„Nichts.“
Er holte Luft.
Tauchte erneut.
Der Bus bewegte sich.
Nur ein kleines Stück.
Doch jeder hörte das metallische Knirschen.
Ralf zog sofort den Sicherungsgurt straff.
„Hannes! Raus!“
Keine Antwort.
„Hannes!“
Wieder erschien sein Kopf.
Er rang nach Luft.
„Ich hab ihn gesehen.“
„Dann raus!“
Hannes schüttelte den Kopf.
„Er hängt fest.“
Und tauchte wieder ab.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie Ralf in diesem Moment aussah.
Der grobe Mechaniker, der fünf Minuten vorher noch Witze gemacht hatte, war kreidebleich.
„Verdammt, Witte.“
Er hielt den Gurt mit beiden Händen.
„Mach keinen Scheiß.“
Später erzählte Hannes, Ben sei zwischen zwei Sitzreihen gerutscht.
Ein Gurt seines kleinen Rucksacks hatte sich an einer Halterung verfangen.
Der Junge war vollständig unter Wasser.
Hannes bekam den Verschluss nicht mit den Fingern gelöst.
Also zog er das kleine Sicherheitsmesser aus seiner Arbeitshose, mit dem er normalerweise Verpackungsbänder und Gurte durchtrennte.
Ein Schnitt.
Noch einer.
Der Riemen löste sich.
Hannes packte Ben unter den Armen.
In diesem Augenblick rutschte der Bus.
Ein halber Meter vielleicht.
Nicht mehr.
Aber genug.
Wasser drückte durch die hintere Öffnung.
Katrin schrie.
Ralf stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Sicherungsleine.
Jörg kam dazu.
Dann Sven.
„Ziehen!“
Sie zogen.
Erst kam nur der Gurt.
Dann Hannes‘ Schulter.
Dann sein Kopf.
Und schließlich sah ich einen kleinen grünen Rucksack.
„Er hat ihn!“
Jemand neben mir begann zu weinen.
Ich glaube, ich war es selbst.
Hannes schob Ben zuerst durch die Öffnung.
Ralf nahm den Jungen.
Ben bewegte sich nicht.
Sein Kopf hing nach hinten.
Seine Lippen waren blass.
„Böschung!“, rief Ralf.
Sven nahm Ben und brachte ihn gemeinsam mit Jörg zu einem etwas höher gelegenen Stück Asphalt.
Hannes wollte hinterher.
Dann rutschte er ab.
Der Gurt hielt.
Er schlug mit der Seite gegen den Bus und verschwand kurz im Wasser.
Ralf und ein weiterer Kollege zogen ihn hoch.
Als Hannes endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, konnte er kaum stehen.
„Ben?“
Niemand antwortete.
„Was ist mit dem Jungen?“
Auf der Böschung kniete Ralf bereits neben Ben.
Der Mechaniker hatte wie alle Mitarbeiter des Betriebs regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse besucht.
Nie hatte er gedacht, dass er das Gelernte einmal bei einem Dreijährigen brauchen würde.
Katrin kam jetzt ebenfalls herunter.
Jörg half ihr vom Bus.
Sie stolperte über die Böschung zu Ben.
„Bitte“, sagte sie.
Mehr nicht.
Ralf arbeitete weiter.
Sekunden vergingen.
Dann hustete Ben.
Nur einmal.
Ganz schwach.
Ralf drehte ihn vorsichtig zur Seite.
Der Junge hustete wieder.
Wasser lief aus seinem Mund.
Und dann begann er zu weinen.
Es war kein schöner Klang.
Es war laut.
Krächzend.
Verängstigt.
Und trotzdem war es in diesem Moment das schönste Geräusch, das ich je gehört hatte.
Mia riss sich aus den Armen einer Frau los, die sie betreute.
„Ben!“
Katrin fing sie ab.
„Langsam.“
Mia kniete neben ihrem Bruder.
Ben öffnete die Augen.
„Mia.“
Mehr brachte er nicht heraus.
Hinter mir setzte sich Hannes einfach auf den Asphalt.
Seine Hände zitterten.
Am linken Handballen hatte er eine tiefe Schnittwunde.
Seine Arbeitsjacke war eingerissen.
Ralf kam zu ihm.
„Du Idiot.“
Hannes nickte.
„Ja.“
Ralf setzte sich neben ihn.
Für einige Sekunden sagte keiner etwas.
Dann legte der Mechaniker den Arm um seinen Kollegen.
Kurz danach trafen die ersten Einsatzkräfte ein.
Mehrere Zufahrten waren wegen des Wassers blockiert gewesen. Deshalb hatten sie länger gebraucht, als alle gehofft hatten.
Sie übernahmen die Versorgung der Kinder.
Ben bekam Sauerstoff und wurde sofort in eine Klinik gebracht.
Hannes ebenfalls.
Bevor die Sanitäter ihn wegführten, packte er einen von ihnen am Ärmel.
„Die Kinder?“
„Alle da.“
„23?“
Der Mann nickte.
„Alle 23.“
Erst dann ließ Hannes sich hinlegen.
Der Fahrer des Busses wurde später ebenfalls gefunden.
Er hatte versucht, nach dem Abrutschen des Fahrzeugs Hilfe von außen zu holen und war dabei gestürzt. Einige hundert Meter entfernt hatte er sich verletzt an einem Geländer festhalten können.
Er hatte die Kinder nicht verlassen wollen.
Er hatte selbst Hilfe gebraucht.
Das war eine der vielen Geschichten, die an diesem Tag zunächst anders erzählt wurden, als sie wirklich gewesen waren.
Auch die Geschichte über Katrin.
Auf den ersten Handyvideos sah es aus, als hätte die Erzieherin einfach auf dem Dach gestanden und nichts getan.
Menschen beschimpften sie.
Andere behaupteten, sie habe die Arbeiter absichtlich behindert.
Die Wahrheit war komplizierter.
Katrin hatte zunächst versucht, mehrere Kinder durch die Dachluke zu ziehen.
Ein Mädchen war dabei beinahe ins Wasser gerutscht.
Danach hatte Katrin Panik bekommen.
Als Hannes und seine Kollegen auftauchten, sah sie keine erfahrenen Handwerker.
Sie sah fremde Männer.
Groß.
Laut.
Schmutzig.
Sie hatte Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen.
Also klammerte sie sich an das Einzige, was ihr Sicherheit gab:
„Warten Sie auf die Feuerwehr.“
Später sagte sie selbst:
„Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe nur noch Angst gehabt.“
Hannes lag zwei Nächte im Krankenhaus.
Zwölf Stiche an der Hand.
Zwei stark geprellte Rippen.
Mehrere kleinere Schnitte.
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