Mein roter Kater Kalle verschwand jeden Morgen, bis ich ihm folgte und sein herzzerreißendes Geheimnis entdeckte

Als mein roter Kater eines Morgens mit einer frischen Narbe nach Hause kam, folgte ich ihm heimlich und entdeckte ein Geheimnis, das mich zum Weinen brachte.

„Kalle! Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt?“

Ich stand mitten in meiner Küche und starrte meinen Kater an. Über seiner Nase verlief ein frischer Kratzer. Sein linkes Ohr war eingerissen, und als er über die Fliesen lief, humpelte er auf einem Hinterbein.

Kalle schaute mich an, als wäre überhaupt nichts passiert.

Dann setzte er sich vor seinen Futternapf und miaute.

Ich war 67 Jahre alt, seit vier Jahren Witwe und hatte geglaubt, nach einem langen Leben mit meinem Mann könnte mich so schnell nichts mehr überraschen.

Dann war Kalle bei mir eingezogen.

Dieser dickköpfige rote Kater hatte innerhalb weniger Monate mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.

Und was ich damals noch nicht wusste: Er hatte längst begonnen, auch das Leben eines anderen Menschen zu verändern.

Aber davon erzählte mir natürlich niemand.

Schon gar nicht Kalle.

Ich wohnte in einer kleinen Reihenhaussiedlung am Rand von Kassel. Die Häuser standen dicht beieinander, hinter den Gärten verlief ein schmaler Fußweg, und die meisten Nachbarn kannten sich seit Jahrzehnten.

Es war eine ruhige Straße.

Zumindest war sie das gewesen, bevor mein Kater beschloss, die gesamte Nachbarschaft zu seinem persönlichen Revier zu erklären.

Kalle war kein hübscher Kater im gewöhnlichen Sinn.

Er hatte einen breiten Kopf, einen etwas schiefen Blick und einen Bauch, der beim schnellen Laufen leicht hin und her schaukelte. Sein rotes Fell war an manchen Stellen heller, an anderen dunkler, und seine Schnurrhaare standen selten ordentlich.

Er sah aus wie ein alter Kneipengast, der schon jede Geschichte gehört hatte und trotzdem noch eine Meinung dazu hatte.

Und er benahm sich genauso.

Wenn ich morgens die Terrassentür öffnete, marschierte er hinaus, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

Manchmal kam er nach zwei Stunden zurück.

Manchmal erst am Abend.

Dann roch sein Fell nach fremden Kellern, feuchter Erde oder irgendeinem Essen, das ganz bestimmt nicht aus meinem Haus stammte.

Einmal schleppte er ein Stück Wurst mit nach Hause.

Ein anderes Mal fand ich eine fremde Socke unter meinem Küchentisch.

Woher er die hatte, weiß ich bis heute nicht.

Und wenn Kalle abends auf meinem alten Sessel einschlief, sah er aus wie der friedlichste Kater der Welt.

Das machte mich manchmal beinahe wahnsinnig.

Denn außerhalb unserer vier Wände war Kalle offenbar berüchtigt.

Die erste Beschwerde kam von meiner Nachbarin Ingrid.

Sie stand eines Nachmittags vor meiner Tür, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Renate, dein Kater hat schon wieder meinen Blumenplatz umgegraben.“

„Bist du sicher, dass es Kalle war?“

Ingrid sah mich lange an.

„Renate. Er hat dabei auf meiner Gartenbank gesessen und mich angeschaut.“

Ich seufzte.

Natürlich hatte er das.

Eine Woche später beschwerte sich Herr Petersen von gegenüber, dass Kalle seine Katze Mieze regelmäßig vom Gartenzaun verscheuchte.

Dann erzählte mir eine andere Nachbarin, mein Kater hätte sich durch ihr geöffnetes Küchenfenster geschlichen und ein Stück Schinken vom Teller genommen.

Ich entschuldigte mich.

Mehr als einmal.

Schließlich lag sogar ein Zettel in meinem Briefkasten.

Darauf stand:

„Ihr roter Kater sitzt ständig auf meinem Auto. Er weigert sich wegzugehen und schaut mich an, als wäre ich derjenige, der dort nichts zu suchen hat.“

Ich musste lachen.

Nicht, weil ich die Beschwerden nicht ernst nahm.

Sondern weil ich mir Kalle dabei so lebhaft vorstellen konnte.

Natürlich versuchte ich, ihn häufiger im Haus zu behalten.

Ich kaufte ihm ein neues Kratzbrett, einen großen Spieltunnel und sogar ein weiches Kissen für die Fensterbank.

Kalle betrachtete alles mit mäßigem Interesse.

Dann setzte er sich vor die Terrassentür.

Und miaute.

Nicht einmal.

Nicht zweimal.

