Vier Mädchen erkannten sein geheimnisvolles Tattoo – dann erschien ihre Mutter und erstarrte mitten im Park

Vier Mädchen zeigten auf sein Tattoo – und ihre Mutter erkannte darin das Geheimnis, das ihn seit zwei Jahren am Leben hielt

„Unsere Mama hat fast genau dasselbe Tattoo wie Sie.“

Matthias hob langsam den Kopf.

Vor ihm standen vier Mädchen in dunkelgrünen Mänteln und olivfarbenen Strickmützen. Sie sahen sich so ähnlich, dass er zuerst glaubte, seine müden Augen spielten ihm einen Streich.

Das Mädchen ganz links zeigte auf seinen rechten Unterarm.

Matthias blickte auf das Tattoo, das dort seit fast vierundzwanzig Jahren verblasste.

Ein Kompass mit zerbrochener Nadel.

Ein kahler Zweig ohne Blüten.

Und eine Schwalbe, die sich irgendwo zwischen Abflug und Ankunft befand.

Nicht aufsteigend.

Nicht landend.

Einfach dazwischen.

„Eure Mutter hat dieses Motiv?“, fragte er.

Seine Stimme klang fremd. Als hätte er sie lange nicht benutzt.

Das Mädchen legte den Kopf schief.

„Nicht ganz gleich. Bei Mama landet der Vogel.“

Matthias spürte einen Druck in der Brust.

Keinen Schmerz. Eher das Gefühl, dass sich in einem lange verschlossenen Zimmer plötzlich eine Tür bewegte.

Er saß jeden Samstagmorgen auf dieser Bank.

Immer gegen halb zehn.

Immer mit einem Pappbecher Kaffee vom kleinen Wagen am Parkeingang.

Und fast immer so lange, bis das Getränk kalt war.

Der Park lag am Rand einer norddeutschen Großstadt, zwischen alten Mietshäusern, einer Kleingartenanlage und einer Straße, auf der selbst am Wochenende Busse und Lieferwagen vorbeizogen.

Nichts Besonderes.

Genau deshalb mochte Matthias diesen Ort.

Hier erwartete niemand etwas von ihm.

Kein Kunde fragte, wann der Schrank fertig wurde.

Kein Nachbar erkundigte sich mit gesenkter Stimme, ob es denn inzwischen „ein bisschen besser“ gehe.

Und niemand schaute auf den leeren Platz neben ihm am Küchentisch.

Zwei Jahre waren vergangen, seit seine Frau Elke gestorben war.

Zwei Jahre, drei Monate und zwölf Tage.

Matthias zählte nicht mehr bewusst.

Aber sein Körper wusste es trotzdem.

Elke und er waren einunddreißig Jahre verheiratet gewesen. Sie hatten sich gestritten, versöhnt, zwei Kinder großgezogen, einen Kredit abbezahlt und an Sonntagen zu oft denselben Braten gegessen.

Es war keine vollkommene Ehe gewesen.

Aber es war ihre gewesen.

Nach Elkes Tod hatte Matthias zuerst geglaubt, Trauer sei etwas Lautes.

Weinen.

Schreien.

Teller, die man gegen Wände werfen wollte.

Doch seine Trauer war leise geworden.

Sie stand morgens mit ihm auf.

Sie saß neben ihm im Lieferwagen.

Sie legte sich nachts auf Elkes Seite des Bettes und ließ dort keinen Platz für Schlaf.

Irgendwann hatte Matthias aufgehört, sie als Trauer zu erkennen.

Er dachte, so sei er jetzt eben.

Still.

Müde.

Ein Mann, der keinen Grund mehr hatte, sich ein neues Hemd zu kaufen.

Ein Mann, dessen Kaffee kalt wurde, ohne dass es ihn störte.

Bis vier Mädchen vor ihm standen und behaupteten, ihre Mutter trage sein Tattoo.

„Wie heißt eure Mama?“, fragte er.

Die vier Mädchen sahen einander an.

Offenbar gab es unter ihnen eine feste Ordnung darüber, wer fremden Erwachsenen antworten durfte.

„Nora“, sagte schließlich die Erste.

„Nora Seidel.“

In diesem Moment ertönte hinter ihnen eine Frauenstimme.

„Leni! Frieda! Marta! Rike! Sofort zu mir!“

Eine Frau kam schnellen Schrittes vom Spielplatz herüber.

Sie war vielleicht Anfang fünfzig. Ihr dunkles Haar war unordentlich zu einem Knoten gebunden, einige Strähnen klebten an ihren Wangen.

Ihr Mantel stand offen.

Eine Hand hielt vier kleine Rucksäcke, die andere einen einzelnen Handschuh.

In ihrem Gesicht lag jener besondere Schrecken, den nur Eltern kennen, wenn Kinder für eine Minute aus dem Blickfeld verschwinden.

Sie erreichte die Mädchen und berührte nacheinander ihre Schultern.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Erst als sie sicher war, dass alle da waren, sah sie Matthias an.

Dann sah sie seinen Arm.

Die Farbe wich aus ihrem Gesicht.

„Woher haben Sie das?“

Matthias zog den Ärmel nicht herunter.

„Selbst gezeichnet.“

„Wann?“

„Vor vierundzwanzig Jahren.“

Die Frau starrte ihn an.

„Bei einem Tätowierer in einer Seitenstraße hinter dem alten Bahnhof? Ein älterer Mann mit grauem Pferdeschwanz?“

Matthias nickte langsam.

„Rolf.“

„Rolf“, wiederholte sie.

„Er hat vor einigen Jahren aufgehört.“

„Ich weiß.“

Die vier Mädchen standen zwischen ihnen und beobachteten alles mit glänzenden Augen.

Sie verstanden nicht, worum es ging.

Aber sie wussten, dass etwas geschah.

Etwas, das Erwachsene sonst nur bemerkten, wenn Kinder bereits schliefen.

Die Frau setzte sich auf die Bank.

Nicht, weil Matthias sie eingeladen hatte.

Ihre Beine gaben einfach nach, und die Bank war da.

Die Mädchen verteilten sich im Laub. Zwei sammelten Kastanien, eine untersuchte einen abgebrochenen Ast, und Rike blieb dicht neben ihrer Mutter stehen.

„Ich bin Nora“, sagte die Frau.

„Matthias.“

Sie schoben gleichzeitig ihre Ärmel hoch.

Noras Tattoo befand sich ebenfalls am rechten Unterarm.

Der Kompass war fast identisch.

Die Nadel zerbrochen.

Der Zweig kahl.

Doch ihre Schwalbe hatte die Flügel weit geöffnet und die Füße bereits nach vorn gestreckt.

Sie war im Begriff zu landen.

Matthias betrachtete das Bild lange.

„Sie kommt an“, sagte er.

Nora sah auf seinen Arm.

„Ihre noch nicht.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Er strich mit zwei Fingern über die blassen Linien.

„Weil ich damals nicht wusste, wohin.“

„Und der kaputte Kompass?“

„Für die Zeiten, in denen man keine Richtung hat.“

Nora nickte.

„Der Zweig ohne Blüte?“

„Für etwas, das noch nicht geschehen ist.“

Sie blickte zu den vier Mädchen.

„Und der Vogel?“

Matthias atmete ein.

„Für den Zustand dazwischen.“

Nora schwieg.

„Zwischen was?“, fragte sie schließlich.

„Zwischen Weggehen und Bleiben. Zwischen Angst und Hoffnung. Zwischen dem alten Leben und einem neuen, das man noch nicht erkennen kann.“

Sie sah ihn an.

Nicht mitleidig.

Nicht neugierig.

Einfach aufmerksam.

„Meine Schwalbe landet“, sagte sie.

„Dann haben Sie Ihren Ort gefunden.“

Nora sah zu ihren Töchtern, die gerade versuchten, Kastanien in den kleinen Kapuzen ihrer Mäntel zu transportieren.

„Den wichtigsten Teil davon.“

Matthias lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen.

Es war nur eine kleine Bewegung.

Doch Nora bemerkte sie.

„Wie alt sind die vier?“

„Neun.“

„Vierlinge?“

„Ja.“

„Dann verstehe ich, warum Sie beim Zählen jedes Kind anfassen.“

Nora lachte kurz.

Es war kein höfliches Lachen.

Es kam aus ihrem ganzen Gesicht und veränderte es sofort.

„Das geht nie weg“, sagte sie. „Als sie Babys waren, habe ich nachts manchmal alle vier geweckt, nur um zu prüfen, ob sie noch atmen.“

„Und haben danach alle gleichzeitig geschrien?“

„Natürlich.“

„Klingt nach einer schlechten Strategie.“

„War es auch. Aber Angst ist selten vernünftig.“

Rike kam näher und betrachtete Matthias’ Tattoo erneut.

„Ihr Vogel ist schöner“, sagte sie.

„Nein“, antwortete Matthias. „Der von eurer Mutter ist mutiger.“

„Warum?“

Er zeigte auf Noras Schwalbe.

„Weil Landen mehr Mut braucht als Fliegen.“

Das Mädchen dachte darüber nach.

Dann sah es seine Mutter an.

„Das sagst du auch immer.“

Nora und Matthias blickten einander an.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Beide hatten in ihrem Leben gelernt, dass nicht jede Stille gefüllt werden musste.

Manche Stille arbeitete.

Nora hatte ihr Tattoo zehn Jahre zuvor bekommen.

Sechs Monate nachdem ihr Mann gegangen war.

Nicht nach einem großen Streit.

Nicht nach einer Affäre, von der sie plötzlich erfahren hatte.

Nicht nach einer dramatischen Nacht mit Koffern und zugeschlagenen Türen.

Er hatte eines Abends am Küchentisch gesessen, während die vier Kinder in ihren Hochstühlen Brei verschmierten.

Dann hatte er gesagt, dass er dieses Leben nicht mehr könne.

Zu laut.

Zu eng.

Zu viel Verantwortung.

Er habe das Gefühl, sich selbst zu verlieren.

Nora war damals zweiundvierzig gewesen.

Sie hatte vier Kleinkinder, einen halbtags bezahlten Beruf und eine Waschmaschine, die seit drei Tagen merkwürdige Geräusche machte.

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