Kalle selbst zeigte keinerlei Reue.
Er saß währenddessen auf meinem Fensterbrett und beobachtete uns, als würden wir Menschen unnötig viel Aufhebens um seine Angelegenheiten machen.
Aber das Wichtigste geschah einige Tage später.
Ich nahm zwei Stücke Apfelkuchen und ging zu Walter hinüber.
Diesmal klingelte ich.
Nicht, weil ich meinem Kater folgte.
Sondern weil ich selbst jemanden besuchen wollte.
Walter öffnete die Tür.
Er sah überrascht aus.
Dann lächelte er.
„Frau Hoffmann!“
„Ich habe Kuchen mitgebracht. Haben Sie vielleicht Lust auf einen Kaffee?“
Er antwortete nicht sofort.
Stattdessen trat er einen Schritt zur Seite.
„Kommen Sie rein.“
Auf seinem Küchentisch standen zwei Tassen.
Eine schlichte weiße.
Und eine mit kleinen blauen Blumen.
Ich erkannte sofort, welche Hannelore gehört haben musste.
Walter bemerkte meinen Blick.
„Ich habe sie gestern wieder benutzt“, sagte er.
Dann fügte er ganz leise hinzu:
„Irgendwie dachte ich, sie würde sich darüber freuen.“
Wir tranken Kaffee.
Später holte Walter ein altes Fotoalbum hervor.
Ich sah Bilder von ihm und Hannelore als jungem Paar, von ihrem Hochzeitstag und von Reisen an die Ostsee.
Er zeigte mir ein Foto von Hannelore mit einem kleinen roten Kater auf dem Schoß.
„Das war unser Fritzi“, erklärte er.
Ich betrachtete das Bild.
Fritzi hatte denselben breiten Kopf wie Kalle.
Denselben störrischen Blick.
Walter lächelte traurig.
„Vielleicht mag ich Ihren Kalle deshalb so besonders.“
Ich legte meine Hand kurz auf seinen Arm.
Wir sagten beide nichts.
Manchmal braucht ein Mensch keinen klugen Rat.
Manchmal reicht es, wenn jemand einfach bleibt.
In den folgenden Wochen wurde aus unseren gelegentlichen Besuchen eine kleine Gewohnheit.
Dienstags tranken wir bei Walter Kaffee.
Donnerstags kam er manchmal zu mir.
Er half mir, eine lockere Schranktür zu reparieren, und ich brachte ihm selbst gekochte Suppe mit.
Gelegentlich gingen wir gemeinsam eine kleine Runde durch die Siedlung.
Nicht weit.
Nur bis zum Ende der Straße und wieder zurück.
Aber Walter begann wieder, regelmäßig seinen Vorgarten zu pflegen.
Eines Tages standen dort sogar neue Geranien.
Sechs Töpfe.
Keiner weniger.
Als ich ihn darauf ansprach, lächelte er nur.
„Hannelore hätte sich beschwert, wenn es bloß drei gewesen wären.“
Kalle blieb trotzdem Kalle.
Er klaute weiterhin gelegentlich Futter, das nicht ihm gehörte.
Er saß auf Gartenmauern und betrachtete vorbeigehende Menschen mit seinem unverwechselbar strengen Blick.
Und einmal erwischte ich ihn dabei, wie er mitten auf dem Gehweg saß und sich weigerte, einem Fahrradfahrer Platz zu machen.
Ich hob ihn hoch und trug ihn nach Hause.
Er protestierte lautstark.
Doch inzwischen wusste ich etwas über diesen eigensinnigen Kater, das die meisten Menschen in unserer Straße nicht wussten.
Hinter seinem zerkratzten Gesicht steckte ein erstaunlich sanftes Herz.
Ein paar Monate später passierte etwas, das mir noch einmal zeigte, wie sehr sich unser Leben verändert hatte.
Walter war wegen einer Untersuchung für zwei Tage im Krankenhaus.
Es war nichts Ernstes.
Aber natürlich verstand Kalle das nicht.
Am ersten Morgen saß er wie gewohnt vor Walters Terrassentür.
Und wartete.
Als niemand öffnete, legte er sich auf die Fußmatte.
Ich beobachtete ihn aus einiger Entfernung.
Nach einer Weile ging ich hinüber.
„Er ist heute nicht da, mein Großer“, sagte ich.
Kalle schaute mich an.
Dann zurück zur Tür.
Er blieb sitzen.
Ich setzte mich neben ihn auf die Stufe.
„Er kommt wieder“, flüsterte ich.
Eine halbe Stunde saßen wir dort.
Ein alter Kater.
