Am nächsten Tag kam eine Psychologin.
Karl mochte das Wort nicht. Er hatte schon bei seiner eigenen Behandlung gesagt, dass Reden seine Pumpe auch nicht repariere.
Diesmal blieb er.
Die Frau erklärte ihm später, dass Leni große Angst um ihn habe. Dass Kinder manchmal Verantwortung übernähmen, die viel zu schwer für sie sei. Und dass sie hören müsse, wer sich künftig um ihren Vater kümmern würde.
„Ich bin neunundfünfzig“, murmelte Karl.
„Das hat Ihre Tochter offenbar nicht beruhigt.“
Er nickte langsam.
Am Abend saßen wir wieder bei Leni.
Karl erzählte ihr, dass die Ärzte weiter nach einer Behandlungsmöglichkeit für ihn suchten. Dass ich ihn begleiten würde. Dass er Hilfe annehmen müsse, auch wenn ihm das schwerfalle.
Leni sah zu mir.
„Auch wenn er wieder so tut, als braucht er keinen?“
„Dann besonders.“
Sie überlegte eine Weile.
„Miriam auch?“
Karl senkte den Blick.
Miriam war seine große Tochter aus erster Ehe. Zweiunddreißig, ein eigener Sohn, ein anstrengender Beruf. Sie rief an, schickte Nachrichten und fragte nach Leni. Doch zwischen ihr und ihrem Vater lagen Jahre voller kleiner Verletzungen.
Er hatte geglaubt, sie komme schon, wenn sie etwas brauche.
Sie hatte geglaubt, er wolle sie nicht dabeihaben.
Beide hatten genug Beispiele gesammelt, um sich sicher zu fühlen.
„Die hat viel um die Ohren“, sagte Karl.
Leni sah ihn lange an.
„Hast du sie gefragt?“
Ich fand ihn später auf seiner Station, das Telefon in beiden Händen.
„Was sagt man da?“, fragte er.
„Vielleicht erst mal Hallo.“
Er warf mir einen müden Blick zu. Dann wählte er.
Ich wollte hinausgehen, aber er hielt mich am Ärmel fest.
Miriam ging nach dem vierten Klingeln dran. Karl fragte, ob sie gerade Zeit habe, und hörte eine Weile zu.
Dann sagte er: „Ich hab immer gedacht, ich soll dich mit dem ganzen Mist nicht belasten.“
Wieder eine Pause.
„Ja. Kann sein, dass das für dich anders aussah.“
Er rieb sich über die Stirn.
„Ich möchte, dass du kommst.“
Miriam kam am Samstag.
Sie brachte ihren sechsjährigen Sohn mit, zwei Taschen und einen Kuchen, den niemand richtig essen wollte. Als sie im Türrahmen stand, richtete Karl sich auf, als müsse er vor einer fremden Besucherin Haltung annehmen.
Miriam stellte die Taschen ab.
„Du siehst beschissen aus, Papa.“
„Du bist auch nicht zum Schmeicheln hier.“
Dann ging sie zu ihm und legte vorsichtig die Arme um seine Schultern.
Später saß sie bei Leni, und die beiden schimpften gemeinsam darüber, dass Karl immer die Bananen braun werden ließ.
Für eine halbe Stunde klang das Zimmer wie ein Familienbesuch.
In den folgenden Tagen wurde Leni schwächer.
Sie schlief oft mitten im Gespräch ein. Manchmal wollte sie, dass wir blieben, manchmal sollten alle hinaus. Einmal wurde sie wütend, weil Karl ihr ständig den Becher hinhielt.
„Ich sage Bescheid, wenn ich Durst habe.“
Er stellte ihn sofort ab.
Zehn Minuten später bat sie ihn darum.
Er gab ihn ihr, ohne etwas zu sagen.
Das Behandlungsteam sorgte dafür, dass sie möglichst wenig Schmerzen und Angst hatte. Karl durfte sie länger besuchen, wenn es sein Zustand zuließ. Miriam und ich wechselten uns bei den Wegen zwischen den Stationen ab.
Leni verlangte irgendwann nach einem Schulheft.
„Das mit den Karos“, sagte sie. „Nicht das blöde mit den Blumen.“
Miriam besorgte es.
Was darin stand, zeigte Leni uns nicht. Nur Frau Reuter durfte ihr ab und zu helfen, wenn die Hand zu müde zum Schreiben wurde.
Das Video wollte sie inzwischen löschen.
„Da sehe ich aus, als halte ich einen Vortrag.“
„Ein bisschen“, gab ich zu.
Stattdessen nahm sie eine kurze Nachricht für Karl auf.
„Papa, vergiss nicht, die Tomaten umzutopfen. Und lass Dieter nicht wieder die kleinen Töpfe kaufen. Die sind zu klein.“
Dann grinste sie kurz.
Ich musste hinausgehen.
Leni starb an einem Donnerstagmorgen.
Karl saß an ihrer linken Seite, Miriam an ihrer rechten. Ich stand am Fußende und hielt ihre warme Socke fest, weil ich irgendwohin mit meiner Hand musste.
Sie hatte in der Nacht nur noch wenig gesprochen.
Kurz vor fünf öffnete sie noch einmal die Augen und suchte ihren Vater.
„Bist du da?“
„Ja, Mäuschen.“
Er strich mit einem Finger über ihren Handrücken.
„Ich bleib.“
Das waren seine letzten Worte an sie.
Später saß er neben dem Bett und betrachtete ihre Hände. Er wollte nicht, dass jemand den Stuhl bewegte. Auch als seine Schwester von der anderen Station kam, blieb er noch eine Weile.
Niemand drängte ihn.
Er küsste Leni auf die Stirn, zog ihre Decke glatt und ließ sich schließlich zurückbringen.
Im Aufzug fragte er mich: „Wer gießt jetzt ihre Tomaten?“
Ich sagte, ich würde es machen.
Er nickte.
Mehr sprachen wir an diesem Tag nicht.
Zur Beerdigung durfte Karl mit medizinischer Begleitung kommen.
Er saß im Rollstuhl zwischen Miriam und mir. Hinter uns standen ehemalige Kollegen in dunklen Jacken, die sie sonst nur zu Familienfeiern trugen.
Einer hatte noch einen Zollstock in der Brusttasche.
Karls Enkel legte ein selbst gemaltes Bild auf den kleinen Sarg. Darauf waren Tomaten, ein Haus und drei Menschen zu sehen.
Karl betrachtete es lange.
Auf der Rückfahrt fragte er, ob Miriam ihren Sohn am nächsten Wochenende wieder mitbringen könne.
„Wenn du möchtest.“
„Hab ich doch gerade gesagt.“
Sie sah ihn an.
Dann lächelte sie zum ersten Mal seit Tagen.
Knapp drei Wochen später kam die Nachricht, dass möglicherweise ein passendes Spenderherz für Karl zur Verfügung stand.
Ich war gerade auf seiner Station. Eine Ärztin setzte sich zu ihm und erklärte, was nun untersucht und vorbereitet werden müsse.
Karl hörte zu.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Ich kann das nicht.“
Die Ärztin fragte, wovor er am meisten Angst habe.
Er antwortete nicht sofort.
„Dass es klappt.“
Sie blieb sitzen.
Karl starrte auf seine Hände.
„Dann komm ich irgendwann nach Hause. Und sie ist immer noch nicht da.“
Ich hatte den Mund schon offen. Wollte ihm sagen, er dürfe diese Chance nicht wegwerfen.
Die Ärztin kam mir zuvor.
„Das können wir mit einer Operation nicht ändern“, sagte sie.
Er fing an zu weinen, und sie ließ ihn.
Später erklärte sie ihm die nächsten Schritte noch einmal. Sie fragte, ob er Miriam bei dem Gespräch dabeihaben wolle.
Er nickte.
Als sie kam, brachte sie Lenis kariertes Heft mit.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen






