„Ich gehe nur ein Stück zur Seite“, sagte er. „Du kannst mich sehen.“
Oben hielt man ihm eine Decke hin. Erst da bemerkte er, wie heftig er zitterte.
Als Tina in den Rettungswagen geschoben wurde, hing seine alte Arbeitsjacke immer noch über ihren Beinen.
Eine Polizistin fragte nach seinem Namen.
„Werner Mertens.“
Sie sah von ihrem Block auf.
„Sie haben sehr gut hingesehen, Herr Mertens.“
Er blickte auf den Waldrand.
„Der Rucksack war da.“
Mehr fiel ihm nicht ein.
Am Nachmittag saß er wieder in seiner Küche. Die Käsebrote lagen unberührt auf dem Tisch.
Er hatte seine Schuhe ausgezogen, aber an den Hosenbeinen klebte noch der Lehm. Im Radio berichteten sie von dem gefundenen Mädchen.
Als von der verstorbenen Mutter die Rede war, schaltete er aus.
Dann saß er lange still.
Am nächsten Morgen rief ihn eine Mitarbeiterin der Kinderklinik an. Tina sei wach und werde versorgt. Ihre Großmutter sei inzwischen bei ihr.
„Sie fragt nach Ihnen“, sagte die Frau.
Werner drückte das Telefon fester ans Ohr.
„Sie kennt mich doch gar nicht.“
„Sie erinnert sich daran, dass Sie geblieben sind.“
Er sah auf Daniels Foto auf der Fensterbank.
„Ich kann nicht gut mit Krankenhäusern.“
Am anderen Ende wurde es kurz still.
„Sie müssen heute nichts entscheiden. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass sie Ihre Jacke festhält. Wir durften sie noch nicht einmal waschen.“
Am Vormittag räumte Werner den Küchenschrank aus, obwohl es darin nichts aufzuräumen gab. Gegen Mittag stand er im Flur, den Autoschlüssel in der Hand.
Dann setzte er sich wieder.
Um halb drei fuhr er los.
Vor der Kinderstation blieb er so lange stehen, dass eine Pflegerin ihn fragte, ob sie ihm helfen könne.
„Ich suche Tina Hartmann.“
Seine Stimme klang rauer als sonst.
„Ich bin der mit der Jacke.“
Tina lag in einem Bett am Fenster. Ihr Arm steckte in einem Gipsverband, und neben dem Kissen saß ein Stoffhase mit einem fehlenden Auge.
Als sie Werner sah, richtete sie sich auf.
„Du bist wirklich gekommen.“
„Die Jacke war teuer.“
Sie sah ihn erschrocken an.
Er räusperte sich.
„War ein schlechter Scherz.“
Da lächelte sie.
Neben dem Bett stand ihre Großmutter. Marianne Hartmann war dreiundsiebzig, klein und schmal, mit einem sorgfältig geknöpften Cardigan. Sie hielt Werners Hand zwischen ihren beiden fest.
Zuerst sagte sie nichts.
Dann kam nur: „Mein einziges Enkelkind.“
Werner nickte.
Mehr brauchte er nicht zu hören.
Sie setzten sich. Tina erzählte vom Essen in der Klinik, vom Gips, von einem Jungen auf dem Flur, der nachts schrie.
Dann fragte sie mitten in einem Satz: „Mama kommt nicht mehr, oder?“
Marianne zog scharf Luft ein.
Werner sah sie an. Die Großmutter nickte kaum merklich.
„Nein, Tina“, sagte er. „Deine Mama ist gestorben.“
Das Mädchen betrachtete die Naht seiner Jacke.
„Ich hab ihr gesagt, sie soll aufwachen.“
Niemand beeilte sich, die Stille zu füllen.
Schließlich schob Marianne ihren Stuhl näher ans Bett.
„Ich weiß, mein Schatz.“
Tina begann zu weinen, leise und ohne die Augen zu schließen. Werner blieb sitzen. Er hatte keine klugen Sätze, und zum ersten Mal seit Jahren kam es ihm nicht wie ein Versagen vor.
Als Tina eingeschlafen war, gingen sie gemeinsam auf den Flur.
Dort blieb Marianne vor einem Fenster stehen.
„Linda hat immer gesagt, man erkennt einen Menschen daran, wie er mit jemandem umgeht, der ihm nichts zurückgeben kann.“
Werner rieb mit dem Daumen über die Naht seiner Hose.
„Sie hat viel für Tina getan.“
„Ja“, sagte Marianne. „Und sie wollte noch so viel.“
Er wartete.
„Sie hatte schon einen Küchentisch ausgesucht. Gebraucht, mit zwei ausziehbaren Platten. Damit wir sonntags alle Platz hätten.“
Erst da brach ihre Stimme.
Werner stellte sich neben sie. Als Marianne schließlich weinte, blieb er einfach dort.
Die Zeitung wollte ein Foto.
Ein Mann vom regionalen Fernsehen wollte mit ihm noch einmal zur Fundstelle fahren. Ein anderer fragte, ob er sich als Held fühle.
Werner sagte zu allem Nein.
Nach zwei Tagen stand trotzdem jemand vor seiner Haustür. Sein ehemaliger Werkstattkollege Holger erfuhr davon und kam am nächsten Morgen vorbei.
Er brachte Brötchen mit und setzte sich auf die Bank vor dem Haus.
„Was machst du da?“, fragte Werner.
„Frühstück.“
„Hier?“
„Hier.“
Als wieder ein fremdes Auto hielt, stand Holger auf und erklärte freundlich, dass Herr Mertens keine Interviews gebe.
Später kamen auch andere ehemalige Kollegen. Einer brachte einen Auflauf, einer reparierte das klemmende Gartentor.
Niemand erwähnte, dass Werner seit Jahren jede Einladung zum Stammtisch ausgeschlagen hatte.
Holger stellte nur irgendwann eine Tasse auf den Tisch und sagte: „Du könntest auch mal wieder bei uns auftauchen. Wir sind noch dieselben Deppen.“
Werner schnaubte.
„Das hatte ich befürchtet.“
Eine Woche später besuchte er Tina erneut.
Danach noch einmal.
Bald wusste er, welche Bücher sie mochte und dass sie beim Kartenspielen heimlich versuchte, den Stapel zu sortieren. Er las langsam vor, mit dem Finger unter der Zeile, weil seine Brille nie dort lag, wo er sie brauchte.
Wenn er ein Wort falsch aussprach, verbesserte Tina ihn.
„Du kannst keine Prinzessinnenstimmen.“
„Hab ich in der Werkstatt selten gebraucht.“
Sie lachte so plötzlich, dass Marianne zur Tür sah.
Später, beim Abschied, sagte die Großmutter: „Das war heute das erste richtige Lachen.“
Werner wusste nicht, wohin mit seinen Händen.
Bei Lindas Beerdigung trug er einen dunklen Anzug, der an den Schultern spannte. Tina hatte gefragt, ob er neben ihr sitzen könne.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen






