Zuerst besprachen wir den Besuch mit der Therapeutin. Maren schickte ein aktuelles Foto, das wir Jannis zeigten. Wir legten es neben die Bildkarte für Samstag.
Ich wollte keine Szene an der Haustür. Keine Erwartungen, die mein Sohn erfüllen sollte, damit wir Erwachsenen uns besser fühlten.
Als Maren schließlich klingelte, stand sie mit leeren Händen draußen.
Früher hätte sie etwas mitgebracht. Ein Spielzeug, ein Buch, irgendeinen Beweis guter Absicht.
Diesmal sagte sie nur: „Hallo, Egon.“
Sie war schmaler geworden. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten.
Ich trat zur Seite.
Jannis saß im Wohnzimmer. Sein Windrad lag neben ihm auf dem Teppich.
Maren setzte sich mit Abstand auf einen Stuhl.
„Hallo, Jannis. Ich bin da.“
Er sah nicht zu ihr.
Ich spürte, wie sich etwas in meinem Bauch zusammenzog. Maren faltete die Hände so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.
Dann begann sie leise das Lied zu summen.
Nur die ersten Takte.
Jannis hielt den Flaschendeckel still.
Es dauerte fast zehn Minuten.
Niemand redete. Ich hörte den Kühlschrank aus der Küche und draußen ein Fahrrad über die Pflastersteine fahren.
Dann stand Jannis auf.
Er ging zu Maren, blieb seitlich vor ihr stehen und fasste nach ihrer Hand.
Sie sah mich an.
Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie sollte nichts tun, nur warten.
Jannis hob ihre Hand an seinen Hinterkopf.
Maren presste die Lippen zusammen. Ihre Finger lagen erst ganz steif in seinem Haar.
Dann strich sie zweimal darüber.
Er summte.
Ich kannte dieses Summen.
Maren weinte lautlos, während unser Sohn ihre Hand festhielt. Ich stand an der Wohnzimmertür und musste mich am Rahmen abstützen.
Nicht weil plötzlich alles gut war.
Sondern weil so viel Zeit vergangen war, in der wir beide etwas anderes geglaubt hatten.
Nach dem Besuch blieb Maren noch in der Küche.
„Ich kann nicht versprechen, sofort alles zu können“, sagte sie.
„Das verlangt keiner.“
„Früher hast du das schon verlangt.“
Ich wollte widersprechen. Dann sah ich die Kerbe im Küchentisch, die Jannis vor Jahren mit einem Löffel hineingeklopft hatte.
„Ja“, sagte ich. „Vielleicht.“
Sie erzählte von ihrer Behandlung, von der Scham und davon, wie jeder abgesagte Besuch den nächsten schwieriger gemacht hatte.
Das erklärte ihr Fortgehen. Es machte die zwei Jahre nicht ungeschehen.
Ich sagte ihr auch das.
Sie nickte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit versuchten wir nicht, das Gespräch zu gewinnen.
Maren kam zunächst alle zwei Wochen.
Dann jeden Samstag, immer zur gleichen Zeit. Auf Jannis’ Tagesplan bekam ihr Foto einen festen Platz.
Es gab Besuche, bei denen er kaum in ihre Nähe ging. An anderen führte er sie sofort zum Fenster oder legte ihr sein Windrad auf den Schoß.
Einmal musste sie wegen einer Erkrankung absagen.
Früher hätte ich nur gesagt: „Dann eben nicht.“
Diesmal schickte sie eine kurze Aufnahme mit dem Lied. Ich spielte sie Jannis vor und zeigte ihm auf dem Plan, wann sie wiederkommen würde.
Er war trotzdem unruhig.
Wir hielten das zusammen aus.
Auch bei uns zu Hause änderte sich etwas.
Udo und ich bauten den Bereich am Kompostkasten um. Das Tor bekam eine zusätzliche Sicherung, und ich ließ mich beraten, wie Jannis sich im Garten frei bewegen konnte, ohne unbemerkt auf die Straße zu gelangen.
Frau Reuter kam wieder.
Ich hatte Kaffee gekocht.
Sie setzte sich und wartete, bis ich mit dem Löffel aufgehört hatte, in meiner längst umgerührten Tasse zu klappern.
„Sie hatten mal was von Entlastung gesagt.“
„Ja.“
„Gilt das noch?“
Sie lächelte nicht triumphierend. Dafür war ich ihr dankbar.
