Sechs Tage lang blieb die achtjährige Tina verschwunden, bis ein mürrischer Rentner an einer gesperrten Waldstraße anhielt und etwas entdeckte, das dort nicht hingehörte.
„Sie können hier nicht einfach durchfahren!“
Die Frau vor der Absperrung hatte beide Hände auf die Motorhaube seines alten Hochdachkombis gelegt. Hinter ihr standen zwei Spaziergänger und ein Mann mit einem Hund. Alle sahen erst auf den Wagen, dann auf den Fahrer.
Werner Mertens kurbelte das Fenster herunter. Sein linker Daumen war schief zusammengewachsen, die Fingernägel blieben trotz Bürste dunkel, und unter dem grauen Schnurrbart bewegte sich kaum etwas.
„Will ich auch nicht“, sagte er. „Ich suche eine Stelle zum Wenden.“
„Das sagen sie alle.“
Werner sah auf das Schild, das halb von einem Ast verdeckt wurde. Die Durchfahrt war wegen Forstarbeiten gesperrt. Sein altes Navigationsgerät hatte ihn trotzdem hierhergeschickt.
Er hätte jetzt erklären können, dass er sich verfahren hatte. Dass er seit vierundvierzig Jahren unfallfrei fuhr und keine Belehrung brauchte. Früher hätte er das vermutlich getan.
Stattdessen nickte er.
„Dann haben Sie heute wenigstens einen, der wieder umdreht.“
Er setzte vorsichtig zurück. Die Frau trat beiseite, schüttelte aber noch den Kopf, als er längst außer Hörweite war.
Werner war vierundsechzig und seit knapp zwei Jahren in Rente. Achtunddreißig Jahre hatte er in einer Werkstatt für Lastwagen gearbeitet, die letzten davon mit einem Rücken, der morgens länger zum Anspringen brauchte als mancher Motor.
Seine ehemaligen Kollegen sagten, er könne am Geräusch erkennen, welche Schraube locker sei.
Seine Nachbarn sagten vor allem, er sei schwierig.
Beides stimmte manchmal.
Er wohnte allein am Rand einer kleinen Stadt im Sauerland. Vor dem Haus stand ein Blumenkübel, in dem seit dem vergangenen Herbst nichts mehr wuchs. Wenn jemand klingelte, brauchte es gewöhnlich einen guten Grund.
An diesem Morgen wollte er zu einem Stausee fahren. Wie jedes Jahr am selben Tag.
Im Handschuhfach lagen zwei Käsebrote, eine Thermoskanne und ein Foto seines Sohnes.
Daniel war neunzehn gewesen, als er nach einem Unfall auf einer Baustelle ins Krankenhaus gekommen war. Werner hatte damals noch geglaubt, für beinahe alles gebe es eine Reparatur.
Er hatte vor der Intensivstation gesessen, die Arbeitshose voller Metallstaub, und darauf gewartet, dass jemand herauskam und sagte: Es wird wieder.
Seit elf Jahren fuhr er an Daniels Todestag zum Wasser. Sein Sohn hatte dort als Junge geangelt und sich jedes Mal beschwert, dass die Fische offenbar Urlaub hätten.
Werner saß dann auf derselben Bank, trank seinen Kaffee und fuhr wieder heim.
Mehr verlangte dieser Tag nicht von ihm.
An einer Ausweichstelle hielt er an. Er wollte das Navigationsgerät ausschalten und die Straßenkarte aus dem Seitenfach holen. Als er sich aufrichtete, fiel sein Blick über den Fahrbahnrand.
Zwischen Farnen hing etwas Violettes.
Zuerst hielt er es für eine Plastiktüte. Dann erkannte er einen schmalen Gurt und daneben eine kleine Tasche mit einem hellen Stern darauf.
Ein Schulrucksack.
Werner stellte den Motor ab.
Unterhalb der Straße fiel der bewaldete Hang steil ab. Man konnte von oben nicht bis zum Grund sehen. Eine junge Buche war abgeknickt, doch ihre Krone lag unter dichtem Laub verborgen.
Er ging zwei Schritte weiter.
An einer kahlen Stelle der Böschung verliefen kleine Schrammen im Lehm. Dazwischen waren Abdrücke, die wie Kinderhände aussahen. Etwas tiefer lag ein einzelner Turnschuh.
„Hallo?“, rief er.
Keine Antwort.
Er wartete, hörte nur das Knacken des abkühlenden Motors hinter sich.
Dann kam von unten ein Laut.
So leise, dass er ihn beinahe für einen Vogel gehalten hätte.
Werner zog sein Handy heraus. Ein Balken Empfang, dann keiner mehr. Er ging ein Stück zurück zum Wagen, hielt das Telefon höher und wählte den Notruf.
Als sich jemand meldete, wurde seine Stimme ruhiger.
„Hier ist Mertens. Ich stehe auf einer alten Waldstraße oberhalb von Altenrode. Da liegt ein Kind am Hang. Ich komme noch nicht richtig dran.“
Die Mitarbeiterin ließ sich beschreiben, wo er abgebogen war. Auf einem Wegweiser entdeckte er den Namen einer Schutzhütte, am Straßenrand die Nummer eines Rettungspunktes.
„Bleiben Sie bitte am Telefon. Können Sie das Kind sehen?“
„Noch nicht ganz.“
„Gehen Sie kein unnötiges Risiko ein.“
Werner blickte auf den kleinen Schuh.
„Ich schaue, ob es einen sicheren Weg gibt.“
Ein paar Meter weiter zog sich eine flachere Mulde zwischen den Bäumen hinunter. Er nahm seine Arbeitsjacke vom Beifahrersitz, ließ die Warnblinkanlage laufen und stieg langsam ab.
