Gisela machte aus ihrer Hilfe nie etwas Großes.
Sie sagte nicht, Nora müsse dankbar sein.
Sie erzählte niemandem im Haus, wie erschöpft die junge Mutter war.
Sie kam einfach wieder.
Jeden Donnerstag.
Sechs Monate lang.
Später fragte Nora sie einmal, warum sie das getan habe.
Gisela zuckte mit den Schultern.
„Weil meine Mutter nach der Geburt meines zweiten Sohnes drei Monate bei mir gewohnt hat. Ohne sie wäre ich zusammengebrochen.“
„Aber du kanntest mich kaum.“
„Man muss einen Menschen nicht seit zwanzig Jahren kennen, um ihm einen Topf Suppe zu bringen.“
Gisela hatte keine Ahnung, dass ihre Donnerstage Nora genug Kraft gaben, samstags mit den Mädchen in den Park zu gehen.
Dort war eine Kinderärztin gewesen, die während einer Untersuchung nebenbei gesagt hatte, regelmäßige freie Zeit draußen tue Kindern gut.
Kein Unterricht.
Kein Verein.
Kein Terminplan.
Nur Bäume, Erde, Pfützen und Langeweile.
Nora schrieb diesen Satz auf die Rückseite eines alten Einkaufszettels.
Seitdem gehörte der Samstagvormittag dem Park.
Vier Jahre lang hatte sie fast keinen ausgelassen.
Die Ärztin wusste nichts davon.
Sie hatte nur einen Satz gesagt, den sie für vernünftig hielt.
Am Parkeingang stand außerdem Cem mit seinem Kaffeewagen.
Er war Ende sechzig und behauptete, nie im Leben Urlaub zu brauchen, weil er jeden Morgen Menschen aus allen möglichen Ländern treffe.
Seit zwei Jahren bereitete er Matthias jeden Samstag denselben Kaffee zu.
Vor sechs Monaten hatte er begonnen, einen zusätzlichen Espresso hineinzuschütten.
Ohne Aufpreis.
Ohne Erklärung.
Er hatte nur bemerkt, dass Matthias müder aussah als früher.
Manchmal ist Güte nicht mehr als ein zusätzlicher Schluck Kaffee.
Ein Teller Suppe.
Vierzig Minuten Ruhe.
Ein Satz, den jemand nebenbei sagt.
Kleine Dinge.
So klein, dass niemand glaubt, sie könnten ein Leben verändern.
Doch Gisela hatte Nora durch die schlimmsten Donnerstage gebracht.
Die Ärztin hatte den Samstag geschaffen.
Cem hatte dafür gesorgt, dass Matthias an diesem Morgen fünf Minuten länger auf der Bank blieb.
Fünf Minuten.
Genug Zeit, damit vier Mädchen in grünen Mänteln vorbeikamen.
Niemand hatte etwas geplant.
Und doch hatten sie alle etwas vorbereitet.
„Was machen Sie beruflich?“, fragte Nora.
„Schreiner.“
„Möbel?“
„Vor allem Einzelanfertigungen. Tische, Schränke, manchmal Treppen.“
„Mögen Sie Holz?“
Matthias dachte nach.
„Ich mag, dass man es nicht zwingen kann.“
„Aber Sie schneiden es doch.“
„Ja. Trotzdem muss man vorher verstehen, was es mitmacht. Wo die Faser läuft. Wo es Spannung gibt. Ein Brett zeigt einem ziemlich deutlich, was es werden kann und was nicht.“
Nora betrachtete seine Hände.
Breite Finger.
Kleine Narben.
Ein heller Streifen, wo früher ein Ehering gesessen hatte.
„Und wenn man es trotzdem zwingt?“
„Dann reißt es irgendwann.“
Nora nickte langsam.
„Das gilt vermutlich nicht nur für Holz.“
„Vermutlich nicht.“
Sie erzählte ihm, dass sie drei Tage in der Woche als Ergotherapeutin arbeitete.
Früher mehr.
Doch mit vier Kindern bedeutete jede zusätzliche Stunde Organisation.
Wer holte wen ab?
