Er blickte fragend zu Viktoria.
„Sie müssen nicht. Ich möchte Sie zu nichts drängen.“
Viktoria dachte an ihre Wohnung.
An den kleinen Plastikbaum, den sie seit Jahren nur noch aus Gewohnheit aufstellte.
An den Samstag, für den sie bisher geplant hatte, den Keller aufzuräumen.
„Ich komme gern“, sagte sie. „Vielleicht für einen Kaffee.“
Leni jubelte und warf die Arme um Viktorias Taille.
Draußen vor dem Restaurant verabschiedeten sie sich.
Ingrid zog Viktoria kurz beiseite.
„Meine Enkelin ist manchmal erschreckend direkt“, sagte sie. „Aber sie hat ein gutes Gespür für Menschen.“
Viktoria sah zu Martin, der Leni gerade den Schal ordentlich um den Hals legte.
„Ihr Sohn scheint ein guter Vater zu sein.“
„Er versucht seit drei Jahren, Vater und Mutter gleichzeitig zu sein. Dabei vergisst er, dass er auch noch ein Mensch ist.“
Ingrids Stimme wurde leiser.
„Ich habe ihn lange nicht so lachen sehen wie heute.“
„Wir haben uns gerade erst kennengelernt.“
„Natürlich“, sagte Ingrid. „Und vielleicht bleibt es bei einem Kaffee. Aber manchmal beginnt Hoffnung nicht mit einer großen Entscheidung. Manchmal beginnt sie damit, dass jemand sich zu einem anderen Menschen an den Tisch setzt.“
Am Samstag stand Viktoria mit einer Blechdose selbst gebackener Vanillekipferl vor Martins Reihenhaus.
Sie hatte eine halbe Stunde lang überlegt, ob sie absagen sollte.
Sie war zu alt für romantische Fantasien.
Zu erfahren, um aus einem freundlichen Abend eine Zukunft zu machen.
Und gleichzeitig viel zu verletzlich, um so zu tun, als würde sie nichts hoffen.
Leni öffnete die Tür, bevor Viktoria klingeln konnte.
„Du bist wirklich gekommen!“
Es war das erste Mal, dass sie Viktoria duzte.
Es fühlte sich überraschend richtig an.
Das Haus war nicht perfekt.
Im Flur lagen zwei einzelne Handschuhe, die nicht zusammenpassten. Auf der Treppe stand ein Wäschekorb. In der Küche klebte ein Stundenplan schief am Kühlschrank.
Auf dem Esstisch lagen Buntstifte, Fotos und ein großes Blatt Papier.
„Der Stammbaum“, erklärte Leni.
Oben hatte sie ihren Namen geschrieben. Darunter standen Martin und ihre Mutter Anna. Neben Annas Namen hatte Leni einen kleinen gelben Stern gemalt.
„Weil Mama im Himmel ist“, sagte sie.
Viktoria schluckte.
„Das ist schön.“
„Aber ich weiß nicht, wo ich Oma und Opa hinmalen soll. Und Papa erklärt immer zu kompliziert.“
Martin stellte drei Tassen auf den Tisch.
„Entschuldigung, dass ich Familienverhältnisse korrekt darstellen möchte.“
„Siehst du?“, sagte Leni zu Viktoria. „Zu kompliziert.“
Gemeinsam arbeiteten sie fast zwei Stunden an dem Stammbaum.
Viktoria half Leni, Namen sauber zu schreiben. Martin suchte alte Fotos heraus. Zwischendurch erzählte er Geschichten über Anna.
Keine verklärten Geschichten.
Echte.
Wie sie beim Kochen jedes Rezept veränderte und danach nicht mehr wusste, was sie getan hatte. Wie sie beim Autofahren laut sang, aber keinen Ton traf. Wie sie bei Streit nie Türen schlug, sondern Schubladen.
Leni hörte alles aufmerksam an.
Viktoria verstand, dass Martin nicht nach einem Ersatz für seine Frau suchte.
Er wollte Anna nicht auslöschen.
Er wollte weiterleben, ohne sie zu verraten.
Das war etwas anderes.
Die Samstage wurden zu einer Gewohnheit.
Zuerst kam Viktoria nur für zwei Stunden.
Dann blieb sie zum Mittagessen.
Später unternahmen sie Spaziergänge, gingen auf einen kleinen Weihnachtsmarkt und tranken warmen Kinderpunsch an einem Stehtisch.
Leni bestand darauf, dass Viktoria mit ihr auf dem Karussell fuhr.
„Dafür bin ich zu alt“, sagte Viktoria.
„Opa ist siebzig und fährt auch.“
Karl, der neben ihnen stand, hob abwehrend beide Hände.
