Sie erinnerte sich noch genau an das Geschirrtuch in ihrer Hand.
Blau-weiß kariert.
Sie hatte es so fest zusammengedrückt, dass ihre Fingernägel Abdrücke in den Handflächen hinterließen.
„Du kannst nicht einfach gehen“, hatte sie gesagt.
„Doch“, hatte er geantwortet.
Es war einer dieser Sätze, die nur aus einem Wort bestehen und trotzdem ein ganzes Haus zum Einsturz bringen.
Später hatte Nora gelernt, dass Menschen tatsächlich gehen konnten.
Auch wenn vier Kinder Fieber hatten.
Auch wenn der Kühlschrank leer war.
Auch wenn die gemeinsame Zukunft bereits in Raten bezahlt wurde.
Ihr Mann blieb Vater.
Er holte die Mädchen an jedem zweiten Wochenende ab und zahlte, was vereinbart worden war.
Doch Ehemann wollte er nicht mehr sein.
Nora brauchte Jahre, um zu akzeptieren, dass ein Mensch seine Pflichten erfüllen und einen trotzdem tief verletzen konnte.
Damals, in den ersten Monaten, hatte sie etwas gebraucht, das nur ihr gehörte.
Kein Kinderwagen.
Kein gemeinsames Konto.
Kein Ehering.
Etwas, das sie selbst bestimmen konnte.
Also zeichnete sie in einer Nacht den zerbrochenen Kompass, den kahlen Zweig und die landende Schwalbe.
Eine Freundin gab ihr die Adresse von Rolf.
Der Tätowierer hatte ihre Zeichnung lange angesehen.
Dann hatte er gesagt: „Das ist das traurigste hoffnungsvolle Bild, das ich je stechen sollte.“
Nora hatte ihn angestarrt.
„Das haben Sie schon einmal gesagt.“
Rolf hatte die Augen zusammengekniffen.
„Vor vielen Jahren.“
„Zu wem?“
„Zu einem Mann.“
„Was hatte er gezeichnet?“
Rolf hatte nur den Kopf geschüttelt.
„Über andere Kunden rede ich nicht.“
„War es ähnlich?“
„Ähnlich genug, dass ich gerade an ihn denken musste.“
Nora hatte die Frage nie vergessen.
Manchmal hatte sie sich vorgestellt, irgendwo laufe ein Mensch herum, der ihre Sprache sprach, ohne sie zu kennen.
Ein Mensch mit demselben kaputten Kompass.
Aber sie hatte nie wirklich geglaubt, ihn zu treffen.
Und nun saß er neben ihr auf einer Parkbank.
Mit kaltem Kaffee.
Müden Augen.
Und einer Schwalbe, die seit vierundzwanzig Jahren nicht wusste, ob sie landen durfte.
„Warum haben Sie das damals zeichnen lassen?“, fragte Nora.
Matthias sah zum Spielplatz.
Dort schaukelte ein kleiner Junge so hoch, dass seine Großmutter bei jeder Bewegung erschrocken die Hände hob.
„Ich war fünfunddreißig“, sagte er. „Unser Sohn war gerade eingeschult worden. Unsere Tochter war drei. Ich hatte mich selbstständig gemacht und überall Schulden.“
„Ihre Frau war sicher begeistert.“
„Elke hielt mich für vollkommen verrückt.“
„War sie es trotzdem gewohnt?“
„Nach vierzehn Jahren mit mir schon.“
Nora lächelte.
Matthias erzählte ihr, wie er damals nachts in seiner kleinen Werkstatt gesessen hatte.
Zwischen Holzspänen, unbezahlten Rechnungen und halbfertigen Schubladen.
Er hatte Angst gehabt.
Nicht vor harter Arbeit.
Nicht einmal vor dem Scheitern.
Er hatte Angst davor, seiner Familie nicht genug zu sein.
Sein eigener Vater hatte immer gesagt, ein Mann müsse wissen, wohin er gehe.
Er müsse einen Plan haben.
Er müsse die Familie sicher führen.
