Sie suchte an Heiligabend im Müll nach Essen – dann stellte ein kleines Mädchen nur eine Frage

Katharina blieb stehen.

„Ich?“

„Papa liest immer.“

Lena gähnte.

„Aber du bist Schriftstellerin.“

Thomas hob ergeben die Hände.

„Damit kann ich offenbar nicht konkurrieren.“

Katharina nahm ein altes Weihnachtsbuch vom Tisch.

Sie setzte sich in den Sessel.

Dann begann sie zu lesen.

Ihre Stimme veränderte sich.

Sie wurde ruhiger.

Sicherer.

Plötzlich war von der verängstigten Frau aus dem Hinterhof kaum noch etwas zu hören.

Thomas beobachtete sie.

Man konnte Menschen vieles nehmen.

Manchmal fast alles.

Aber manchmal blieb irgendwo ein kleiner Teil übrig, der nur darauf wartete, wieder gebraucht zu werden.

Lena schlief nach wenigen Seiten ein.

Thomas trug sie ins Bett.

Als er zurückkam, saß Katharina noch immer mit dem Buch auf dem Schoß.

„Danke“, sagte sie.

„Für das Zimmer?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Dafür, dass Sie mich heute nicht so angesehen haben wie die meisten.“

„Wie sehen die meisten Sie an?“

Katharina dachte kurz nach.

„Entweder gar nicht.“

Dann sah sie ihn an.

„Oder zu lange.“

Am nächsten Morgen stand Katharina bereits um sechs Uhr auf.

Als Thomas in die Küche kam, hatte sie Kaffee gekocht und den Tisch gedeckt.

„Sie müssen hier nicht arbeiten“, sagte er.

„Ich weiß.“

Sie stellte drei Teller hin.

„Ich wollte etwas tun.“

Lena kam wenig später herein und blieb mitten in der Küche stehen.

„Katharina ist noch da!“

Als wäre das die beste Weihnachtsüberraschung überhaupt.

Die folgenden Tage wurden zu Wochen.

Thomas half Katharina dabei, neue Dokumente zu beantragen.

Sie bekam ein Mobiltelefon.

Eine ehemalige Kollegin vermittelte ihr kleinere Lektoratsaufträge.

Thomas kannte jemanden bei einer regionalen Kulturzeitschrift und fragte vorsichtig, ob man sich einige Texte ansehen würde.

Nicht mehr.

Keine Forderung.

Keine Gefälligkeit.

Nur lesen.

Eine Woche später rief die Redaktion an.

Sie wollten einen Text veröffentlichen.

Dann einen zweiten.

Katharina hielt das Telefon danach minutenlang in der Hand.

„Was ist?“, fragte Thomas.

Sie lachte und weinte gleichzeitig.

„Sie bezahlen mich fürs Schreiben.“

Thomas grinste.

„Das soll bei Arbeit vorkommen.“

Drei Monate später arbeitete sie wieder regelmäßig.

Sie fand eine kleine Wohnung zwei Straßen weiter.

Am Abend vor ihrem Auszug stand sie lange im Gästezimmer.

Das Bett war gemacht.

Auf dem Tisch lag ihr Notizbuch.

„Ich dachte, ich würde mich freuen“, sagte sie.

Thomas lehnte am Türrahmen.

„Tun Sie das nicht?“

„Doch.“

Sie sah ihn an.

„Aber ich habe Angst, dass mit dem Auszug auch das hier vorbei ist.“

In diesem Moment rannte Lena herein.

„Was soll vorbei sein?“

Katharina lachte.

„Nichts.“

„Gut.“

Lena kletterte aufs Bett.

„Weil du dienstags und donnerstags zum Essen kommst.“

Thomas hob eine Augenbraue.

„Ist das beschlossen?“

„Ja.“

„Von wem?“

„Von mir.“

Es wurden schließlich nicht nur Dienstag und Donnerstag.

Katharina kam zum Abendessen.

Sie holte Lena manchmal von der Schule ab.

Sie half ihr bei Aufsätzen.

Thomas reparierte in Katharinas neuer Wohnung eine klemmende Schranktür, obwohl er handwerklich ungefähr so begabt war wie ein Gartenzwerg.

Sie lachten viel.

Zum ersten Mal seit Sabines Tod fühlte sich die Wohnung nicht mehr wie ein Denkmal an.

Sie war wieder ein Zuhause.

Und genau das machte Thomas Angst.

Er bemerkte es an Kleinigkeiten.

Wie er morgens auf eine Nachricht von Katharina wartete.

Wie er automatisch ihren Lieblingstee kaufte.

Wie er jedes Mal aufmerksamer wurde, wenn sie von einem Mann aus der Redaktion erzählte.

Thomas schämte sich dafür.

Katharina war nicht in sein Leben gekommen, um seine Einsamkeit zu heilen.

Er hatte ihr geholfen.

Daraus durfte keine Verpflichtung entstehen.

Also schwieg er.

Katharina schwieg ebenfalls.

Bis zu einem Abend im Juni.

Lena schlief bereits.

Thomas und Katharina saßen auf dem Balkon.

Unten rauschte der Verkehr.

Irgendwo klapperte Geschirr aus einem offenen Küchenfenster.

Katharina hielt ihre Tasse mit beiden Händen.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Aus dem Sie war längst ein Du geworden.

Thomas stellte seine Tasse ab.

„Das klingt gefährlich.“

„Ist es vielleicht.“

Sie sah nicht zu ihm.

„Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.“

Thomas sagte nichts.

Katharina sprach hastig weiter.

„Ich weiß, wie falsch das wirken kann. Du hast mir geholfen. Ich war abhängig von dir. Ich möchte nicht, dass du denkst, ich verwechsle Dankbarkeit mit—“

„Katharina.“

Sie verstummte.

„Ich habe seit Monaten Angst, dir genau dasselbe zu sagen.“

Jetzt sah sie ihn an.

Thomas atmete tief durch.

„Nicht weil ich nichts fühle.“

Er lächelte traurig.

„Sondern weil ich nie wollte, dass du glaubst, du müsstest mir irgendetwas geben, nur weil ich dir damals geholfen habe.“

Katharinas Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich schulde dir mein Leben.“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Er nahm ihre Hand.

„Du schuldest mir gar nichts.“

Dann lächelte er.

„Aber wenn du freiwillig noch sehr lange mit mir Kaffee trinken möchtest, hätte ich nichts dagegen.“

Katharina begann zu lachen.

„Nur Kaffee?“

„Man muss im Alter realistische Ziele haben.“

„Du bist neunundvierzig.“

„Meine Knie sind sechzig.“

Sie küsste ihn zuerst.

Langsam.

Vorsichtig.

Nicht wie zwei Menschen, die gerettet werden mussten.

Sondern wie zwei Erwachsene, die genug verloren hatten, um zu wissen, wie kostbar ein neuer Anfang sein konnte.

Ein Jahr nach jener Heiligen Nacht gingen Thomas, Katharina und Lena noch einmal durch dieselbe Straße.

Der Hinterhof war unverändert.

Die Müllcontainer standen noch dort.

Katharina blieb davor stehen.

Lena nahm ihre Hand.

„Hier warst du?“

Katharina nickte.

„Hier.“

„Und du hattest Hunger.“

„Sehr.“

Lena dachte nach.

„Gut, dass wir vorbeigekommen sind.“

Katharina kniete sich zu ihr.

„Das Beste, was mir passiert ist.“

Inzwischen war Katharinas erstes Buch angenommen worden.

Kein Bestseller.

Kein Märchenvertrag mit Millionen.

Ein kleines Buch mit persönlichen Geschichten über Verlust, Würde und Neuanfänge.

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