„Opa fährt heute überhaupt nichts.“
Am Ende saß Viktoria trotzdem in einem goldenen Wagen, während Leni neben ihr vor Freude kreischte.
Martin stand am Rand und winkte.
Viktoria sah sein Lächeln jedes Mal wieder, wenn das Karussell an ihm vorbeifuhr.
Es war ein vorsichtiges Lächeln.
Eines, das noch nicht wusste, ob es bleiben durfte.
Zwischen Viktoria und Martin entwickelte sich keine stürmische Romanze.
Es gab keine großen Versprechen.
Sie tranken Kaffee, während Leni malte. Sie sprachen über Rückenschmerzen, steigende Heizkosten und darüber, wie schwierig es geworden war, einen vernünftigen Handwerker zu finden.
Sie redeten über ihre Eltern.
Über das Älterwerden.
Über die Angst, irgendwann selbst Hilfe zu brauchen.
Über die Frage, wie viel Mut ein Mensch noch aufbringen konnte, wenn das Leben ihm bereits gezeigt hatte, was alles verloren gehen konnte.
Eines Nachmittags schlief Leni auf dem Sofa ein.
Ihr Kopf lag auf Viktorias Oberschenkel, Herr Hoppel war unter ihren Arm geklemmt.
Martin setzte sich in den Sessel gegenüber.
„Sie vertraut dir“, sagte er.
„Ich vertraue ihr auch.“
„Kinder können einen ziemlich schnell besitzen.“
„Erwachsene auch. Sie geben es nur nicht zu.“
Martin schwieg.
Dann fragte er: „Was ist damals in deiner Ehe passiert? Du musst nicht antworten.“
Viktoria strich Leni eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Wir waren fast zwanzig Jahre zusammen. Am Anfang wollten wir beide Kinder.“
Sie sprach langsam.
Nicht, weil sie sich nicht erinnerte.
Sondern weil sie sich an alles erinnerte.
„Es hat nicht geklappt. Dann kamen Untersuchungen, Behandlungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Irgendwann drehte sich unser ganzes Leben nur noch darum.“
Martin hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.
„Nach der zweiten Fehlgeburt sagte mein Mann, er könne das nicht mehr. Ich dachte, er meinte die Behandlungen. Aber er meinte unsere Ehe.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Er sagte, ich sei nur noch traurig. Ich hätte mich verändert. Ein Jahr später war er mit einer anderen Frau zusammen. Sie war elf Jahre jünger.“
Martin sah auf seine Hände.
„Heute haben sie zwei Kinder“, fuhr Viktoria fort. „Ich habe es durch Bekannte erfahren. Er bekam genau das Leben, das mit mir angeblich zu schwer gewesen war.“
„Das war grausam.“
„Vielleicht war er auch nur feige.“
„Feigheit kann sehr grausam sein.“
Viktoria nickte.
„Ich habe mich danach in die Arbeit gestürzt. Kinderstation, Nachtdienste, Fortbildungen. Alle sagten, wie stark ich sei.“
Sie lächelte bitter.
„Stark ist oft nur ein anderes Wort dafür, dass niemand fragt, wie lange man noch durchhält.“
Martin stand auf und setzte sich neben sie auf das Sofa.
Vorsichtig nahm er ihre Hand.
„Du bist nicht zu viel Ballast“, sagte er. „Du bist ein Mensch mit Geschichte.“
Viktoria sah ihn an.
„Und du?“
„Ich habe Angst.“
„Wovor?“
„Dass ich jemanden wieder liebe und ihn verliere.“
Er atmete tief ein.
„Nach Annas Tod habe ich mir geschworen, dass Leni nie wieder erleben soll, wie jemand aus unserem Leben verschwindet. Aber damit habe ich gleichzeitig verhindert, dass jemand Neues hineinkommen kann.“
Sein Daumen strich langsam über Viktorias Handrücken.
„Dann kamst du.“
„Weil deine Tochter fremde Frauen im Restaurant anspricht.“
„Ja.“
„Eine riskante Familienstrategie.“
„Bisher war es ihr einziger Versuch.“
Viktoria lächelte.
Martin ebenfalls.
Dann bewegte Leni sich im Schlaf und murmelte etwas Unverständliches.
Beide zogen sofort ihre Hände zurück.
Für einen Moment sahen sie einander an wie zwei Jugendliche, die erwischt worden waren.
Am Heiligabend lud Martin Viktoria zu seiner Familie ein.
Sie wollte zunächst ablehnen.
Weihnachten war etwas Intimes. Etwas für Menschen, die zusammengehörten.
„Du gehörst doch schon ein bisschen dazu“, sagte Leni am Telefon.
Also kam Viktoria.
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