Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Seit drei Tagen hatte ich mich innerlich auf den Abschied vorbereitet.
Ich hatte sogar schon darüber nachgedacht, wo ich ihren Wäschekorb hinstellen würde, damit mich der leere Platz nicht ständig erinnerte.
Und jetzt sagte dieser Mann, dass Mimi vielleicht noch bleiben durfte.
„Aber sie ist doch sechzehn“, flüsterte ich.
„Ja“, antwortete Dr. Richter. „Und sie hat Beschwerden. Aber Alter allein bedeutet nicht, dass ein Tier keine Lebensqualität mehr haben kann.“
Ich schaute zu Mimi.
Sie saß inzwischen auf dem Handtuch und putzte sich langsam eine Vorderpfote.
So, als ginge sie unser Gespräch überhaupt nichts an.
„Ich muss Ihnen aber etwas sagen“, begann ich.
Meine Stimme wurde leiser.
„Ich kann mir keine riesigen Untersuchungen leisten. Wirklich nicht. Meine Arbeitsstunden wurden gekürzt, und ich weiß manchmal schon nicht, wie ich bis zum Monatsende kommen soll.“
Ich schämte mich furchtbar.
Es fühlte sich an, als müsste ich vor einem fremden Mann erklären, warum ich kein guter Mensch war.
„Ich liebe diese Katze“, sagte ich. „Aber ich habe Angst, dass ich mir nicht leisten kann, ihr richtig zu helfen.“
Dr. Richter sah mich lange an.
Dann zog er einen Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber.
„Frau Renate, wir müssen gemeinsam überlegen, welche Untersuchungen und Behandlungen medizinisch notwendig und sinnvoll sind. Und ich erkläre Ihnen vorher, welche Kosten entstehen.“
Ich nickte, obwohl mir bereits Tränen über die Wangen liefen.
„Ich will nur nicht, dass sie wegen mir leiden muss.“
Der Tierarzt reichte mir ein Taschentuch.
„Das verstehe ich.“
Dann sagte er einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe.
„Aber verwechseln Sie bitte Ihre Liebe nicht mit Ihrer Angst.“
Ich begann zu weinen.
Nicht laut.
Nicht so, wie Menschen im Fernsehen weinen.
Sondern einfach still, während ich versuchte, mein Gesicht hinter dem Taschentuch zu verstecken.
„Ich habe solche Angst, etwas falsch zu machen“, brachte ich hervor.
Dr. Richter ließ mir Zeit.
Und irgendwann erzählte ich ihm mehr, als ich eigentlich wollte.
Dass ich seit Monaten kaum schlief.
Dass ich jede Rechnung dreimal ansah.
Dass ich manchmal das Gefühl hatte, mein ganzes Leben bestehe nur noch aus Entscheidungen, bei denen ich mir keinen Fehler erlauben konnte.
Und dass Mimi das Einzige war, was sich in all dieser Zeit nicht verändert hatte.
„Sie ist immer da gewesen“, sagte ich.
„Immer.“
Dr. Richter hörte zu, ohne mich zu unterbrechen.
Danach besprachen wir, welche Untersuchungen nötig waren und was wir zunächst tun konnten.
Mimi bekam Flüssigkeit und ein Mittel gegen ihre Übelkeit.
Der Tierarzt erklärte mir jeden Schritt.
Nichts wurde einfach gemacht, ohne mit mir darüber zu sprechen.
Später stellte er Mimi einen kleinen Teller mit weichem Katzenfutter hin.
„Mal sehen, ob sie Interesse hat.“
Ich stand neben dem Tisch und hielt fast die Luft an.
Mimi schnupperte.
Dann wandte sie den Kopf ab.
Mein Herz sank.
„Sehen Sie?“, flüsterte ich.
„Geben wir ihr ein bisschen Zeit“, antwortete Dr. Richter.
Wir warteten.
Nach einigen Minuten beugte Mimi den Kopf wieder zum Teller.
Ihre kleine rosa Zunge berührte das Futter.
Einmal.
Dann noch einmal.
