„Sie hätte Sie gemocht“, sagte er eines Tages.
„Sie kannten sie doch kaum.“
„Margarete mochte Menschen, die zupackten, ohne daraus eine Veranstaltung zu machen.“
Mia kam häufig mit.
Sie brachte Zeichnungen, klebrige Bonbons und eine Unmenge von Fragen mit. Wilhelm beantwortete jede einzelne, selbst wenn er die Antwort erfinden musste.
Bald lagen ihre kleinen Schuhe im Flur. Buntstifte standen neben den wertvollen Füllfederhaltern im Arbeitszimmer. Auf dem Sofa blieb regelmäßig eine Kinderdecke zurück.
Das Haus veränderte sich.
Früher hatte es wie ein Museum gewirkt, in dem jedes Geräusch störte. Nun roch es nach Kakao, Kamillentee und Wachsmalstiften.
Jonas kam meist am frühen Abend nach Hause.
Er arbeitete für ein mittelständisches Unternehmen, das sein Vater Jahrzehnte zuvor aufgebaut und später verkauft hatte. Jonas sprach selten über seine Arbeit. Dafür fragte er jeden Abend:
„Wie war der Tag?“
Anfangs meinte er damit seinen Vater.
Später war Lena nicht mehr sicher.
Eines Abends blieb Jonas im Flur stehen.
Im Arbeitszimmer lachten Lena und Wilhelm so laut, dass Mia sich die Ohren zuhielt.
Wilhelm erzählte von einem Ausflug in seiner Jugend, bei dem ein geliehenes Ruderboot, eine verlorene Hose und ein wütender Schwan eine entscheidende Rolle gespielt hatten.
Jonas lehnte an der Wand und hörte zu.
Sein Vater hatte seit dem Tod seiner Frau nicht mehr so gelacht.
Lena bemerkte ihn schließlich.
Ihre Blicke trafen sich.
Jonas sagte nichts. Aber in seinen Augen lag Dankbarkeit, und dahinter etwas, das Lena nicht benennen wollte.
Sie hatte mit Männern lange schlechte Erfahrungen gemacht.
Mias Vater war gegangen, als Lena im siebten Monat schwanger gewesen war. Zuerst hatte er versprochen, sich zu melden. Dann wurden die Nachrichten seltener, die Ausreden häufiger und schließlich kam gar nichts mehr.
Lena hatte gelernt, keine Zukunft auf Versprechen zu bauen.
Trotzdem begann sie, sich auf Jonas’ Heimkehr zu freuen.
Er war nicht laut. Er versuchte nicht, sie zu beeindrucken. Er reparierte tropfende Wasserhähne, legte seinem Vater wortlos eine Decke über die Beine und hatte immer ein kleines Pflaster dabei, wenn Mia sich irgendwo stieß.
Es waren nicht seine Worte, die Lena berührten.
Es waren die Dinge, die er tat, wenn er glaubte, niemand sehe hin.
An einem Samstag lud Jonas Lena und Mia zum Mittagessen ein.
„Nicht als Arbeit“, betonte er. „Einfach so.“
Mia zog ihr schönstes Kleid an. Lena entschied sich dreimal um und ärgerte sich anschließend darüber, dass ihr Jonas’ Meinung offenbar wichtig geworden war.
Während Jonas in der Küche stand, ging Mia mit Wilhelm in das Arbeitszimmer.
Auf dem Schreibtisch lag eine kleine Holzkiste mit feinen Schnitzereien.
Mia betrachtete sie neugierig.
„Darf ich?“
Wilhelm, der gerade nach einem Buch suchte, hörte die Frage nicht.
Mia berührte den Deckel.
Die Kiste rutschte über die Tischkante.
Sie fiel zu Boden und sprang auf.
Eine Kette aus grünlich-blauen Steinen riss auseinander. Die einzelnen Perlen rollten über das Parkett.
Wilhelm erstarrte.
Mia hielt sich beide Hände vor den Mund.
Jonas kam aus der Küche.
Als er die Perlen sah, blieb er mitten im Raum stehen.
Sein Gesicht wurde blass.
Er kniete sich hin und nahm einen der Steine zwischen die Finger.
„Ich wollte das nicht“, flüsterte Mia.
Jonas antwortete zunächst nicht.
Lena kam hinzu und zog ihre Tochter vorsichtig an sich.
„Es tut uns schrecklich leid. Wir lassen es reparieren.“
Jonas schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht.“
Seine Stimme war ruhig, aber hart.
„Meine Mutter hat dieses Armband gemacht, als ich zehn war. Ihre Hände zitterten damals bereits. Sie sagte, die Steine würden mich beschützen.“
Mia begann zu weinen.
„Es war ein Unfall“, sagte Wilhelm.
Jonas sammelte die Perlen ein.
„Ich weiß.“
Doch seine Wärme war verschwunden.
Lena bot an, beim Aufräumen zu helfen.
„Nicht nötig.“
„Jonas—“
„Danke, dass ihr gekommen seid.“
Er sagte es höflich.
Zu höflich.
Das Essen stand noch auf dem Tisch. Niemand setzte sich wieder.
Auf dem Weg zum Auto fragte Mia:
„Mama, bin ich jetzt böse?“
Lena kniete sich vor sie und nahm ihr Gesicht in beide Hände.
„Nein. Du hast etwas kaputt gemacht. Das ist nicht dasselbe.“
„Er mag mich nicht mehr.“
„Er ist traurig. Traurige Menschen sehen manchmal aus, als wären sie wütend.“
Die Heimfahrt verlief schweigend.
Am nächsten Morgen schrieb Lena Wilhelm, dass er besser jemand anderen einstellen solle.
Sie erklärte, Mia habe das Armband nicht absichtlich beschädigt, doch sie verstehe, dass manche Erinnerungen nicht ersetzt werden könnten.
Wilhelm antwortete nur mit zwei Worten:
Ihr fehlt.
Lena kehrte trotzdem nicht zurück.
Vier Tage lang blieb das Backsteinhaus still.
Wilhelm saß wieder allein mit seinem Tee. Jonas kam abends nach Hause und hörte nur das Ticken der alten Standuhr.
Auf dem Tisch lagen keine Buntstifte mehr. Im Flur standen keine kleinen Schuhe.
Jonas ertappte sich dabei, wie er nachmittags zum Fenster blickte, wenn Mia sonst durch das Gartentor gelaufen kam.
„Du hast sie vertrieben“, sagte Wilhelm.
„Ich war schockiert.“
„Das Kind war fünf.“
„Ich habe sie nicht angeschrien.“
„Nein. Du warst schlimmer.“
Jonas sah seinen Vater an.
„Was soll das heißen?“
„Du warst kalt.“
Wilhelm stellte seine Tasse ab.
„Deine Mutter hat dieses Armband gemacht, damit du dich beschützt fühlst. Glaubst du, sie hätte gewollt, dass du damit ein Kind bestrafst?“
„Ich habe niemanden bestraft.“
„Dann warum sind sie nicht hier?“
Jonas schwieg.
Zur gleichen Zeit saß Mia auf dem Teppich der kleinen Wohnung und fädelte bunte Kunststoffperlen auf ein Gummiband.
Die Farben passten nicht zusammen. Einige Perlen waren rund, andere eckig. Eine trug sogar einen kleinen gelben Stern.
Lena beobachtete sie aus der Küche.
„Was machst du da?“
„Ein neues Armband.“
„Für wen?“
„Für Jonas.“
Mia zog das Band konzentriert durch eine rosa Perle.
„Das alte können wir nicht wieder machen. Aber vielleicht kann er das hier tragen.“
„Du musst das nicht tun.“
„Aber er war traurig.“
Als das Armband fertig war, schrieb Mia mit violettem Stift auf ein Blatt:
Es ist nicht so schön wie das alte. Aber ich habe ganz viel Liebe reingemacht.
Am Abend brachte Lena es zu Wilhelm.
Sie blieb an der Tür stehen und weigerte sich, hereinzukommen.
Wilhelm nahm die kleine Papiertüte entgegen.
„Geben Sie es ihm bitte.“
„Das werde ich.“
Jonas saß allein im Arbeitszimmer, als Wilhelm die Tüte vor ihn legte.
„Was ist das?“
„Etwas von einem Menschen, der noch glaubt, dass kaputte Dinge wieder heil werden können.“
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