Niemand fragte, warum Viktoria allein gewesen war.
Niemand wollte den Text auf ihrem Handy sehen.
Ingrid legte ihr einfach eine Speisekarte hin und sagte: „Die Kartoffelsuppe ist hervorragend, aber mein Sohn behauptet, sie sei zu salzig. Hören Sie nicht auf ihn.“
„Ich habe nur gesagt, dass ich danach drei Liter Wasser trinken musste.“
„Das war gesund.“
Schon nach wenigen Minuten wurde Viktoria in ein Gespräch hineingezogen, als hätte man mit ihr gerechnet.
Karl erzählte von seiner ersten Arbeitsstelle in einer kleinen Werkstatt und davon, wie er damals jeden Morgen mit einem klapprigen Moped zur Arbeit gefahren war.
Ingrid erinnerte ihn daran, dass das Moped nur deshalb so laut gewesen sei, weil er nie Geld für eine Reparatur ausgeben wollte.
„Wir hatten damals nichts“, sagte Karl. „Aber wir waren glücklich.“
„Wir hatten sehr wohl etwas“, widersprach Ingrid. „Schulden und deine Mutter im Nachbarhaus.“
Leni lachte so sehr, dass sie beinahe ihren Saft verschüttete.
Viktoria spürte, wie die Anspannung aus ihren Schultern wich.
Sie hörte Geschichten über Sommerurlaube an der Ostsee, bei denen fünf Menschen in einem kleinen Wohnwagen geschlafen hatten. Über selbst gestrickte Pullover, die nach dem Waschen plötzlich nur noch einem Kind passten. Über Weihnachtsabende, an denen das Lametta jedes Jahr sorgfältig wieder in eine Pappschachtel gelegt worden war.
Es waren keine großen Geschichten.
Aber es waren die Geschichten eines Lebens.
Martin saß neben Viktoria und hörte meist lächelnd zu.
Wenn Leni etwas erzählen wollte, legte er das Besteck aus der Hand und wandte sich ihr ganz zu.
Viktoria bemerkte das.
Sie bemerkte auch, wie müde er war.
Als das Essen serviert wurde, fragte Ingrid irgendwann behutsam: „Und was machen Sie beruflich, Viktoria?“
„Ich bin Kinderkrankenschwester.“
Lenis Augen wurden groß.
„Dann retten Sie Kinder?“
„Manchmal helfen wir ihnen, gesund zu werden.“
„Mit Spritzen?“
„Auch.“
Leni schob ihren Stuhl ein Stück zurück.
„Ich mag Sie trotzdem.“
„Das ist großzügig.“
„Ich lese den Kindern oft vor“, erzählte Viktoria. „Oder ich halte ihre Hand, wenn sie Angst haben. Manchmal ist das fast genauso wichtig wie Medizin.“
Martin sah sie an.
„Das glaube ich sofort.“
Seine Stimme war ruhig.
Trotzdem spürte Viktoria etwas darin, das sie nicht einordnen konnte.
Später, als Leni Ingrid ihren Stoffhasen zeigte, beugte Martin sich leicht zu Viktoria.
„Meine Frau war auch oft im Krankenhaus“, sagte er leise.
Viktoria wartete.
„Sie ist vor drei Jahren gestorben. Eine Hirnblutung. Es ging sehr schnell.“
„Das tut mir leid.“
„Leni war vier.“
Martin schaute zu seiner Tochter.
„Manchmal glaube ich, sie erinnert sich nur an einzelne Bilder. Den Geruch ihres Parfüms. Ein Lied. Eine gelbe Jacke. Ich erzähle ihr alles, was ich kann. Aber ich habe Angst, dass ihre Mutter irgendwann nur noch eine Geschichte für sie ist.“
Viktoria kannte diesen Ton.
Es war der Ton von Menschen, die gelernt hatten, über ihren Schmerz zu sprechen, ohne daran zu zerbrechen – jedenfalls nicht sichtbar.
„Geschichten sind nicht wenig“, sagte sie. „Manchmal halten sie Menschen länger bei uns, als wir denken.“
Martin nickte dankbar.
„Ich arbeite als Bauzeichner in einem mittelgroßen Planungsbüro. Meistens kann ich pünktlich gehen. Meistens.“
„Und wenn nicht, bin ich da“, sagte Ingrid, die offenbar wieder jedes Wort gehört hatte.
„Das weiß ich, Mama.“
„Du nimmst Hilfe nur ungern an.“
„Von wem habe ich das wohl?“
Karl hob die Hand.
„Von mir nicht. Ich nehme jede Hilfe an, besonders beim Abwasch.“
Als der Schokoladenkuchen kam, bestand Leni darauf, neben Viktoria zu sitzen.
