An Sitzungen, in denen Menschen über „gesellschaftliche Verantwortung“ redeten und anschließend zwanzig Minuten darüber diskutierten, wer für einen Betrag zuständig war, der für manche Familien über einen ganzen Monat entschied.
Man macht das doch so.
Vielleicht war Menschlichkeit tatsächlich einfacher, als Erwachsene sie machten.
Der Wagen hielt vor einem alten Mehrfamilienhaus.
Der Putz war an einigen Stellen grau geworden. Die Klingelschilder waren nicht einheitlich, im Treppenhaus roch es nach Waschmittel und gekochten Kartoffeln.
Doch vor der Eingangstür standen drei Töpfe mit roten Geranien.
Alles wirkte schlicht.
Aber gepflegt.
Lena lief die Treppe hoch.
Matthias folgte ihr.
Im dritten Stock zog sie einen Schlüssel aus der Seitentasche ihres Rucksacks.
„Mama?“, rief sie beim Öffnen.
Keine Antwort.
Dann hörten sie hastige Schritte.
Eine Frau erschien im Flur.
Matthias hatte sich vorgestellt, Katharina Weber zum ersten Mal sorgfältig geschminkt in einem schönen Kleid zu sehen.
Stattdessen trug sie eine ausgewaschene Jogginghose, ein altes graues T-Shirt und dicke Wollsocken.
Ihr blondes Haar war zu einem unordentlichen Knoten gebunden.
Ihr Gesicht war kreidebleich.
Und in ihren Augen lag blanke Panik.
„Lena!“
Sie stürzte auf ihre Tochter zu.
„Wo warst du?“
Lena blieb stehen.
„Mama, ich—“
Katharina zog sie an sich.
Dann schob sie sie eine Armlänge von sich weg.
„Ich bin aufgewacht und du warst weg. Ich habe Frau Schneider angerufen, ich habe im Haus gesucht, ich wollte gerade die Polizei verständigen!“
„Ich wollte doch nur—“
„Du gehst niemals einfach weg! Niemals!“
Ihre Stimme brach.
„Hast du verstanden?“
Lena begann zu weinen.
„Es tut mir leid.“
Katharina schloss die Augen und zog sie wieder an sich.
„Du hast mir solche Angst gemacht.“
Dann bemerkte sie Matthias.
Sofort erstarrte sie.
„Wer sind Sie?“
Lena schniefte.
„Das ist Herr Berger.“
Katharina sah von ihrer Tochter zu Matthias.
Und zurück.
„Herr … Berger?“
„Matthias Berger.“
Katharina wurde noch blasser.
„Nein.“
Sie sah Lena an.
„Nein, nein, nein. Sag mir bitte nicht, dass du—“
„Ich bin zu eurem Treffen gefahren.“
Katharina starrte sie an.
„Lena!“
„Du warst doch krank und hast geschlafen und ich wollte nicht, dass er denkt, du willst ihn nicht kennenlernen.“
„Darum geht es überhaupt nicht!“
Katharina presste sich eine Hand an die Stirn.
„Du kannst doch nicht einfach—“
Sie schwankte.
Matthias machte zwei Schritte nach vorn und fing sie am Arm ab.
„Setzen Sie sich.“
Katharina zog ihren Arm zurück.
„Es geht schon.“
„Nein“, sagte Matthias. „Tut es offensichtlich nicht.“
Sie wollte protestieren.
Doch dann sank sie auf das Sofa.
Matthias sah sich kurz um.
Die Wohnung war klein.
Ein älteres Sofa.
Ein Esstisch mit vier unterschiedlichen Stühlen.
Ein Bücherregal, das an einer Stelle mit einem Holzkeil stabilisiert war.
An der Wand hingen Kinderzeichnungen und Fotos in einfachen Rahmen.
Auf einem Bild stand Katharina mit Lena an einem See und hielt zwei Eisbecher in den Händen.
Beide lachten.
Es war kein luxuriöses Zuhause.
Aber es fühlte sich bewohnt an.
Warm.
Echt.
Katharina bemerkte seinen Blick.
Und plötzlich erschien etwas in ihrem Gesicht, das Matthias nur zu gut kannte.
Scham.
„Das hatte ich mir anders vorgestellt“, murmelte sie.
„Was?“
„Dass Sie mein Leben sehen.“
Sie lachte bitter.
