Aber in diesem Augenblick war sie einfach nur eine Mutter, die ihre Jungen nicht aufgab.
Als der Hagel endlich schwächer wurde und in kalten Regen überging, gingen wir sofort in die Knie.
„Jetzt“, sagte ich.
Wir mussten die kleine Familie irgendwie rausbekommen.
Die Mutter versuchte, sich aufzurichten.
Ihre Vorderbeine stemmten sich hoch.
Dann gaben die Hinterbeine nach, und sie sackte wieder zusammen.
„Sie ist völlig am Ende“, sagte Walter.
Ich nickte.
Sie hatte alles aufgebraucht, was noch in ihr gewesen war.
Wir holten aus einer Gepäckrolle eine stabile Kunststoffplatte, die ich manchmal als Unterlage für schnelle Reparaturen nutzte. Darauf legten wir Decken und eine zusammengerollte Innenschicht aus dem Reifen, damit nichts verrutschte.
Dann schoben wir das Ganze vorsichtig unter die Hündin und ihre Welpen.
Diesmal ließ sie es zu.
Vielleicht, weil sie nicht mehr konnte.
Vielleicht, weil sie gespürt hatte, dass wir nicht gegen sie arbeiteten.
Karl hatte inzwischen bei einer Tierarztpraxis angerufen, die auch Notfälle annahm.
Eine Frau am Telefon sagte, wir sollten sofort kommen.
Ein Bekannter von Georg, der in der Nähe wohnte, brachte uns mit seinem Kombi entgegen, weil wir die Tiere unmöglich sicher auf den Motorrädern transportieren konnten.
Ich setzte mich hinten zu der Hündin.
Sie lag auf der Decke, triefnass, ausgemergelt, erschöpft.
Immer wieder hob sie den Kopf und tastete mit der Schnauze nach ihren Jungen.
„Sie sind da“, sagte ich jedes Mal. „Ganz nah bei dir.“
Natürlich wusste ich nicht, ob sie mich verstand.
Aber irgendwann hörte sie auf, hektisch zu suchen, und legte den Kopf wieder ab.
In der Tierarztpraxis roch es nach Desinfektionsmittel, nassem Fell und warmer Luft.
Frau Hartmann, die Tierärztin, erwartete uns schon mit einer Helferin.
„Schnell rein mit ihnen.“
Die Hündin wurde auf einen Behandlungstisch gelegt, die Welpen in warme Tücher gewickelt.
„Beide leben“, sagte die Helferin nach kurzer Zeit.
Das war der erste Satz an diesem Nachmittag, der mir wirklich Erleichterung brachte.
Der kleinere Welpe war schwach.
Der andere etwas kräftiger, aber ebenfalls ausgekühlt.
Die Mutter war stark unterernährt, dehydriert und an mehreren Stellen schmerzhaft geprellt.
„Wenn Sie sie nicht gefunden hätten, hätte das schlecht geendet“, sagte Frau Hartmann.
Ich sah durch die Glasscheibe in den Behandlungsraum.
Die Hündin hob den Kopf, obwohl sie kaum die Kraft dazu hatte.
Sie wollte ihre Jungen sehen.
„Zähes Mädchen“, murmelte ich.
Frau Hartmann trocknete sie so gut es ging und fuhr dann mit einem Lesegerät über ihren Nacken.
Plötzlich piepte es.
„Sie ist gechippt“, sagte die Helferin.
Rudi nickte sofort.
„Na, immerhin. Dann findet man bestimmt, wo sie hingehört.“
Die Helferin tippte die Nummer ein.
Dann hielt sie inne.
„Das ist seltsam.“
„Was denn?“, fragte Georg.
Sie sah auf den Bildschirm.
„Der Chip ist auf ein Ausbildungszentrum für Assistenzhunde registriert. In der Nähe von Augsburg.“
Für einen Moment sagte keiner etwas.
„Ein Assistenzhund?“, fragte ich.
„Offenbar ja“, sagte Frau Hartmann.
Sie ließ sich die Daten zeigen, runzelte die Stirn und las weiter.
„Und laut Vermerk wurde die Hündin vor acht Monaten als vermisst gemeldet.“
Acht Monate.
Die Zahl blieb im Raum hängen.
Ich schaute wieder durch die Scheibe.
Da lag sie nun. Halb verhungert. Verletzt. Mit zwei neugeborenen Welpen.