Er konnte eine ganze Stunde lang miauen, immer wieder, in unterschiedlichen Tonlagen, als würde er mir ausführlich erklären, warum meine Entscheidung vollkommen unvernünftig war.

Manchmal hielt ich durch.

Manchmal gab ich nach.

Aber so ärgerlich er auch sein konnte, ich liebte diesen Kater.

Mehr, als ich jemandem gegenüber zugegeben hätte.

Mein Mann Klaus war nach 41 gemeinsamen Jahren gestorben.

Danach hatte unser Haus plötzlich eine Stille, die ich vorher nicht gekannt hatte.

Früher hörte ich morgens die Kaffeemaschine, seine Schritte im Flur und sein leises Pfeifen, wenn er im Badezimmer stand.

Jetzt hörte ich manchmal nur das Ticken der Küchenuhr.

Es gab Tage, an denen ich den Fernseher einschaltete, obwohl ich gar nichts sehen wollte.

Nur damit jemand sprach.

Meine Tochter lebte in Hannover. Wir telefonierten regelmäßig, aber sie hatte ihre Arbeit, ihre Familie und ihr eigenes Leben.

Ich wollte nicht ständig die Mutter sein, die anrief, weil das Haus zu still geworden war.

Dann brachte eine Bekannte Kalle zu mir.

Damals war er bereits ein erwachsener Kater. Sein vorheriger Besitzer konnte sich nicht mehr um ihn kümmern.

„Er ist etwas eigenwillig“, hatte sie gesagt.

Etwas eigenwillig.

Darüber konnte ich später nur lachen.

Aber Kalle brachte Leben zurück in mein Haus.

Er weckte mich morgens, indem er mit seiner Pfote an meiner Bettdecke zog.

Er setzte sich auf die Zeitung, sobald ich sie lesen wollte.

Und wenn ich abends auf dem Sofa saß, sprang er neben mich und legte seinen schweren Kopf gegen mein Bein.

Manchmal redete ich mit ihm.

Über Klaus.

Über den Garten.

Über Dinge, die mir fehlten.

Kalle hörte zu, solange ich ihn hinter den Ohren kraulte.

Vielleicht bildete ich mir das nur ein.

Aber manchmal hatte ich das Gefühl, er verstand mehr, als ich dachte.

Bis zu jenem Dienstagmorgen.

Als er mit dieser frischen Verletzung nach Hause kam.

Ich hob ihn vorsichtig auf den Küchentisch und untersuchte seine Pfote.

„Jetzt reicht es wirklich, mein Freund“, sagte ich. „Du kannst doch nicht jeden Tag irgendwo Streit anfangen.“

Kalle blinzelte.

Dann leckte er sich seelenruhig die Brust.

Ich rief in der Tierarztpraxis an und bekam noch am selben Vormittag einen Termin.

Zum Glück waren die Verletzungen oberflächlich. Die Tierärztin reinigte den Kratzer und untersuchte sein Bein.

„Nichts Ernstes“, sagte sie. „Aber Sie sollten versuchen herauszufinden, wo er sich immer herumtreibt.“

Das hatte ich längst vor.

Und diesmal würde ich mich nicht von diesem unschuldigen Katerblick umstimmen lassen.

Zwei Tage später war Kalle wieder ganz der Alte.

Er stand vor der Katzenklappe, streckte sich ausgiebig und verschwand im Garten.

Ich zog schnell meine Schuhe an.

Dann folgte ich ihm.

Zunächst kam ich mir vollkommen lächerlich vor.

Eine 67 Jahre alte Frau, die ihrem eigenen Kater heimlich durch die Nachbarschaft nachschlich.

Wenn Ingrid mich gesehen hätte, hätte sie bestimmt noch wochenlang davon erzählt.

Doch Kalle bemerkte mich nicht.

Er lief über unseren Rasen, schlüpfte zwischen zwei Hecken hindurch und verschwand hinter dem Gartenhaus unserer Nachbarn.

Ich ging langsam hinterher.

Er überquerte den schmalen Fußweg und schob sich durch eine Lücke unter einem alten Holztor.

Ich musste außen herumgehen.

Dabei fiel mir etwas auf.

Kalle blieb nirgendwo stehen.

Er schnupperte nicht an den Blumen.

Er beobachtete keine Vögel.

Er schien auch überhaupt nicht daran interessiert, sich mit einer anderen Katze anzulegen.

Er hatte ein Ziel.

Und er kannte den Weg genau.

Nach einigen Minuten erreichte er das älteste Haus unserer Straße.

Dort wohnte Herr Walter Bergmann.

Walter war 79 Jahre alt und lebte seit dem Tod seiner Frau allein.

Wir grüßten uns gelegentlich, wenn wir uns vor den Mülltonnen oder auf dem Gehweg begegneten.

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