Also saß er neben ihr.
Als die Trauerrednerin fertig war, zog Tina an seinem Ärmel.
„Kannst du sagen, dass Mama mich nicht allein gelassen hat?“
Er sah zu Marianne. Dann stand er langsam auf.
Vorne hielt er sich mit beiden Händen an der Kante des Rednerpults fest.
„Ich habe Linda Hartmann nicht gekannt“, begann er. „Aber ich habe gesehen, was sie für ihre Tochter getan hat.“
Er musste sich räuspern.
„Tina hatte ihre Jacke. Sie hatte etwas zu trinken und zu essen. Und sie wusste, dass ihre Mutter alles versucht hatte, damit sie gefunden wird.“
Er blickte zu dem Mädchen in der ersten Reihe.
„Das wollte ich sagen. Sie hat ihr Kind nicht allein gelassen.“
Danach setzte er sich wieder.
Tina schob ihre gesunde Hand in seine.
Nach der Entlassung zog sie zu Marianne. Zunächst blieb jede Nacht die Flurlampe an. Manchmal stellte sie eine volle Wasserflasche unter ihr Bett.
Marianne ließ sie dort stehen.
Tina bekam Unterstützung, ging wieder zur Schule und lernte langsam, dass ein guter Tag nicht bedeutete, ihre Mutter vergessen zu haben.
Werner kam mittwochs und samstags. Mittwochs half er bei den Hausaufgaben, soweit seine Kenntnisse reichten. Samstags gingen sie spazieren oder in seine Garage.
Dort hing noch Daniels alte Kinderwerkzeugschürze.
Werner nahm sie beim ersten Besuch von der Wand und legte sie wortlos in eine Schublade.
Tina tat, als hätte sie es nicht gesehen.
Eines Tages brachte sie ihr Fahrrad mit. Es war seit dem Unfall unbenutzt geblieben, der Vorderreifen platt, die Kette trocken.
„Kannst du das machen?“
Werner stellte es auf den Montageständer.
„Können wir.“
Sie sah aufmerksam zu, während er ihr zeigte, wie man einen Schlauch prüfte. Beim ersten Versuch klebte der Flicken schief.
„Jetzt ist es falsch“, sagte sie.
„Dann machen wir es noch mal.“
„Bist du nicht böse?“
Werner hielt mitten in der Bewegung inne.
„Wegen eines Flickens?“
Sie zuckte mit den Schultern.
Er reichte ihr einen neuen.
„In dieser Garage darf man etwas noch nicht können.“
Von da an kam sie öfter.
Ein halbes Jahr nach dem Unfall wollte Tina wieder Rad fahren. Marianne war dagegen, ehe Tina den Satz beendet hatte.
„Du kannst doch erst einmal hier im Hof bleiben.“
„Hier im Hof ist nach drei Metern die Mülltonne.“
„Tina.“
„Ich will doch nur auf den Weg am Sportplatz.“
Werner hielt sich zunächst heraus. Erst als Tina gegangen war, setzte er sich zu Marianne an den Küchentisch.
„Wir könnten mit einem kleinen Stück anfangen. Du kommst mit.“
Marianne faltete das Geschirrtuch auf ihrem Schoß.
„Ich habe meine Tochter verloren.“
„Ich weiß.“
„Nein“, sagte sie scharf. „Sie wissen nicht, wie das ist, wenn morgens das Kind zur Tür hinausgeht und man nicht weiß, ob—“
Sie brach ab.
Werner sah sie an.
Zum ersten Mal erzählte er ihr von Daniel.
Nicht alles. Nur vom Anruf, von der Fahrt ins Krankenhaus und davon, dass er seinem Sohn am Morgen noch gesagt hatte, er solle endlich die dreckigen Schuhe aus dem Flur räumen.
Marianne legte das Geschirrtuch auf den Tisch.
„Das wusste ich nicht.“
„Woher auch.“
Lange hörte man nur die Küchenuhr.
„Ich hätte ihn gern noch öfter fahren lassen“, sagte Werner schließlich. „Zum Angeln. Zu seinen Freunden. Irgendwohin. Hinterher denkt man an Dinge, die vorher nichts waren.“
Am folgenden Samstag ging Marianne mit zum Sportplatz.
Tina fuhr die erste Runde so langsam, dass Werner nebenhergehen konnte. Vor der zweiten bat sie ihn, ein Stück zurückzubleiben.
Er tat es.
Marianne griff nach seinem Arm.
Beide sahen dem kleinen Fahrrad hinterher.
Kurz vor dem Sommer fand Tina in der Garage ein Foto. Daniel stand darauf neben einem selbst gebauten Holzboot und grinste in die Kamera.
„Ist das dein Sohn?“
Werner nickte.
„Warum ist er gestorben?“
Er setzte sich auf den Hocker neben der Werkbank.
„Bei der Arbeit ist ein schwerer Unfall passiert. Im Krankenhaus konnten sie ihm nicht mehr helfen.“
Tina betrachtete das Bild.
„Darum warst du so komisch auf dem Flur.“
Er sah sie überrascht an.
„Du hast geguckt, als wolltest du weglaufen.“
„Wollte ich auch.“
„Warum bist du geblieben?“
Werner brauchte eine Weile.