Matthias hatte diesen Satz sein halbes Leben mit sich herumgetragen.
Dabei hatte er fast nie gewusst, wohin er ging.
Also zeichnete er den Kompass mit der kaputten Nadel.
Als Eingeständnis.
Der kahle Zweig stand für die Hoffnung, dass aus Arbeit irgendwann etwas wachsen würde.
Und die Schwalbe für ihn selbst.
Noch in der Luft.
Noch nicht angekommen.
„Hat Ihre Frau das Tattoo gemocht?“, fragte Nora.
Matthias sah auf seine Hände.
„Am Anfang nicht.“
„Und später?“
„Später hat sie immer den Vogel berührt, wenn sie an mir vorbeiging.“
Seine Stimme wurde leiser.
„In den letzten Wochen im Krankenhaus auch.“
Nora fragte nicht, welches Krankenhaus.
Sie fragte nicht, woran Elke gestorben war.
Sie fragte nicht nach den Einzelheiten, die Fremde oft aus Hilflosigkeit wissen wollten.
Sie sagte nur: „Zwei Jahre?“
Matthias nickte.
„Zwei Jahre.“
Nora verstand.
Nicht alles.
Aber genug.
Es gibt Zeitangaben, die keine Zeit meinen.
Zwei Jahre konnte bedeuten, dass ein Mensch seit zwei Jahren allein schlief.
Dass er seit zwei Jahren zu viel Brot kaufte.
Dass er bei manchen Geräuschen noch immer glaubte, die Wohnungstür gehe auf.
Vier Jahre konnte bedeuten, dass jemand gelernt hatte, vier Kinder allein ins Bett zu bringen.
Dass man Rechnungen sortierte, obwohl man weinen wollte.
Dass man irgendwann wieder lachte und sich danach schuldig fühlte.
„Es wird nicht jeden Tag leichter“, sagte Matthias.
„Nein“, antwortete Nora. „Aber man wird stärker, ohne es zu merken.“
„Ist das dasselbe?“
„Überhaupt nicht.“
Wieder lachte sie.
Matthias stellte fest, dass er dieses Lachen hören wollte.
Nicht für immer.
Nicht einmal morgen.
Nur noch einmal.
Das genügte fürs Erste.
Die vier Mädchen kehrten zurück und präsentierten ihre Funde.
Leni hatte sieben Kastanien.
Frieda einen roten Stein.
Marta eine Vogelfeder.
Rike nichts.
„Ich habe nichts gefunden“, erklärte sie, „aber ich habe den anderen geholfen.“
„Das zählt doppelt“, sagte Matthias.
Rike sah zufrieden aus.
Nora lehnte sich zurück.
„Wir sind jeden Samstag hier.“
„Ich auch.“
„Dann hätten wir uns eigentlich längst begegnen müssen.“
„Vielleicht waren wir noch nicht so weit.“
Sie zog eine Augenbraue hoch.
„Das klingt erstaunlich weise für einen Mann mit kaltem Kaffee.“
Matthias hob den Becher an und trank.
Sofort verzog er das Gesicht.
Nora lachte wieder.
Es war nicht nur Zufall, dass beide an diesem Morgen dort saßen.
Doch keiner der Menschen, die sie dorthin gebracht hatten, wusste etwas davon.
Da war zuerst Gisela, Noras Nachbarin aus dem zweiten Stock.
Eine kleine Frau mit kurzen grauen Haaren und einer Stimme, die selbst durch geschlossene Türen drang.
Gisela hatte drei erwachsene Kinder, zwei künstliche Hüftgelenke und nach eigener Aussage „keine Zeit für unnötiges Gerede“.
In den ersten Monaten nach der Trennung klingelte sie jeden Donnerstagabend bei Nora.
Manchmal brachte sie Kartoffelsuppe.
Manchmal Frikadellen.
Manchmal nur einen Topf Milchreis.
„Ich bleibe vierzig Minuten“, sagte sie dann. „Du duschst.“
„Ich kann doch nicht einfach—“
„Doch. Dein Bad ist zwölf Schritte entfernt.“
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