Eine alte Frau.
Und eine verschlossene Tür.
Am nächsten Tag kam Walter zurück.
Ich half ihm, seine Tasche ins Haus zu tragen.
Kalle stand bereits auf der Terrasse.
Als Walter die Tür öffnete, lief er sofort zu ihm.
Er rieb sich so heftig an seinen Beinen, dass Walter beinahe das Gleichgewicht verlor.
„Na, na, mein Junge“, lachte er. „Ich bin doch wieder da.“
Dann hob er den Kopf und sah mich an.
Seine Augen glänzten.
„Er hat mich vermisst.“
Ich nickte.
„Ja, Walter. Das hat er.“
Walter bückte sich vorsichtig und strich Kalle über den Rücken.
„Ich dich auch, alter Freund.“
An diesem Abend saß ich zu Hause auf meinem Sessel.
Kalle lag schwer und zufrieden auf meinem Schoß.
Sein Ohr war noch immer eingerissen.
Über seiner Nase verlief inzwischen eine kleine helle Narbe.
Er sah aus wie ein Kater, der sein ganzes Leben damit verbracht hatte, Schwierigkeiten zu suchen.
Ich fuhr mit meinen Fingern durch sein rotes Fell.
„Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast?“, fragte ich.
Kalle schnurrte.
„Ich dachte immer, du gehst nur raus, um Unsinn zu machen.“
Er öffnete ein Auge.
„Dabei hast du Walter geholfen. Und irgendwie hast du mir auch geholfen.“
Ich musste lächeln.
Denn ohne Kalle hätte ich wahrscheinlich weiterhin nur freundlich über den Gartenzaun gegrüßt.
Ich hätte nie erfahren, wie einsam Walter gewesen war.
Und Walter hätte vielleicht nie erfahren, dass im Haus ein paar Türen weiter eine Frau lebte, die seine Stille nur zu gut verstand.
Heute sind seit diesem ersten Besuch viele Monate vergangen.
Walter und ich trinken noch immer regelmäßig Kaffee.
Seine Geranien stehen wieder auf der Terrasse.
Manchmal höre ich ihn im Garten lachen, wenn Kalle versucht, sich auf seinem Stuhl breitzumachen.
Und jeden Morgen, wenn mein roter Kater vor der Tür steht, sage ich:
„Na los, Kalle. Dein Freund wartet bestimmt schon.“
Dann läuft er hinaus.
Mit seinem dicken Bauch, seinem schiefen Ohr und diesem selbstbewussten Gang, als gehöre ihm die ganze Straße.
Ich schaue ihm nach, bis er hinter der Hecke verschwindet.
Früher dachte ich, Kalle würde durch die Nachbarschaft streifen, weil er nirgendwo lange bleiben wollte.
Heute weiß ich, dass ich mich geirrt habe.
Er hatte längst ein Zuhause.
Meines.
Aber irgendwie hatte er verstanden, dass hinter einer anderen Tür noch jemand saß, der Gesellschaft brauchte.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht hatte Walter ihn einfach ein paarmal gefüttert, und daraus war eine Gewohnheit geworden.
Ich weiß es nicht.
Und eigentlich spielt es auch keine Rolle.
Denn was daraus entstanden ist, war echt.
Zwei einsame Menschen fanden wieder jemanden, mit dem sie reden konnten.
Ein altes Haus bekam seine Geranien zurück.
Und ein mürrischer roter Kater bekam einen zweiten Menschen, der jeden Morgen auf ihn wartete.
Manchmal denke ich an Klaus und frage mich, was er zu Kalle gesagt hätte.
Wahrscheinlich hätte er gelacht und gemeint:
„Renate, dieser Kater hat mehr Freunde als wir beide zusammen.“
Und vielleicht hätte er sogar recht gehabt.
Denn Kalle hat mir etwas beigebracht, das ich mit 67 Jahren beinahe vergessen hatte.
Man muss nicht immer die richtigen Worte finden, um einem einsamen Menschen etwas Gutes zu tun. Manchmal reicht es, regelmäßig vor seiner Tür zu erscheinen und ihm zu zeigen, dass er nicht vergessen ist.
Und jedes Mal, wenn Kalle abends nach Hause kommt, sich neben mich legt und zufrieden schnurrt, denke ich an Walter, der am nächsten Morgen wieder auf ihn warten wird.
Dann streichle ich meinen alten roten Rabauken und flüstere:
„Du bist vielleicht nicht der bravste Kater der Welt, Kalle. Aber ich glaube, du bist genau dort aufgetaucht, wo man dich gebraucht hat.“






