Sein Sohn war verschwunden, doch die Polizei suchte unter dem Beton in seinem Garten

Fast drei Tage waren vergangen. Die Suche lief weiter, aber die Stimmen am Telefon wurden vorsichtiger.

Bender erklärte mir gerade, was als Nächstes untersucht werden sollte, als die junge Beamtin durch das Gartentor kam.

Sie hieß Nele Kruse. Seit Dienstag trug sie dasselbe kleine Notizbuch bei sich.

„Herr Bender. Wir haben eine Aufnahme.“

Die Kamera gehörte einem Nachbarn aus der Parallelstraße. Er war verreist gewesen, und die Bilder waren auf einem Gerät in seinem Haus gespeichert worden.

Sein Sohn hatte am Vormittag aufgeschlossen.

Wir gingen in meine Küche. Nele stellte ihren Rechner auf den Tisch, genau an die Stelle, an der Jannis sonst frühstückte.

Auf dem Bildschirm war ein schmaler Gehweg zu sehen.

Dann kam mein Sohn ins Bild.

Blaues Hemd. Graue Hose. Barfuß.

Ich griff so fest an die Tischkante, dass meine Finger schmerzten.

„Da“, sagte ich, obwohl ihn längst jeder gesehen hatte. „Da ist er.“


Die Aufnahme zeigte nur wenige Sekunden.

Jannis ging am Zaun entlang, blieb kurz an einem Pfosten stehen und lief weiter. Niemand begleitete ihn.

Bender sah zu mir herüber. Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, dass er auf einen Fehler wartete.

Eine weitere Aufnahme aus der Straße half, seinen Weg einzugrenzen.

Danach untersuchten sie unseren Zaun noch einmal. Hinter dem alten Kompostkasten fanden sie Erde auf einem Querholz und einen kleinen blauen Stofffaden.

Jannis hatte offenbar den Kasten als Aufstieg benutzt. Von dort kam er an die Querstreben des Zauns.

„Er ist noch nie darübergeklettert“, sagte ich.

Nele kniete neben der Stelle.

„Vielleicht hatte er bisher keinen Grund.“

Ich hörte darin keinen Vorwurf. Trotzdem traf mich der Satz.

Weil ich die ganze Zeit geglaubt hatte, genau zu wissen, was mein Sohn konnte.


Die Bilder führten in Richtung des alten Mühlgrabens.

Dort gab es einen Spazierweg, mehrere Kleingärten und einen Wasserlauf mit steilen Ufern. Noch am Nachmittag suchten die Helfer diesen Bereich erneut ab.

Ich durfte bei der Einsatzleitung warten. Udo blieb neben mir, die Hände um einen längst kalten Pappbecher gelegt.

Irgendwann kam Bender heraus.

„Wir suchen auch am Wasser.“

„Er mag Wasser.“

Bender nickte langsam.

Es war nur eine Bewegung. Aber ich verstand, was er nicht sagte.

Ich stand auf.

„Nein.“

„Herr Martens, wir wissen noch nichts.“

„Dann gucken Sie mich nicht so an.“

Udo fasste mich am Ellenbogen. Ich schüttelte ihn ab und entschuldigte mich sofort.

Bender setzte sich mir gegenüber.

„Ich habe mich zu früh auf einen Verdacht konzentriert“, sagte er. „Das war falsch.“

Ich sah an ihm vorbei auf das Foto meines Sohnes an der Wand.

„Heben Sie sich das auf. Wenn er wieder hier ist.“


Am Freitagabend rief eine Frau aus einem Krankenhaus an.

Ich weiß noch, dass ich gerade Jannis’ Schlafanzug zusammengelegt hatte. Eine sinnlose Beschäftigung, aber meine Hände mussten etwas tun.

„Herr Martens? Mein Name ist Frau Hartwig. Bei uns ist ein Junge aufgenommen worden, der Ihr Sohn sein könnte.“

Ich sagte nichts.

„Er ist wach. Er wird gerade untersucht.“

Der Schlafanzug fiel mir auf die Füße.

Udo fuhr mich. Ich hätte das Auto nicht aus der Einfahrt bekommen.

Auf der Fahrt wiederholte ich: „Wach. Sie hat wach gesagt.“

Udo nickte jedes Mal, als müsste er mir das Wort bis zum Krankenhaus festhalten.


Jannis saß auf einer Untersuchungsliege.

Seine Füße waren verbunden. Neben ihm stand ein Becher, den er nicht anrührte.

Er wiegte den Oberkörper leicht vor und zurück und hatte beide Hände an den Ohren.

„Können Sie das Licht ein bisschen dunkler machen?“, fragte ich.

Eine Schwester schaltete die Deckenlampe aus.

Ich blieb zunächst an der Tür stehen.

„Na, mein Junge.“

Seine Bewegung stockte kurz. Dann ließ er eine Hand sinken.

Ich ging langsam näher und setzte mich auf den Stuhl neben der Liege.

Er griff nach dem Ärmel meiner Jacke.

Nicht fest. Nur zwei Finger am Stoff.

Ich beugte mich über diese kleine Hand und bekam keine Luft mehr.

Die Schwester schob mir wortlos eine Schachtel Taschentücher hin.


Gefunden hatte ihn der Hausmeister einer kleinen ehemaligen Gemeindekirche, knapp sechs Kilometer von unserem Haus entfernt.

Das Gebäude wurde nur noch gelegentlich genutzt. Seit Arbeiten im Hauptraum ruhten, kam der Hausmeister vor allem freitags, um nach dem Rechten zu sehen.

An diesem Abend hatte er im Vorraum ein leises Summen gehört.

Jannis saß hinter der letzten Bankreihe, halb verborgen neben einem Schrank.

Von außen hatte niemand ihn sehen können.

Eine Seitentür war wegen eines defekten Schlosses nicht richtig ins Schloss gefallen. Im angrenzenden Aufenthaltsraum standen Wasserflaschen, Saft und ein Korb mit abgepackten Lebensmitteln von einem abgesagten Treffen.

Einige Verpackungen lagen geöffnet im Papierkorb. Auf einem alten Sitzpolster fanden sie seinen Abdruck und ein zusammengerolltes Altartuch, das er offenbar als Decke benutzt hatte.

Er war erschöpft und hatte zu wenig getrunken. Seine Fußsohlen waren wund.

Aber er lebte.

Ich musste mir den Satz immer wieder sagen, während die Frau vom Krankenhaus erklärte, was sie wussten.

Er lebte.


„Warum ausgerechnet dort?“, fragte Nele später.

Sie war ebenfalls ins Krankenhaus gekommen und zeigte mir Fotos vom Fundort. Ich erkannte die schmale Kirche sofort.

Maren und ich hatten dort geheiratet.

Später hatte sie bei kleinen Veranstaltungen geholfen. Kuchen gebacken, Tische gedeckt, manchmal den Gemeinderaum aufgeschlossen.

Jannis war als kleines Kind oft dabei gewesen.

Auf einem Foto sah ich die letzte Bank links. Am Seitenteil war eine kleine Messingplatte befestigt.

„Gestiftet von Egon und Maren Martens.“

Die Platte hatten wir nach unserer Hochzeit anbringen lassen. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen.

„Er saß genau dort“, sagte Nele.

Ich betrachtete das Bild lange.

Dann fiel mir etwas ein.

„Maren saß immer auf dieser Bank, wenn es ihm vorne zu laut wurde.“

Sie hatte Jannis auf dem Schoß gehalten oder neben sich sitzen lassen. Mit zwei Fingern strich sie ihm dabei über den Hinterkopf.

Ich hatte währenddessen oft draußen geraucht.


Am nächsten Morgen kam die Ärztin zu uns.

Ich fragte sie, wie ein Junge, der Hilfe beim Anziehen brauchte, einen solchen Weg allein finden konnte.

„Fähigkeiten verteilen sich nicht gleichmäßig“, sagte sie. „Dass Jannis bei manchen Dingen viel Unterstützung braucht, sagt uns nicht, wie gut er sich Wege oder Orte merkt.“

„Aber wir waren seit Jahren nicht mehr dort.“

„Vielleicht erinnert er sich sehr genau. Vielleicht gab es einen Auslöser. Wir werden vermutlich nicht alles rekonstruieren können.“

Sie sah zu Jannis, der inzwischen aus seinem blauen Becher trank.

„Wir sollten vorsichtig bleiben mit dem, was wir ihm als Absicht zuschreiben. Aber wir sollten genauso vorsichtig damit sein, ihm keine zuzutrauen.“

Später erzählte seine Therapeutin mir, was am Dienstag vor seinem Verschwinden passiert war.

Ein Lieferwagen hatte in der Straße gehalten. Aus dem offenen Fenster war ein altes Lied zu hören gewesen.

Jannis war sofort zum Fenster gegangen.

Die Therapeutin hatte es in ihren Notizen festgehalten, weil seine Reaktion so deutlich gewesen war.

Als sie mir die Melodie vorsummte, wusste ich, woher er sie kannte.

Maren hatte sie ihm früher vorgesungen.


Ich rief sie am Sonntag an.

Ihre Nummer stand noch immer unter „Maren“ in meinem Telefon. Ich hatte es nicht fertiggebracht, sie zu löschen, und ebenso wenig, sie zu wählen.

„Er ist wieder da“, sagte ich.

Sie begann zu weinen.

Über Bekannte hatte sie von der Suche erfahren und bei der Polizei angerufen. Mir gegenüber hatte sie sich nicht getraut.

Das machte mich wütend. Für einen Augenblick so wütend, dass ich das Gespräch beenden wollte.

Stattdessen sagte ich: „Er war in der alten Kirche.“

Am anderen Ende wurde es still.

Ich erzählte ihr von der Bank und dem Lied.

„Egon“, flüsterte sie, „ich hab immer gedacht, er merkt gar nicht, ob ich da bin.“

Ich sah durch die offene Zimmertür. Jannis saß auf dem Teppich und drehte einen weißen Flaschendeckel zwischen den Fingern.

„Vielleicht haben wir beide zu oft gedacht, dass wir schon wissen, was er merkt.“

Maren atmete hörbar ein.

„Darf ich ihn sehen?“

Ich schloss die Augen.

„Wir müssen es langsam machen.“


Sie kam nicht am nächsten Tag.

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