Millionär wartet auf sein Blind Date – doch plötzlich steht ihre Tochter allein vor seinem Tisch

Sein Kalender war voll.

Sein Leben war immer voll.

Nur hatte er sich in den vergangenen Jahren immer häufiger gefragt, womit eigentlich.

Er sah Katharina an.

Diese Frau saß krank auf einem abgewetzten Sofa und entschuldigte sich dafür, dass ihr Leben nicht elegant genug aussah.

Neben ihr saß ein Mädchen, das vor lauter Sorge um seine Mutter eine schlechte Entscheidung getroffen hatte.

Und plötzlich erschien Matthias sein restlicher Tagesplan erstaunlich unwichtig.

Er schrieb seiner Assistentin zwei Nachrichten.

Dann steckte er das Handy weg.

„Was haben Sie gemacht?“, fragte Katharina.

„Termine verschoben.“

„Wegen uns?“

„Wegen mir.“

„Das verstehe ich nicht.“

Matthias lehnte sich zurück.

„Dann lernen wir uns kennen.“

Katharina starrte ihn an.

„So?“

„Warum nicht?“

Sie deutete auf sich.

„Ich habe Fieber. Meine Haare sehen aus, als hätte ich einen Kampf mit einer Steckdose verloren. Meine Tochter ist heute ausgebüxt und Sie haben gerade den deprimierendsten Kühlschrank Düsseldorfs gesehen.“

Matthias lächelte.

„Dann kann es beim nächsten Treffen nur noch bergauf gehen.“

Katharina lachte.

Das Lachen wurde zu einem Husten.

Aber sie lachte.

„Also gut“, sagte Matthias. „Warum haben Sie dem Treffen überhaupt zugestimmt?“

Katharina schwieg einen Moment.

„Eine Freundin hat mich überredet.“

„Das klingt romantisch.“

„Sie sagte, ich sei mit 43 zu jung, um so zu leben, als wäre mein Leben vorbei.“

Sie sah auf die Suppe.

„Seit mein Mann gegangen ist, gab es Arbeit, Lena, Rechnungen und Schlaf. Meistens in dieser Reihenfolge.“

„Und was wollten Sie von einem Blind Date?“

Katharina dachte lange nach.

„Nichts Spektakuläres.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Einen freundlichen Menschen.“

Matthias sagte nichts.

„Jemanden, der versteht, dass Lena kein Hindernis ist.“

Katharina strich ihrer Tochter durchs Haar.

„Ich brauche keinen Retter. Ich brauche niemanden, der meine Miete bezahlt. Ich brauche auch keinen Mann, der mir erklärt, wie ich mein Leben besser organisieren müsste.“

„Was dann?“

„Jemanden, der mich noch als Frau sieht.“

Dieser Satz traf Matthias überraschend hart.

„Nicht nur als Mutter“, fuhr sie fort. „Nicht als geschiedene Frau. Nicht als Lehrerin mit zu wenig Geld. Einfach als Mensch.“

Matthias nickte.

„Das verstehe ich.“

„Sie?“

„Warum klingt das so überraschend?“

Katharina sah auf seinen Anzug.

„Weil Ihr Leben vermutlich ziemlich anders aussieht.“

„Von außen.“

„Und innen?“

Matthias zögerte.

Dann erzählte er ihr von seiner Ehe.

Von einer Beziehung, in der irgendwann jede Reise, jedes Geschenk und jede Wohnung teurer geworden war, während die Gespräche immer leerer wurden.

Von dem Tag, an dem er begriffen hatte, dass seine Frau nicht ihn vermissen würde, wenn er ginge.

Nur das Leben, das mit ihm verbunden war.

Katharina sagte nichts Kluges.

Sie sagte nur: „Das muss wehgetan haben.“

Und merkwürdigerweise war genau das die richtige Antwort.

Kein Urteil.

Keine Neugier.

Kein „Aber bei Ihrem Geld …“

Nur Verständnis.

Später fragte Matthias nach ihrer Arbeit.

Da veränderte sich Katharina völlig.

Sie erzählte von ihrer dritten Klasse an einer städtischen Grundschule.

Von Kindern, die kaum Bücher zu Hause hatten.

Von einem Jungen, der monatelang behauptet hatte, er könne nicht lesen, weil es leichter war, faul zu wirken als langsam.