Und irgendwo, hunderte Kilometer entfernt, hatte sie offenbar einmal in einer ganz anderen Welt gelebt.
Später an diesem Abend rief das Ausbildungszentrum zurück.
Eine Frau namens Monika Bauer meldete sich.
Frau Hartmann fragte, ob ich dableiben wolle.
Ich blieb.
Monikas Stimme zitterte schon beim ersten Satz.
„Ist sie wirklich gefunden worden? Lebt sie?“
„Ja“, sagte Frau Hartmann. „Sie lebt.“
Am anderen Ende der Leitung wurde es still.
Dann ein kurzes, hörbares Ausatmen.
„Wie heißt sie?“, fragte ich leise.
Frau Hartmann hielt die Hand über den Hörer und sagte: „Resi.“
Resi.
Der Name passte. Kurz, warm, bayrisch, vertraut.
Als hätte ich ihn schon einmal gehört.
Monika erzählte, Resi sei in dem Zentrum ausgebildet worden, als Assistenzhund mit besonders ruhigem Wesen. Sie habe Menschen Sicherheit gegeben, die im Alltag viel Unterstützung brauchten.
„Sie war sanft“, sagte Monika. „Sehr aufmerksam. Und unglaublich klug.“
Vor acht Monaten war Resi plötzlich verschwunden.
Wie genau, das wusste man bis dahin nicht sicher.
Man hatte gesucht, Aushänge gemacht, Meldungen weitergegeben, Tierarztpraxen informiert.
Nichts.
Monika hatte die Hoffnung fast aufgegeben.
Zwei Tage später stand sie in der Praxis.
Ich war zufällig wieder dort, weil ich nach Resi und den Welpen sehen wollte.
Monika war kleiner, als ich erwartet hatte. Anfang fünfzig vielleicht. Mager, müde im Gesicht, aber mit wachen Augen.
Als sie Resi sah, blieb sie in der Tür stehen.
Die Hündin lag auf einer Decke. Die beiden Welpen eng an ihrem Bauch.
„Resi?“, flüsterte Monika.
Die Hündin hob den Kopf.
Zuerst langsam.
Dann etwas schneller.
Sie stieß einen heiseren Laut aus, halb Winseln, halb Seufzen.
Monika ging in die Knie.
„Mei Madl…“
Resi versuchte aufzustehen.
Es klappte nicht richtig. Ihre Beine zitterten.
Also zog sie sich mit den Vorderpfoten Stück für Stück zu Monika hin.
Und dann legte sie ihren Kopf in ihre Hände.
Monika brach in Tränen aus.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Dieses leise, tiefe Weinen, das direkt aus dem Bauch kommt.
Ich sah weg, als hätte ich ihr etwas sehr Privates unbeabsichtigt mitangesehen.
Neben mir räusperte sich Sepp und tat so, als hätte er Staub im Auge.
Später erzählte Monika uns mehr.
Resi war nie irgendein Hund gewesen.
Sie war ausgebildet worden, Menschen zu helfen, sich im Alltag sicher zu fühlen. Sie hatte eine Ruhe ausgestrahlt, die selbst nervöse Menschen entspannte.
„Und jetzt hat sie ihre ganze Kraft benutzt, um ihre Welpen zu schützen“, sagte Frau Hartmann.
Monika strich Resi über die Stirn.
„Ja“, antwortete sie. „So war sie immer.“
In den folgenden Tagen wurde noch etwas bekannt.
Die Stellen, die sich mit solchen Vermisstenmeldungen befassten, prüften, ob Resis Fall mit anderen verschwundenen Hunden zusammenhängen könnte.
Im Lauf der Monate waren mehrere Hunde aus verschiedenen Regionen als vermisst gemeldet worden.
Man sprach von etwa dreißig Fällen, die man genauer anschauen wollte.
Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, ob wirklich alles zusammenhing.
Und ich will hier nichts behaupten, was ich nicht weiß.
Aber klar war: Resis Wiederauftauchen war nicht nur eine Heimkehr.
Es war auch ein Hinweis, dem nun nachgegangen wurde.
Für uns rückte das allerdings schnell in den Hintergrund.
Weil da vor allem ein Hund war, der wieder zu Kräften kommen musste.
Und zwei Welpen, die umsorgt werden wollten.
Wir besuchten die drei regelmäßig.
Walter brachte weiche Decken.
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