Sie teilten sich ein großes Stück, obwohl Viktoria zuerst behauptete, sie habe keinen Hunger mehr.
Nach zwei Bissen fragte Leni: „Sind Sie immer noch traurig?“
Viktoria dachte an die Nachricht.
Sie war noch da.
Der Satz hatte seine Gemeinheit nicht verloren.
Aber er schien plötzlich weit entfernt.
„Nicht mehr so sehr.“
„Wegen des Kuchens?“
„Auch. Vor allem wegen euch.“
Leni kaute nachdenklich.
Dann fragte sie: „Haben Sie Kinder?“
Am Tisch wurde es stiller.
Nicht völlig still.
Aber still genug.
„Nein“, antwortete Viktoria.
„Wollten Sie keine?“
Viktoria spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog.
Erwachsene stellten diese Frage oft mit gesenkter Stimme oder scheinbar beiläufig. Dahinter lag meist eine Erwartung: eine Erklärung, eine Rechtfertigung, manchmal sogar ein Geständnis.
Leni fragte einfach, weil sie es wissen wollte.
„Doch“, sagte Viktoria. „Sehr sogar. Aber manchmal erfüllt das Leben nicht jeden Wunsch.“
Leni nickte, als könnte sie das verstehen.
„Ich wollte auch, dass Mama wiederkommt.“
Martin schloss kurz die Augen.
Viktoria legte ihre Hand neben Lenis kleine Finger auf den Tisch.
„Das ist ein sehr großer Wunsch.“
„Papa ist auch oft traurig“, sagte Leni. „Er denkt, ich merke es nicht. Aber ich merke alles.“
„Leni“, begann Martin.
„Und ich habe keine Mama mehr. Sie haben keine Kinder. Papa ist allein und Sie sind allein.“
Martin wurde rot.
Ingrid presste die Lippen zusammen, vermutlich um nicht einzugreifen.
Karl starrte sehr konzentriert auf seine Kuchengabel.
Leni drehte sich vollständig zu Viktoria.
„Können Sie meine neue Mama werden?“
Viktoria hörte plötzlich jedes Geräusch im Raum.
Das Klirren von Besteck.
Eine Kaffeemaschine.
Ein leises Weihnachtslied.
Dann verschwamm alles.
Tränen liefen über ihre Wangen, bevor sie sie aufhalten konnte.
Martin griff nach seiner Serviette.
„Leni, das kannst du nicht fragen. Frau Stein kennt uns doch kaum.“
„Dann können wir sie kennenlernen.“
„So einfach ist das nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil man nicht an einem Abend entscheidet, wer eine Familie wird.“
Leni sah Viktoria an.
„Aber Sie sind nett. Sie können Geschichten vorlesen. Und Sie wissen, wie man Kinder tröstet.“
„Schatz“, sagte Martin hilflos.
„Papa sagt immer, man soll sagen, was man braucht.“
Karl räusperte sich.
„Das hast du tatsächlich oft gesagt.“
„Danke, Papa.“
Viktoria kniete sich neben Lenis Stuhl.
„Eine Mama zu sein ist etwas sehr Besonderes“, sagte sie. „Das kann man nicht versprechen, wenn man sich gerade erst kennengelernt hat.“
„Dann seid erst nicht mehr fremd“, antwortete Leni. „Danach könnt ihr Freunde sein. Und dann sehen wir weiter.“
Viktoria lachte durch ihre Tränen.
„Du hast für alles einen Plan, oder?“
„Fast.“
„Und was ist mit deinem Papa?“
Leni sah zu Martin.
„Der braucht länger. Männer merken Sachen später.“
Ingrid hustete in ihre Serviette.
Karl grinste nun offen.
Martin fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
„Es tut mir wirklich leid.“
„Das muss es nicht“, sagte Viktoria. „Kinder sprechen manchmal laut aus, was Erwachsene nicht einmal zu denken wagen.“
Ihre Blicke trafen sich.
Nur für einen Moment.
Doch in diesem Moment lag mehr Ehrlichkeit als in vielen langen Gesprächen, die Viktoria während ihrer Ehe geführt hatte.
Als der Abend endete, wollte Leni nicht, dass Viktoria ging.
„Kann sie am Samstag kommen?“, fragte sie. „Ich muss für die Schule einen Familienstammbaum machen. Bei mir fehlt eine Seite.“
Martin hockte sich zu ihr.
„Da fehlt keine Seite. Familien sehen unterschiedlich aus.“
„Aber ich will Viktoria meine Bücher zeigen.“
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