Von einem Mädchen, das jeden Montag Bauchschmerzen bekam, weil am Wochenende zu Hause ständig gestritten wurde.

„Manchmal“, sagte Katharina, „muss man einem Kind zwanzigmal sagen, dass es etwas kann, bevor es einem glaubt.“

Matthias hörte zu.

„Und deshalb bleiben Sie abends so lange wach?“

Katharina sah Lena an.

„Sie hat geredet, oder?“

„Eine ganze Menge.“

„Großartig.“

Lena grinste.

„Ich habe nur gute Sachen gesagt.“

Matthias nickte.

„Das stimmt.“

Als er schließlich aufstand, waren fast zwei Stunden vergangen.

Katharinas Fiebermittel begann zu wirken.

Ihre Augen sahen weniger glasig aus.

An der Tür blieb Matthias stehen.

„Wenn Sie wieder gesund sind, würde ich Sie gern noch einmal treffen.“

Katharina starrte ihn an.

„Warum?“

„Warum nicht?“

„Nach heute?“

„Gerade wegen heute.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

„Sie haben Chaos gesehen.“

„Ich habe eine Mutter gesehen, die krank aufwacht und zuerst Angst um ihr Kind hat.“

Matthias griff nach seinem Mantel.

„Ich habe eine Lehrerin kennengelernt, die sich für Kinder einsetzt, obwohl ihr niemand dafür einen Bonus zahlt.“

Dann sah er zu Lena.

„Und ich habe eine Tochter kennengelernt, die dringend lernen muss, dass sie keine heimlichen Rettungsaktionen starten darf.“

Lena nickte schuldbewusst.

Matthias wandte sich wieder Katharina zu.

„Das ist mehr echtes Leben, als ich auf vielen perfekten Abendessen erlebt habe.“

Katharinas Augen wurden feucht.

„Nächste Woche?“, fragte er.

Sie lächelte.

„Nächste Woche.“

Sieben Tage später stand Matthias wieder vor derselben Haustür.

Diesmal öffnete Katharina ihm.

Sie trug das Kleid, von dem Lena erzählt hatte.

Dunkelblau.

Schlicht.

Secondhand, wie Matthias wusste.

Und wunderschön.

Nicht wegen des Kleides.

Sondern weil Katharina darin stand.

Beim Abendessen sprachen sie vier Stunden.

Über ihre Kindheit.

Über ihre Eltern.

Über zerbrochene Ehen.

Über Fehler, die man mit zwanzig macht und erst mit vierzig wirklich versteht.

Katharina erzählte, dass ihre Mutter immer sagte: „Ein ordentlicher Mensch erkennt den Wert einer Sache nicht am Preisschild.“

Matthias musste lachen.

„Unsere Eltern hätten sich verstanden.“

„Warum?“

„Mein Vater sagte dasselbe über Menschen.“

Katharina legte die Gabel hin.

„Und? Hat er recht behalten?“

Matthias sah sie lange an.

„Ich glaube, ich fange gerade erst an, das herauszufinden.“

Sie trafen sich wieder.

Und wieder.

Es ging langsam.

Katharina bestand darauf.

Lena hatte bereits erlebt, wie schnell ein Erwachsener aus ihrem Leben verschwinden konnte. Katharina wollte keinen Mann hereinlassen, nur damit ihre Tochter Monate später wieder Abschied nehmen musste.

Matthias akzeptierte das.

Er kaufte Lena keine teuren Geschenke.

Er erschien stattdessen zu ihrem Schulfest.

Er half beim Aufbau eines Bücherregals.

Er saß bei einer Aufführung auf einem viel zu kleinen Stuhl zwischen Großeltern und Eltern und klatschte, als Lena genau zwei Sätze auf der Bühne sagte.

Beim ersten gemeinsamen Weihnachten schenkte er Katharina keinen Schmuck.

Er hatte ihr wochenlang zugehört.

Also fand sie unter dem Baum eine alte Ausgabe ihres Lieblingsromans, genau jene Ausgabe, die ihr Vater früher besessen hatte und die bei einem Umzug verloren gegangen war.

Katharina weinte.

„Das Buch hat kaum etwas gekostet“, sagte Matthias.

„Darum geht es doch nicht.“

Sie strich über den abgenutzten Einband.

„Ich weiß“, sagte er.

Zum ersten Mal verstand er wirklich, was dieser Satz bedeutete.

Es gab auch schwierige Tage.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen