Aber viel wusste ich nicht über ihn.
Er war ein stiller Mann.
Früher hatte er oft im Vorgarten gearbeitet. Ich erinnerte mich, wie er gemeinsam mit seiner Frau Rosen geschnitten und die Hecke gepflegt hatte.
Seit sie gestorben war, veränderte sich das Haus langsam.
Die Rosen wuchsen durcheinander.
Der Lack am Gartentor blätterte ab.
Und die Gardinen waren oft den ganzen Tag geschlossen.
Ich hatte manchmal darüber nachgedacht, bei Walter zu klingeln.
Aber dann war immer irgendetwas dazwischengekommen.
Oder ich hatte mir eingeredet, dass er vielleicht lieber seine Ruhe wollte.
Jetzt sah ich, wie Kalle direkt auf seine hintere Terrasse zulief.
Er sprang auf die unterste Stufe.
Setzte sich.
Und wartete.
Ich blieb hinter einer hohen Hecke stehen.
Nach ungefähr einer Minute öffnete sich die Terrassentür.
Walter trat heraus.
Er trug eine alte graue Strickjacke, eine dunkle Stoffhose und Hausschuhe.
Er sah schmaler aus als bei unserer letzten Begegnung.
Sein Rücken war stärker gebeugt, und seine Haare standen ein wenig ungeordnet vom Kopf ab.
Doch als er Kalle entdeckte, geschah etwas, das mich sofort berührte.
Sein Gesicht veränderte sich.
Es war kein großes Lächeln.
Nur ein kleines, warmes Aufleuchten.
Aber ich sah es ganz deutlich.
„Na, da bist du ja endlich“, sagte er.
Kalle erhob sich, streckte seinen Rücken und rieb seinen Kopf gegen Walters Bein.
„Ich habe schon auf dich gewartet, du alter Streuner.“
Dann verschwand mein Kater einfach durch die offene Tür.
Ich traute meinen Augen nicht.
Walter ließ ihn hinein, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Wenig später kam er wieder heraus.
Diesmal mit einem verblichenen Sitzkissen und einer kleinen Schale Wasser.
Er legte das Kissen auf einen trockenen Platz neben der Hauswand.
Kalle sprang darauf, drehte sich zweimal im Kreis und ließ sich nieder.
Walter setzte sich langsam auf einen Gartenstuhl daneben.
Dann begann er zu sprechen.
Zuerst verstand ich kaum etwas.
Seine Stimme war leise.
Doch als er ein wenig näher rückte, konnte ich einzelne Sätze hören.
„Weißt du, früher hat meine Hannelore hier immer die Geranien hingestellt.“
Er deutete auf eine leere Ecke der Terrasse.
„Jeden Frühling. Ich habe ihr gesagt, dass drei Töpfe reichen. Aber sie kam immer mit sechs nach Hause.“
Er lachte leise.
Kalle hob den Kopf.
„Und ich habe jedes Jahr geschimpft. Dabei würde ich heute alles dafür geben, wenn sie noch einmal mit diesen Töpfen durch die Tür käme.“
Dann wurde Walter still.
Er strich mit seiner Hand über Kalles Rücken.
Langsam.
Immer wieder.
„Gestern habe ich endlich ihre Tasse aus dem Schrank genommen“, sagte er nach einer Weile.
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog.
„Drei Jahre stand sie da. Ganz hinten. Ich konnte sie nicht anfassen.“
Kalle schnurrte.
Walter sah auf seine Hände.
„Manchmal weiß ich morgens nicht, warum ich überhaupt aufstehen soll.“
Seine Stimme klang plötzlich brüchig.
„Es wartet ja keiner mehr.“
Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
Dann sagte er etwas, das ich nie vergessen werde.
„Außer dir, mein Junge. Du kommst wenigstens jeden Morgen vorbei.“
Kalle legte seine große rote Pfote auf Walters Hausschuh.
Der alte Mann lächelte.
Und plötzlich liefen ihm Tränen über die Wangen.
Ich hätte mich in diesem Moment zurückziehen sollen.
Das wusste ich.
Aber ich stand wie angewurzelt hinter der Hecke.
Bis mein Fuß gegen einen leeren Blumentopf stieß.
Es schepperte.
Walter drehte sich um.
„Hallo? Ist da jemand?“
Ich trat hervor.
Mein Gesicht wurde heiß.
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Bergmann. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“
Er sah mich überrascht an.
Dann erkannte er mich.
„Frau Hoffmann?“
Ich nickte und deutete verlegen auf Kalle.
„Das ist mein Kater.“
Walter blickte zu Kalle.
Dann wieder zu mir.
„Ihr Kater?“
„Ja. Er heißt Kalle. Ich bin ihm gefolgt, weil er ständig verletzt nach Hause kommt. Und weil sich schon mehrere Nachbarn über ihn beschwert haben.“
Ich holte Luft.
„Es tut mir wirklich leid. Ich wusste nicht, dass er auch Sie belästigt.“
Walter schaute mich einen Moment lang schweigend an.
Dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Belästigt?“
Er legte seine Hand auf Kalles Rücken.
Mein Kater schloss zufrieden die Augen.
„Frau Hoffmann“, sagte Walter leise, „dieser alte Rabauke ist der einzige Grund, warum ich mich morgens überhaupt noch ordentlich anziehe.“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
Walter sah zu Boden.
„Seit Hannelore nicht mehr da ist, sind die Tage lang geworden. Sehr lang.“
Er schluckte.
„Am Anfang kamen die Leute noch vorbei. Die Nachbarn brachten Kuchen. Meine Nichte rief öfter an. Aber irgendwann geht das Leben für alle weiter.“
Er machte eine Pause.
„Das verstehe ich ja auch.“
Kalle drückte seinen Kopf gegen Walters Hand.
„Nur für mich ist es manchmal stehen geblieben.“
Ich setzte mich auf die freie Stufe neben der Terrasse.
Walter erzählte weiter.
Wie schwer es ihm gefallen war, allein am Küchentisch zu sitzen.
Wie er irgendwann aufgehört hatte, für sich selbst richtig zu kochen.
Wie er manche Tage verbrachte, ohne mit einem einzigen Menschen zu sprechen.
„Dann saß eines Morgens dieser Kater vor meiner Tür.“
Er lächelte.
„Ich hatte ein Stück gekochtes Hähnchen übrig. Das hat er mir praktisch aus der Hand genommen.“
Ich musste lachen.
„Ja. Das klingt nach Kalle.“
„Am nächsten Tag kam er wieder. Und am übernächsten auch.“
Walter strich über das eingerissene Ohr meines Katers.
„Jetzt weiß ich morgens schon, dass er kommt. Also stehe ich auf. Ziehe mich an. Mache Kaffee.“
Seine Augen wurden feucht.
„Manchmal erzähle ich ihm Dinge, die ich sonst niemandem mehr erzählen kann.“
Ich dachte an mein eigenes Haus.
An Klaus‘ leeren Platz am Küchentisch.
An all die Abende, an denen ich mit Kalle gesprochen hatte, nur um nicht allein mit meinen Gedanken zu sein.
Plötzlich verstand ich.
Mein Kater war nicht nur bei mir gewesen.
Er hatte offenbar noch jemanden gefunden, der ihn genauso dringend brauchte.
„Wissen Sie“, sagte ich leise, „ich rede auch mit ihm.“
Walter sah mich an.
„Wirklich?“
„Jeden Abend.“
Er lachte.
Diesmal klang es anders.
Wärmer.
Fast erleichtert.
Wir saßen noch lange zusammen.
Zum ersten Mal erzählte mir Walter ausführlich von Hannelore.
Von ihrem kleinen Gemüsegarten.
Von ihrer Liebe zu alten Schlagern.
Von den Sonntagen, an denen sie gemeinsam Kartoffelsuppe gekocht hatten.
Ich erzählte ihm von Klaus.
Und irgendwann merkte ich, dass wir beide schon lange nicht mehr so viel geredet hatten.
Kalle schlief währenddessen auf seinem Kissen.
Als hätte ihn das alles überhaupt nichts angegangen.
Bevor ich ging, fragte Walter vorsichtig: „Darf er denn weiterhin vorbeikommen?“
Ich sah auf meinen roten Kater.
Dann auf den alten Mann.
„Natürlich darf er das.“
Walter atmete hörbar aus.
„Danke.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, Herr Bergmann. Ich glaube, ich muss Ihnen danken.“
Von diesem Tag an änderte sich einiges.
Kalle durfte weiterhin in Walters Garten.
Aber ich achtete darauf, ihn nachts im Haus zu behalten, kümmerte mich um seine kleinen Verletzungen und versuchte, seine Besuche bei anderen Nachbarn besser im Blick zu behalten.
Mit Ingrid sprach ich ebenfalls.
Wir fanden eine Lösung für ihre Blumenbeete.
Herr Petersen bekam von mir ein neues Schutzgitter für seinen Gartenzaun, damit seine Katze ungestört blieb.
Und wegen des gestohlenen Schinkens brachte ich meiner Nachbarin einen selbst gebackenen Kuchen vorbei.
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