Wer hatte Musikschule?
Wer brauchte neue Turnschuhe?
Wer hatte am nächsten Morgen ein Referat über heimische Waldtiere vergessen?
„Sie arbeiten mit Kindern?“, fragte Matthias.
„Auch mit älteren Menschen.“
„Was machen Sie mit denen?“
„Ich helfe ihnen, Dinge wieder selbst zu können.“
„Welche Dinge?“
„Einen Knopf schließen. Eine Tasse halten. Nach einem Schlaganfall wieder schreiben. Oder lernen, dass Hilfe anzunehmen nicht dasselbe ist wie aufzugeben.“
Matthias sah sie von der Seite an.
„Das Letzte klingt schwierig.“
„Ist es auch.“
„Besonders für Männer über fünfzig?“
„Besonders für Männer, die glauben, sie müssten allein einen Schrank tragen, nur weil sie ihn gebaut haben.“
„Ich fühle mich angegriffen.“
„Das ist ein gutes Zeichen.“
Die Mädchen kamen erneut zur Bank.
Diesmal meldete Marta, Rike habe Hunger.
Rike widersprach.
„Wir haben alle Hunger.“
„Du bist nur die Sprecherin“, sagte Frieda.
„Es gibt um die Ecke ein kleines Lokal“, erklärte Nora. „Die haben gute Suppe.“
„Mit Würstchen?“, fragte Matthias.
„Für die Kinder.“
„Und für Erwachsene?“
„Für Erwachsene, die ihren Kaffee seit zwanzig Minuten nicht mehr schmecken, gibt es Linseneintopf.“
Matthias sah auf seinen leeren Becher.
Er hatte nicht bemerkt, wann er ihn ausgetrunken hatte.
„Haben Sie noch etwas vor?“, fragte Nora.
Die Frage war einfach.
Trotzdem traf sie ihn unvorbereitet.
Seit Elkes Tod fragte kaum jemand, ob er etwas vorhatte.
Die meisten wussten, dass er nichts vorhatte.
Seine erwachsene Tochter lud ihn manchmal sonntags zum Essen ein.
Sein Sohn rief aus Süddeutschland an, wenn er daran dachte.
Freunde hatten ihn anfangs zu Geburtstagen und Grillabenden gebeten.
Doch Matthias sagte oft ab.
Irgendwann fragten sie seltener.
Nicht aus Bosheit.
Menschen akzeptieren irgendwann die Tür, die man geschlossen hält.
Matthias hätte sagen können, dass er nach Hause müsse.
Dass Arbeit wartete.
Dass fünf Personen an einem Tisch zu laut für ihn seien.
Dass er keine fremden Kinder mochte.
Nichts davon stimmte wirklich.
Also sagte er: „Nein. Ich habe nichts vor.“
Sie gingen gemeinsam los.
Die vier Mädchen liefen voraus.
Nicht ordentlich nebeneinander, sondern in jener lockeren Formation, in der Kinder sich bewegen, wenn sie den Weg kennen und nicht daran denken, auf Erwachsene zu warten.
Matthias und Nora gingen langsamer.
Der Wind war schwach geworden.
Die Blätter fielen fast senkrecht von den Bäumen.
Eines blieb auf Noras Schulter liegen.
Matthias nahm es vorsichtig herunter.
Die Berührung dauerte weniger als eine Sekunde.
Trotzdem zog Nora den Atem ein.
Nicht erschrocken.
Eher überrascht darüber, dass eine fremde Hand so behutsam sein konnte.
Im Lokal schoben die Mädchen zwei Tische zusammen.
Leni setzte sich neben Matthias.
Rike gegenüber.
Nora versuchte, eine Sitzordnung durchzusetzen, die verhindern sollte, dass Frieda und Marta sich gegenseitig unter dem Tisch traten.
Sie scheiterte.
Matthias beobachtete das Durcheinander.
Vier Stimmen redeten gleichzeitig.
Löffel klapperten.
Eine Serviette fiel zu Boden.
Jemand verschüttete Wasser.
Es war laut.
Es war eng.
Es war lebendig.
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