Seine Knie zitterten schon nach wenigen Schritten.
Er hielt sich an einem Stamm fest, setzte den Fuß vorsichtig auf den nächsten festen Fleck und schimpfte halblaut mit sich selbst.
Dann sah er das Auto.
Es lag seitlich zwischen zwei Bäumen, vom Straßenniveau aus vollständig verdeckt. Die dunkle Karosserie verschwand fast im Schatten.
Ein Stück daneben saß ein Mädchen unter einer Felskante.
Eine viel zu große Jacke hing um ihre Schultern. Ihr Gesicht war verschmiert, die Lippen trocken. Den linken Arm hielt sie dicht an den Körper.
Neben ihr lag eine Frau.
Werner blieb einen Moment stehen. Etwas in ihm verstand sofort, weshalb sie sich nicht bewegte.
Dann kniete er sich vor das Kind.
„Hallo. Ich bin Werner.“
Das Mädchen sah ihn an, ohne den Kopf zu heben.
„Bist du echt?“
Er musste schlucken.
„Ja. Ganz echt.“
„Ich hab schon mal jemanden gehört.“
Werner legte seine Jacke vorsichtig über ihre Beine. Dann sagte er ins Telefon, was er sah, und beantwortete die Fragen der Mitarbeiterin.
Das Mädchen beobachtete seine Hände.
„Du hast auch so einen Daumen.“
„Was?“
„Mein Opa hatte auch einen kaputten.“
Werner sah auf den schiefen Finger.
„Dann haben wir wohl beide nicht gut genug aufgepasst.“
Ein winziges Zucken ging über ihren Mund. Es war noch kein Lächeln, aber etwas Lebendiges.
„Wie heißt du?“
„Tina.“
Er kannte den Namen.
Am Abend zuvor hatte auf einem Zettel an der Tankstelle ein Kinderfoto gehangen. Daneben das einer Frau mit kurzen Haaren. Werner hatte nur flüchtig hingesehen.
Mutter und Tochter vermisst.
Jetzt sah er den violetten Rucksack wieder an.
„Tina, die Hilfe ist unterwegs.“
Ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen.
„Für Mama auch?“
Werner richtete den Blick nicht auf die Frau neben ihr.
„Für euch beide“, sagte er. „Jetzt bleibe ich erst mal hier.“
Sie griff nach dem Ärmel seines Pullovers.
Er ließ sie.
Später sollte Werner erfahren, dass Linda Hartmann mit ihrer Tochter auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch gewesen war. Sie war Ärztin und wollte wieder näher bei ihrer Mutter wohnen. Tina hatte sich auf eine Wohnung gefreut, von der aus sie allein zu ihrer Oma laufen konnte.
Auf einer Umleitung waren sie auf die schmale Straße geraten.
Was genau den Wagen von der Fahrbahn gebracht hatte, ließ sich später nicht sicher klären. Tina erinnerte sich an ein Tier, einen Ruck und das Geräusch von brechenden Ästen.
Linda hatte ihre Tochter aus dem Wagen bekommen. Danach hatte ihre Kraft nur noch gereicht, sie unter die Felskante zu bringen.
Dort lagen zwei leere Wasserflaschen, eine Brotdose und zerknüllte Verpackungen. Linda hatte ihrer Tochter die Jacke angezogen und ihr eingeschärft, mit den Vorräten sparsam zu sein.
Die ersten beiden Nächte hatte sie noch mit ihr gesprochen.
Dann nicht mehr.
Oben an der Straße hatte niemand eine deutliche Unfallstelle entdeckt. Ein Zeuge glaubte, Lindas Wagen später auf einer ganz anderen Strecke gesehen zu haben. Diese Angabe hatte die Suche zunächst weit nach Süden gelenkt.
Menschen waren durch Wälder gegangen, Hunde hatten gesucht, ein Hubschrauber war über den Tälern gekreist.
Doch dieser Hang war dicht bewachsen, und die Straße gehörte nicht zu dem Gebiet, in dem man Mutter und Tochter zuletzt vermutete.
Nach mehreren ergebnislosen Tagen war die große Flächensuche reduziert worden. Die Ermittlungen liefen weiter.
Für Tina hatte sich das alles gleich angefühlt.
Niemand kam.
„Ich wollte hoch“, flüsterte sie.
Werner folgte ihrem Blick zu der lehmigen Böschung.
„Hab ich gesehen.“
„Aber dann bin ich wieder runtergerutscht. Mama hat gesagt, ich soll nicht so weit weg.“
Ihre Finger zogen sich enger um seinen Ärmel.
„Bin ich schuld, weil ich nicht oben angekommen bin?“
„Nein.“
Das Wort kam so fest, dass sie erschrak.
Werner senkte die Stimme.
„Hör mir zu, Tina. Du bist an gar nichts schuld. Du hast durchgehalten. Mehr musste ein Kind nicht schaffen.“
Er wusste nicht, ob sie ihm glaubte.
Aber sie ließ den Ärmel nicht mehr los.
Als die ersten Einsatzkräfte oben riefen, hob Werner den Arm. Er hätte nie versucht, sie diesen Hang hinaufzutragen. Schon allein wäre er kaum wieder sicher hochgekommen.
Die Rettung dauerte.
Es wurden Seile befestigt, eine Trage heruntergebracht, Tinas Arm vorsichtig versorgt. Einer der Männer legte Werner eine Hand auf die Schulter.
„Wir übernehmen jetzt.“
Tina begann sofort zu weinen.
„Er soll nicht weg!“
Werner blieb neben ihr hocken, bis die Sanitäterin ihr erklärt hatte, was als Nächstes geschah.
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