„Ich wollte wenigstens ein ordentliches Kleid tragen, bevor der erfolgreiche Geschäftsmann meine gebrauchten Möbel begutachtet.“
Matthias sah sie überrascht an.
„Ich begutachte Ihre Möbel nicht.“
„Noch schlimmer. Sie müssen gar nichts sagen.“
„Katharina—“
„Sie sehen vermutlich Wohnungen, in denen die Küche mehr kostet als dieses gesamte Apartment.“
Matthias schwieg kurz.
Dann setzte er sich auf den alten Sessel gegenüber.
„Mein Vater ist in einer Zweizimmerwohnung mit Kohleofen aufgewachsen.“
Katharina blickte ihn an.
„Und?“
„Und er hätte mich aus dem Haus gejagt, wenn er gehört hätte, dass ich den Wert eines Menschen an seinem Sofa festmache.“
Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesicht.
Nur ein wenig.
„Ihre Tochter hat heute etwas Gefährliches und ziemlich Unvernünftiges getan“, fuhr Matthias fort. „Darüber müssen Sie mit ihr reden.“
Lena senkte den Kopf.
„Aber sie hat es getan, weil sie Sie liebt.“
Katharina schluckte.
„Sie wollte nicht, dass Sie eine Chance auf etwas Schönes verlieren.“
„Ich wollte nur, dass du wieder lächelst“, sagte Lena leise.
Katharina sah ihre Tochter an.
Die Wut fiel aus ihrem Gesicht.
Zurück blieb Erschöpfung.
Und etwas viel Tieferes.
Sie zog Lena zu sich und küsste ihre Stirn.
„Mein Glück ist niemals wichtiger als deine Sicherheit.“
„Ich weiß.“
„Versprich mir, dass du nie wieder so etwas machst.“
„Versprochen.“
Matthias stand auf.
„Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“
Katharina sah ihn irritiert an.
„Wie bitte?“
„Sie haben Fieber.“
„Das ist nur ein Infekt.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Heute Morgen vielleicht.“
„Und seitdem?“
Sie schwieg.
Matthias ging Richtung Küche.
„Wo wollen Sie hin?“
„Nachsehen, ob Sie etwas Essbares haben.“
Katharina richtete sich empört auf.
„Sie können doch nicht einfach meine Küche durchsuchen.“
„Dann kommen Sie mit.“
Sie versuchte aufzustehen.
Nach zwei Sekunden setzte sie sich wieder.
Matthias hob die Augenbrauen.
„Das dachte ich mir.“
Lena kicherte.
Katharina zeigte auf sie.
„Du bist heute nicht in der Position zu lachen.“
Die Küche war noch kleiner als erwartet.
Ein paar Eier.
Brot.
Butter.
Zwei Äpfel.
Eine angebrochene Packung Milch.
Dosensuppe.
Kartoffeln.
Keine versteckte Gourmetwelt, kein überfüllter Kühlschrank.
Matthias nahm die Suppe heraus.
Er hatte in den letzten Jahren Hunderte Geschäftsessen besucht.
Aber eine Dose Suppe hatte er vermutlich seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet.
„Sie wissen, wie ein Dosenöffner funktioniert?“, rief Katharina vom Wohnzimmer aus.
„Ich hatte eine Kindheit.“
„Bei Ihnen bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher.“
Matthias grinste.
Zehn Minuten später stellte er ihr eine Schüssel Suppe, zwei Scheiben Toast und ein Glas Wasser hin.
Katharina betrachtete alles.
„Das ist absurd.“
„Warum?“
„Unser Blind Date sollte in einem Café stattfinden.“
„Stimmt.“
„Und jetzt sitzen Sie in meiner Wohnung und kochen Dosensuppe.“
„Aufwärmen. Kochen wäre übertrieben.“
Lena setzte sich neben ihre Mutter.
„Das ist trotzdem irgendwie ein Date.“
Katharina schloss die Augen.
„Bitte hör auf.“
„Dates sind doch dafür da, dass man sich kennenlernt.“
Matthias musste lachen.
„Da hat sie einen Punkt.“
Katharina sah ihn fassungslos an.
„Sie ermutigen sie auch noch.“
„Nur in diesem speziellen Punkt.“
Katharina nahm einen Löffel Suppe.
Matthias hätte gehen können.
Eigentlich hätte er gehen müssen.
In weniger als einer Stunde begann eine Telefonkonferenz. Später wartete ein Abendessen mit zwei Investoren.
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