Wir organisierten Unterstützung für zwei Nachmittage. Später kam gelegentlich ein Wochenende dazu, sorgfältig vorbereitet und mit Menschen, die Jannis kennenlernen konnte.
Beim ersten freien Nachmittag saß ich zwei Stunden angezogen auf dem Sofa.
Dann ging ich zu Udo in die Werkstatt.
Er schob mir eine Kiste mit alten Schrauben hin.
„Die kannst du sortieren.“
Ich sah ihn an.
„Du hast doch gar keine Arbeit für mich.“
„Hab ich das behauptet?“
Wir saßen nebeneinander, sortierten Schrauben und redeten wenig. Als ich nach Hause ging, war ich zum ersten Mal seit langer Zeit müde, ohne völlig erschöpft zu sein.
Bender kam einige Wochen später vorbei.
Ohne Klemmbrett.
Er entschuldigte sich noch einmal, diesmal ausführlicher. Er sagte, meine Überforderung und mein schroffer Ton hätten in seinem Kopf zu schnell zusammengepasst.
„Und meine Hände“, sagte ich.
Er blickte kurz darauf.
„Wahrscheinlich auch die.“
Ich ließ ihn nicht mit einem freundlichen „Kann ja passieren“ davonkommen. Dafür hatte es zu wehgetan.
Aber ich gab ihm die Hand.
Nele hatte mir am Abend zuvor eine Kopie des Fotos gebracht, auf dem Jannis auf dem Gehweg zu sehen war. Ich legte es in eine Schublade.
Ich wollte es nicht an der Wand haben.
Acht Monate sind seitdem vergangen.
Maren wohnt inzwischen wieder in unserer Stadt, in einer kleinen Wohnung zehn Gehminuten entfernt. Wir sind kein Paar mehr.
Aber wir sitzen zusammen bei Terminen, teilen uns Wochenenden auf und schreiben auf, was Jannis gerade hilft. Manchmal streiten wir.
Dann versuchen wir, nicht wieder aus Müdigkeit eine Mauer zu bauen.
Jannis spricht noch immer nicht. Er braucht noch immer viel Unterstützung, und es gibt Tage, die uns mehr abverlangen, als wir morgens zu haben glauben.
Auf seinem Gerät kann er inzwischen einige Dinge auswählen. Trinken. Pause. Garten.
Und Maren.
Die Taste mit ihrem Foto hat er selbst schon mehrmals gedrückt.
Ich weiß nicht, ob er damals die ganze Strecke ging, um seine Mutter zu suchen. Vielleicht suchte er den Ort, an dem ihre Stimme und ihre Hand für ihn zusammengehörten.
Wir werden ihn fragen, auf die Arten, die ihm möglich sind.
Und wir werden aushalten müssen, dass manche Antworten Zeit brauchen.
Neulich saß ich am Küchentisch und reparierte die Achse seines Windrads.
Jannis stand neben mir. Er wartete ungeduldig, tippte auf das rote Flügelblatt und zog meine Hand immer wieder näher an das kleine Rad.
„Gleich, mein Junge. Die Schraube muss erst rein.“
Als ich fertig war, hielt ich es ihm hin.
Er nahm es nicht.
Stattdessen legte er seine Finger um mein Handgelenk und hob meine Hand an seinen Hinterkopf.
Ich blieb einen Moment reglos sitzen.
Dann strich ich ihm über das Haar.
Draußen hupte Maren kurz vor dem Haus. Jannis nahm das Windrad vom Tisch und ging zur Tür.
Ich blieb noch sitzen, die kleine Schraubendreherklinge zwischen den Fingern.
Vierundvierzig Jahre hatte ich an Maschinen gearbeitet. Wenn etwas klemmte, hatte ich fester zugepackt, genauer gemessen oder ein Teil ausgetauscht.
Bei meinem Sohn musste ich etwas anderes lernen.
Als Maren hereinkam, sah sie mein Gesicht und fragte: „Was ist passiert?“
Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Augen.
„Nichts Schlimmes.“
Jannis stand schon vor uns. In der einen Hand hielt er das Windrad, mit der anderen zeigte er auf die Gartentür.
Ich legte den Schraubendreher weg.
Dann gingen wir mit.