„Weil du da warst.“
Sie stellte das Foto vorsichtig neben die Schraubenkiste.
„Dann darf er aber auch hier bleiben.“
Werner zog die Schublade auf und holte die kleine Werkzeugschürze heraus.
„Die war mal seine“, sagte er. „Wenn du möchtest.“
Tina band sie sich um. Die Schnüre waren zu kurz geworden für die alten Knoten, also machte Werner neue.
Er hatte dabei Tränen in den Augen.
Diesmal drehte er sich nicht weg.
Im Herbst kam die Polizistin noch einmal vorbei, die seinen Namen am Waldrand aufgenommen hatte. Die Suche war inzwischen ausführlich nachbesprochen worden.
„Es sind Fehler passiert“, sagte sie. „Und es gab Hinweise, die plausibler wirkten, als sie waren.“
Werner hörte zu.
Sie erklärte, dass man bei künftigen Suchen Nebenstraßen und unübersichtliche Böschungen genauer dokumentieren wolle. Auch die Information über die falsche Sichtung habe zu lange als sicher gegolten.
„Ich wollte, dass Sie wissen, dass wir daraus etwas machen.“
Er nickte.
„Sagen Sie es Frau Hartmann. Die wartet auf so ein Gespräch.“
Die Polizistin tat es.
Es brachte Linda nicht zurück. Aber Marianne sagte hinterher, es sei das erste Mal gewesen, dass jemand ihr ruhig erklärt habe, was geschehen war, ohne sich hinter allgemeinen Worten zu verstecken.
Werner begann später, bei örtlichen Suchübungen zu helfen. Er lernte, wie man Beobachtungen meldete, Wege absuchte und dabei selbst sicher blieb.
Tina fand das gut.
„Aber wenn du dich verläufst, rufst du an.“
„Jawohl.“
„Und dein Handy ist geladen.“
„Jawohl.“
„Du sagst das so komisch.“
„Bin solche Anweisungen nicht gewohnt.“
„Dann gewöhn dich dran.“
Drei Jahre später war Tina elf.
Sie hatte noch immer Tage, an denen sie ihre Mutter plötzlich so sehr vermisste, dass sie nicht zur Schule wollte. Im Wald blieb sie auf breiten Wegen. Zu ihrem Geburtstag stand neben dem Kuchen immer auch ein Foto von Linda.
Aber sie fuhr wieder Fahrrad. Sie stritt mit ihrer Oma über Schlafenszeiten und mit Werner darüber, ob ein Werkzeug wirklich zurück an denselben Haken musste.
Mittwochs standen bei ihm längst drei Teller auf dem Tisch.
Marianne hatte irgendwann den leeren Blumenkübel vor seinem Haus bepflanzt. Holger kam wieder zum Kaffee. Und Tina hatte einen eigenen Schlüssel, auf dessen Anhänger sie mit schwarzem Filzstift „Werkstatt“ geschrieben hatte.
Werner war nicht ihr Vater geworden. Sie nannte ihn Werner, manchmal Opa Werner, wenn es ihr herausrutschte.
Das erste Mal hatte er so getan, als müsse er husten.
Dann hatte er ihr das Marmeladenglas gereicht.
An Daniels Todestag fragte er sie und Marianne, ob sie mit zum Stausee kommen wollten.
Tina packte Käsebrote ein. Marianne nahm eine Decke mit, obwohl Werner behauptete, die Bank sei trocken.
Sie saßen zu dritt am Wasser. Werner zeigte auf die Stelle, an der Daniel früher geangelt hatte.
„Gefangen hat er fast nie etwas.“
„Vielleicht war er einfach schlecht“, sagte Tina.
Werner lachte.
„Das hätte er hören sollen.“
Später gingen sie zum Auto zurück. Tina lief voraus, blieb aber an einer Wegkreuzung stehen und wartete.
Werner zog den Schlüssel aus der Tasche. Dabei fiel sein Portemonnaie herunter, und zwei Fotos rutschten auf den Kies.
Auf einem stand Daniel neben seinem Holzboot.
Auf dem anderen saß Tina an der Werkbank, mit der zu großen Schürze und einem schwarzen Fleck auf der Nase.
Sie hob beide Bilder auf und reichte sie ihm.
„Das von Mama ist bei mir auch immer vorne drin.“
Werner strich den Kies vom Rand des Fotos.
„Da gehört es hin.“
Zu Hause hängte Tina ihre Jacke an den Haken im Flur. Daneben hing noch immer seine alte Arbeitsjacke.
Sie war längst gewaschen und an der Schulter geflickt. Tina hatte sie ihm zurückgegeben, als sie keine Angst mehr hatte, dass er ohne sie verschwinden könnte.
Marianne ging in die Küche und setzte Wasser auf. Tina rief aus der Garage, ob Werner ihr kurz helfen könne.
Er blieb einen Augenblick im Flur stehen.
Früher hatte er nach diesem Tag die Tür hinter sich geschlossen und gehofft, dass niemand mehr etwas von ihm wollte.
Jetzt legte er Daniels Foto zurück ins Portemonnaie und ging zu ihr.






