Lena lächelte, obwohl sie kaum noch geradeaus sehen konnte.
Als sie endlich am Café ankam, war sie fünfzehn Minuten zu spät.
Wenige Stunden später stand sie arbeitslos vor ihrem Mietshaus.
Sie holte Mia früher aus der Betreuung ab und sagte, der Chef habe ihr freigegeben.
Sie brachte es nicht fertig, ihrer Tochter die Wahrheit zu erzählen.
In der Wohnung stellte sie Nudeln vom Vortag auf den Herd. Mia saß am Küchentisch und malte mit abgebrochenen Buntstiften ein Haus mit einem riesigen Garten.
„Da wohnen wir später“, sagte sie.
„Ach ja?“
„Du, ich und ein Hund.“
„Und wo schläft der Hund?“
Mia dachte nach.
„Bei dir. Ich brauche mein Bett für meine Kuscheltiere.“
Lena lachte, doch ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Sie wandte sich schnell zum Herd.
Kurz vor zwölf klopfte es.
Lena erwartete die Hausverwaltung oder den Paketboten. Stattdessen stand ein großer Mann vor der Tür, vielleicht Anfang vierzig, mit dunklem Haar und einem schlichten Mantel.
Er wirkte gepflegt, aber nicht überheblich. In seinem Gesicht lag dieselbe stille Müdigkeit, die Lena am Abend zuvor bei Wilhelm gesehen hatte.
„Frau Hartmann?“
„Ja.“
„Mein Name ist Jonas Falkenau. Wilhelm Falkenau ist mein Vater.“
Lena brauchte einen Moment.
„Der Mann von gestern Nacht.“
„Genau der.“
Jonas lächelte kurz.
„Darf ich mit Ihnen sprechen?“
Lena verschränkte die Arme.
„Ist etwas passiert?“
„Nein. Im Gegenteil. Sie haben vermutlich verhindert, dass etwas passiert.“
Er blieb auf dem Hausflur stehen und machte keine Anstalten, ungefragt einzutreten.
„Mein Vater war gestern zu einer Untersuchung gewesen. Er wollte nicht, dass ich ihn abhole. Er wollte beweisen, dass er noch alles allein schafft.“
„Das kenne ich.“
„Er ist an der falschen Haltestelle ausgestiegen. Als der Regen stärker wurde, hat er die Orientierung verloren.“
Jonas atmete tief ein.
„Der Arzt hat ihm ausdrücklich gesagt, dass er sich noch schonen soll.“
Lena sah an ihm vorbei auf das Treppenhaus.
„Ich habe ihn nur nach Hause gefahren.“
„Sie haben angehalten.“
„Das würden viele tun.“
Jonas schüttelte den Kopf.
„Nein. Leider nicht.“
Mia erschien hinter Lena und betrachtete den Fremden neugierig.
„Bist du der Sohn vom Regenopa?“
Jonas ging leicht in die Knie.
„So nennt ihr ihn also?“
„Nur ich.“
„Dann bin ich wohl der Sohn vom Regenopa.“
Mia nickte zufrieden und verschwand wieder in der Küche.
Jonas wurde ernst.
„Mein Vater war heute Morgen in Ihrem Café.“
Lena erstarrte.
„Er hat gesehen, was passiert ist.“
„Das war nicht seine Schuld.“
„Das sagt er auch. Trotzdem gibt er sich die Schuld.“
„Dann sagen Sie ihm, er soll damit aufhören.“
Jonas sah sie lange an.
„Mein Vater möchte Sie um etwas bitten.“
Lena wartete.
„Er ist seit einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr derselbe. Körperlich wird es besser, aber er zieht sich zurück. Er vergisst seine Medikamente, isst unregelmäßig und verbringt Tage, ohne mit jemandem zu sprechen.“
„Braucht er eine Pflegekraft?“
„Nein. Und er würde jede Pflegekraft spätestens nach zwei Tagen hinauswerfen.“
„Was wollen Sie dann von mir?“
„Drei Nachmittage pro Woche. Gesellschaft leisten, Tee kochen, mit ihm spazieren gehen, darauf achten, dass er etwas isst. Vielleicht vorlesen. Keine medizinische Betreuung.“
Lena lachte kurz auf.
„Sie kennen mich nicht.“
„Mein Vater behauptet, er kenne genug von Ihnen.“
„Weil ich ihm eine Autofahrt geschenkt habe?“
„Weil Sie ihm geholfen haben, ohne seinen Namen, seinen Beruf oder sein Bankkonto zu kennen.“
Lena schwieg.
Jonas zog einen gefalteten Zettel aus der Manteltasche.
„Er hat darauf bestanden, Ihnen selbst zu schreiben.“
Die Handschrift war altmodisch und sorgfältig.
Frau Hartmann, stand dort. Manche Menschen begegnen uns, wenn wir den Weg verloren haben. Nur wenige bringen uns wirklich nach Hause. Bitte besuchen Sie mich.
Darunter standen eine Telefonnummer und eine Uhrzeit.
„Ich kann das nicht annehmen“, sagte Lena.
„Warum?“
„Weil es nach Mitleid klingt.“
„Es ist kein Mitleid. Es ist ein Arbeitsangebot.“
Jonas nannte einen Stundenlohn, bei dem Lena glaubte, sich verhört zu haben.
„Das ist zu viel.“
„Mein Vater ist anstrengend.“
„Trotzdem.“
„Dann betrachten Sie einen Teil davon als Gefahrenzulage.“
Zum ersten Mal musste Lena ehrlich lachen.
Jonas lächelte ebenfalls.
„Flexible Zeiten. Ihre Tochter kann mitkommen, wenn es nötig ist.“
Mia rief aus der Küche: „Ich kann sehr gut Tee trinken!“
Jonas blickte an Lena vorbei.
„Sehen Sie? Die erste Qualifikation ist bereits vorhanden.“
Lena nahm den Zettel.
Die Miete war in einer Woche fällig. Ihr Kühlschrank war fast leer. Und doch war es nicht nur das Geld, das sie nicken ließ.
Sie dachte an Wilhelm, wie er allein vor diesem großen, dunklen Haus gestanden hatte.
„Drei Nachmittage“, sagte sie. „Versuchsweise.“
Jonas atmete hörbar aus.
„Danke.“
Am folgenden Samstag standen Lena und Mia vor dem Backsteinhaus.
Wilhelm öffnete die Tür, bevor sie klingeln konnten.
Er trug eine Strickjacke, Hausschuhe und ein Lächeln, das ihn zehn Jahre jünger wirken ließ.
„Sie sind gekommen.“
„Wir haben darüber abgestimmt“, sagte Lena. „Mia war dafür.“
„Mama auch“, erklärte Mia.
Hinter Wilhelm erschien Jonas mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und einem Geschirrtuch über der Schulter.
Aus der Küche roch es nach Braten, Rosmarin und frisch gebackenem Brot.
„Ich habe gekocht“, sagte er.
Wilhelm hob eine Augenbraue.
„Er hat einen Ofen eingeschaltet und dabei zweimal die Anleitung gelesen.“
„Vorsicht ist eine Tugend.“
„Angst vor einem Herd nicht.“
Das Esszimmer war weniger prunkvoll, als Lena erwartet hatte. Ein langer Eichentisch, alte Stühle, eine Schale mit Äpfeln und ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto auf der Kommode.
Darauf war eine junge Frau zu sehen, die vor einem See stand und in die Kamera lachte.
Mia setzte sich ohne Scheu an den Tisch.
Jonas legte ihr etwas Fleisch und Kartoffelpüree auf den Teller. Bevor er ihn hinstellte, prüfte er unauffällig, ob das Essen noch zu heiß war.
Lena bemerkte es.
Sie bemerkte auch, dass er zuerst allen anderen Wasser einschenkte.
Während des Essens erzählte Mia ausführlich von ihrem Kindergarten, einem verschwundenen roten Stift und einem Jungen namens Ben, der behauptete, Regenwürmer könnten hören.
Wilhelm hörte ihr zu, als berichte sie von einer wichtigen wissenschaftlichen Entdeckung.
Nach dem Essen legte er kurz seine Hand auf Lenas Arm.
„Sie haben mich daran erinnert, wer ich war, bevor alles kompliziert wurde.“
„Was wurde kompliziert?“
Wilhelm sah zu Jonas.
„Geld. Arbeit. Erwartungen. Die Angst, etwas zu verlieren.“
Jonas senkte den Blick.
Später führte Wilhelm Lena in sein Arbeitszimmer.
Dort standen Regale voller Bücher, alte Schallplatten und ein Radio mit großen Drehknöpfen.
„Das funktioniert noch“, sagte er stolz.
„So eines hatte meine Großmutter.“
„Dann wissen Sie wenigstens, dass man Geräte früher reparierte, statt sie wegzuwerfen.“
Lena lächelte.
„Das galt nicht nur für Geräte.“
Wilhelm sah sie an.
„Leider haben wir das bei Menschen oft vergessen.“
Die Arbeit begann unspektakulär.
Lena kochte Tee, erinnerte Wilhelm an seine Tabletten und las ihm Kurzgeschichten vor. Manchmal gingen sie langsam durch den Garten.
Wilhelm erzählte von seiner Frau Margarete, die vor sieben Jahren gestorben war. Sie hatte Marmelade gekocht, alte Möbel restauriert und sich geweigert, Dinge wegzuwerfen, die noch einen Zweck erfüllen konnten.
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