Wir nehmen vor allem die auf, die in den Tierheimen kaum eine Chance haben“, sagte Hartmut.
Ich schaute auf seine tätowierten Hände.
Vielleicht bemerkte er meinen Blick.
„Du fragst dich wahrscheinlich, was drei Kerle wie wir hier draußen machen.“
Ich schwieg.
Er nickte langsam.
„Wir haben alle mal Mist gebaut. Richtigen Mist.“
Hartmut erzählte mir, dass er früher im Gefängnis gewesen war.
Die beiden anderen ebenfalls.
Sie hatten ihre Strafen verbüßt, aber danach kaum jemanden gefunden, der ihnen eine neue Chance geben wollte.
Kein Vermieter wollte ihnen eine Wohnung geben. Bei Bewerbungen wurden sie oft aussortiert, sobald ihre Vergangenheit zur Sprache kam.
Also hatten sie ihre Ersparnisse zusammengelegt und einen heruntergekommenen Hof gekauft.
Zuerst nahmen sie zwei Hunde auf.
Dann fünf.
Irgendwann kamen Menschen aus der Umgebung und baten sie, weitere Tiere zu übernehmen.
„Die Hunde interessieren sich nicht dafür, was früher war“, sagte Hartmut. „Die wollen wissen, ob sie dir heute vertrauen können.“
Ich sah zu Balu hinunter.
Zum ersten Mal seit Monaten hatte ich nicht das Gefühl, mich für meinen Hund rechtfertigen zu müssen.
Kurz darauf trafen die Rettungskräfte ein.
Im Krankenhaus stellten die Ärzte einen Bruch des rechten Unterschenkels, mehrere Prellungen und eine starke Unterkühlung fest.
Balu wurde von einem Tierarzt untersucht. Er hatte sich eine Pfote verletzt, würde aber wieder gesund werden.
Die Polizei nahm meine Aussage auf.
Ich erzählte alles.
Vom Streit.
Von der Fahrt.
Davon, wie Markus mich auf dem Waldweg zurückgelassen hatte.
Und davon, wie ich den Abhang hinuntergestürzt war.
Hartmut wartete währenddessen draußen auf dem Flur.
Als ich fertig war, fragte er nur:
„Hast du jemanden, den wir anrufen sollen?“
Ich dachte an meine Schwester.
Wir hatten seit fast einem Jahr kaum miteinander gesprochen.
Markus hatte immer behauptet, sie würde sich nur in unser Leben einmischen.
Mit zitternder Stimme nannte ich ihre Nummer.
Sie ging nach dem zweiten Klingeln ran.
„Katharina?“
Ich konnte zuerst nichts sagen.
Dann hörte ich sie schluchzen.
„Wo bist du? Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“
Am nächsten Tag kam sie ins Krankenhaus.
Sie umarmte mich so vorsichtig, dass mein verletztes Bein nicht berührt wurde.
„Ich dachte, du willst mich nicht mehr sehen“, sagte sie.
Ich schüttelte den Kopf.
„Das wollte ich nie.“
Gegen Markus wurde ermittelt. Aufgrund meiner Aussage und weiterer Beweise wurde er festgenommen. Ich erfuhr später, dass er gegenüber der Polizei behauptet hatte, ich sei freiwillig ausgestiegen.
Die Ermittlungen zogen sich hin.
Aber eines war mir bereits klar.
Ich würde nicht in sein Haus zurückkehren.
Als ich einige Tage später das Krankenhaus verlassen durfte, wusste ich trotzdem nicht, wohin.
Meine frühere Wohnung war längst neu vermietet. Ein Großteil meiner Sachen lag noch bei Markus. Auf das gemeinsame Konto konnte ich zunächst nicht zugreifen.
Meine Schwester bot mir ihr Gästezimmer an.
Doch sie lebte fast drei Stunden entfernt, und Balu brauchte weiterhin Ruhe und tierärztliche Kontrollen.
Da stand plötzlich Hartmut vor der Krankenhaustür.
Er trug eine alte Winterjacke und hielt einen Beutel mit Hundekeksen in der Hand.
„Balu sitzt im Wagen“, sagte er. „Er hat schon zweimal versucht, auf den Fahrersitz zu klettern.“
Ich musste zum ersten Mal seit Tagen lachen.
Dann wurde Hartmut ernst.
„Wir haben ein freies Zimmer auf dem Hof. Neben der Küche. Wenn du willst, kannst du erst mal bei uns bleiben.“
„Ich kann doch nicht einfach …“
„Doch. Kannst du.“
Er kratzte sich am Bart.
„Und ganz unter uns: Wir brauchen dringend jemanden, der mit Formularen umgehen kann. Wir sind drei erwachsene Männer und schaffen es nicht mal, unsere Unterlagen ordentlich abzuheften.“
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