Katharina starrte auf ihre Hände.
„Aber was hätte ich tun sollen? Sie allein lassen?“
Thomas sagte nichts.
Menschen über fünfzig kannten diese Frage nur zu gut.
Kinder, die selbst längst erwachsen waren, standen plötzlich wieder zwischen Beruf, Familie und den Eltern, deren Hände früher alles gekonnt hatten und nun beim Öffnen einer Wasserflasche zitterten.
Es gab dafür keine gute Lösung.
Nur Entscheidungen, mit denen man später leben musste.
Katharinas Mutter starb im Frühjahr.
Danach kam alles gleichzeitig.
Offene Rechnungen.
Weniger Aufträge.
Mietrückstände.
Ein Vermieter, der irgendwann nicht mehr warten konnte.
Katharina zog zunächst zu einer Bekannten.
Drei Wochen später musste sie weiter.
Dann ein Gästezimmer.
Dann ein Hostel.
Dann Notunterkünfte.
Dann die Straße.
„Es geht schneller, als die Leute glauben“, sagte sie.
„Man denkt immer, zwischen einer normalen Wohnung und einer Parkbank liegen Jahre.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Manchmal liegen nur ein paar schlechte Monate dazwischen.“
Thomas sah auf das Notizbuch.
„Und das haben Sie die ganze Zeit behalten?“
Katharina nickte.
„Papiere habe ich verloren. Kleidung. Mein Laptop. Fotos.“
Sie strich über den Einband.
„Aber das nicht.“
„Warum?“
„Weil dort noch die Frau drinsteht, die ich einmal war.“
Lena antwortete sofort.
„Die bist du doch noch.“
Katharina presste die Lippen zusammen.
Thomas sah, wie hart sie gegen die Tränen kämpfte.
Später würde er sich oft fragen, ob er seine Entscheidung in diesem Moment getroffen hatte.
Vielleicht hatte er sie auch schon getroffen, als Katharina das weggeworfene Brot in der Hand hielt.
Oder vor vielen Jahren, als Sabine gesagt hatte, dass Glück eine Verantwortung sei.
„Wo schlafen Sie heute?“, fragte er.
Katharina zuckte mit den Schultern.
„Ich finde etwas.“
„Was heißt etwas?“
„Vielleicht ist in der Notunterkunft noch Platz.“
„Und wenn nicht?“
Sie antwortete nicht.
Thomas sah Lena an.
Dann wieder Katharina.
„Ich hätte einen Vorschlag.“
Katharinas Körper spannte sich sofort an.
„Ich nehme kein Geld.“
„Davon habe ich nicht gesprochen.“
„Dann was?“
Thomas atmete tief durch.
Seine Wohnung war groß.
Viel zu groß, seit Sabine gestorben war.
Am Ende des Flurs gab es ein Gästezimmer mit eigenem kleinen Bad.
Seine Schwester hatte dort drei Monate gelebt, nachdem Sabine gestorben war.
Danach war es kaum benutzt worden.
„Sie können heute bei uns schlafen.“
Katharina starrte ihn an.
„Was?“
„Nur für heute, wenn Ihnen das lieber ist. Oder ein paar Tage.“
„Sie kennen mich nicht.“
„Das stimmt.“
„Ich könnte Sie bestehlen.“
„Das könnten Sie.“
„Ich könnte verrückt sein.“
Thomas musste beinahe lächeln.
„Sie wirken eher müde.“
Katharina schüttelte heftig den Kopf.
„Nein. Das geht nicht.“
„Warum?“
„Weil normale Menschen so etwas nicht machen.“
Thomas sah zu Lena.
„Vielleicht sollten normale Menschen manche Dinge häufiger machen.“
Katharina schwieg.
„Keine Verpflichtung“, sagte er. „Keine Gegenleistung. Sie bekommen einen Schlüssel für das Gästezimmer. Morgen sehen wir weiter.“
„Warum?“
Das eine Wort kam so leise, dass Thomas es fast überhörte.
„Warum helfen Sie mir?“
Thomas dachte lange nach.
Dann sagte er die Wahrheit.
„Weil ich weiß, wie es ist, wenn das eigene Leben innerhalb weniger Stunden auseinanderfällt.“
Katharina hob den Blick.
„Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben.“
Er erzählte nicht viele Details.
Nur genug.
Wie Freunde Essen vor die Tür gestellt hatten.
Wie seine Schwester einzog, obwohl sie selbst Arbeit und Familie hatte.
Wie ein Nachbar Lena morgens zur Kita brachte, weil Thomas an manchen Tagen nicht einmal wusste, wo seine Autoschlüssel lagen.
„Ich dachte damals immer, ich müsste das alleine schaffen.“
Er schüttelte den Kopf.
„Das war Unsinn.“
Katharina weinte wieder.
„Ich kann Ihnen nichts zurückgeben.“
„Darum geht es nicht.“
„Aber ich möchte niemandem etwas schulden.“
„Dann schulden Sie mir nichts.“
Thomas lehnte sich zurück.
„Wenn es Ihnen irgendwann wieder gut geht und Sie begegnen einem Menschen, der Hilfe braucht, schauen Sie nicht weg.“
Katharina sah ihn lange an.
Dann zu Lena.
Das Mädchen war inzwischen müde geworden und malte mit dem Finger Kreise auf die Tischplatte.
„Darf Katharina morgen mit uns frühstücken?“, fragte sie.
Thomas lächelte.
„Wenn sie möchte.“
Katharina sah wieder auf ihr Notizbuch.
„Ja“, flüsterte sie.
„Ich möchte.“
Als sie später Thomas’ Wohnung betrat, blieb sie direkt hinter der Tür stehen.
Nicht weil sie besonders luxuriös war.
Sondern weil sie warm war.
Das Licht im Flur war weich.
Aus dem Wohnzimmer roch es noch nach Tannenzweigen und Kerzenwachs.
An einer Garderobe hingen Lenas Schal, eine Wollmütze und Thomas’ alter Wintermantel.
Ganz gewöhnliche Dinge.
Für Katharina wirkten sie plötzlich kostbarer als Schmuck.
„Das Gästezimmer ist dort hinten.“
Sie ging nicht weiter.
„Ich bin schmutzig.“
Thomas verstand erst nicht.
„Was?“
„Die Wohnung. Das Sofa. Der Teppich.“
Katharina sah an sich hinunter.
„Ich mache Ihnen alles dreckig.“
Da hörte Thomas Sabines Stimme beinahe wieder.
Nicht wörtlich.
Aber diese Art, eine Sache sofort auf ihren richtigen Platz zu rücken.
„Ein Teppich kann gereinigt werden.“
Er zeigte auf den Flur.
„Ein Mensch sollte nicht draußen frieren, damit ein Teppich sauber bleibt.“
Katharina bedeckte für einen Moment ihr Gesicht.
Im Bad lagen frische Handtücher.
Thomas stellte einen Karton mit Kleidung vor ihre Tür.
Einige Sachen gehörten Sabine.
Pullover.
Eine bequeme Hose.
Ein Schlafshirt.
Er hatte sie jahrelang nicht weggeben können.
Als Katharina später in einem dunkelblauen Pullover seiner Frau aus dem Gästezimmer kam, blieb Thomas kurz die Luft weg.
Nicht weil sie Sabine ähnlich sah.
Das tat sie überhaupt nicht.
Aber der Pullover gehörte plötzlich wieder zum Leben.
Nicht mehr zu einem Schrank voller Erinnerungen.
„Ist das okay?“, fragte Katharina.
Thomas nickte.
„Ja.“
Seine Stimme versagte beinahe.
„Sehr sogar.“
Lena saß bereits im Schlafanzug auf dem Sofa.
„Liest du mir etwas vor?“
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