Und schließlich nahm sie einen winzigen Bissen.
Ich fing wieder an zu weinen.
Wegen eines einzigen Bissens Katzenfutter.
Der Tierarzt lächelte.
„Das ist erst einmal ein gutes Zeichen. Wir müssen natürlich weiter beobachten, wie es ihr geht.“
Mimi fraß noch zwei kleine Bissen.
Danach setzte sie sich hin und sah uns an, als hätte sie gerade etwas ausgesprochen Großartiges geleistet.
Für mich hatte sie das auch.
Bevor wir gingen, schrieb Dr. Richter einen einfachen Plan auf.
Kleine Portionen Futter. Genügend Flüssigkeit. Ruhe. Genau beobachten, ob Mimi frisst, trinkt und die Katzentoilette benutzt.
Er erklärte mir auch, bei welchen Veränderungen ich sofort wiederkommen sollte und welche Kontrolluntersuchungen geplant waren.
Ich steckte den Zettel vorsichtig in meine Handtasche.
Dann nahm ich Mimi auf den Arm.
Sie hob den Kopf und blinzelte den Tierarzt langsam an.
„Na, kleine Dame“, sagte Dr. Richter. „Dann machen Sie Ihrer Renate mal noch ein bisschen Freude.“
Mimi schnurrte.
Und zum ersten Mal seit Tagen konnte ich lächeln.
Zu Hause stellte ich ihren Wäschekorb wieder neben die Heizung.
Ich legte eine frische Decke hinein und setzte ihren Wassernapf näher heran.
Dann setzte ich mich auf den Boden und wartete.
Mimi schlief fast den ganzen Nachmittag.
Am Abend stand sie langsam auf, ging zum Futternapf und fraß ein wenig.
Nicht viel.
Aber freiwillig.
Am nächsten Morgen begrüßte sie mich mit einem heiseren Miauen.
Ich stand in der Küche und weinte schon wieder.
„Ja, Mimi“, sagte ich. „Ich komme ja.“
Die folgenden Wochen waren nicht immer leicht.
Es gab gute Tage und schlechtere Tage.
Wir gingen zu den vereinbarten Kontrollen. Ich achtete genau auf ihr Futter, ihr Gewicht und darauf, wie sie sich bewegte.
Mimi wurde nicht plötzlich wieder jung.
Ihre Hinterbeine blieben etwas steif.
Sie schlief viel mehr als früher.
Und manchmal brauchte sie eine kleine Pause, bevor sie vom Wohnzimmer in die Küche lief.
Aber nach und nach kam etwas von meiner alten Mimi zurück.
Zuerst begann sie wieder, mich beim Füttern anzumaulen.
Dann saß sie eines Abends plötzlich vor der Wohnungstür, als ich nach Hause kam.
Ich hätte beinahe meine Einkaufstasche fallen lassen.
„Du wartest ja wieder auf mich!“
Mimi miaute ungeduldig.
Natürlich.
Ich stand da und freute mich wie ein kleines Kind, während sie längst auf dem Weg zur Küche war.
Ein paar Tage später versuchte sie sogar, wieder auf das Sofa zu klettern.
Ich stellte ihr einen niedrigen Hocker davor, damit sie nicht springen musste.
Sie betrachtete ihn erst misstrauisch.
Dann benutzte sie ihn.
Von diesem Abend an gehörte der Hocker zu unserer Wohnzimmereinrichtung.
Vier weitere Monate bekamen wir geschenkt.
Vier Monate, in denen ich manchmal vergaß, wie knapp ich davor gewesen war, sie zu verlieren.
Es waren keine spektakulären Monate.
Wir unternahmen nichts Besonderes.
Ich ging arbeiten, kaufte ein, machte mir abends etwas Warmes zu essen.
Mimi schlief auf ihrem Platz neben der Heizung.
Manchmal setzte sie sich ans Fenster und beobachtete die Vögel im Innenhof.
Und nachts kam sie wieder zu mir ins Bett.
Sie kletterte langsam auf meine Brust, legte sich hin und begann mit ihren Pfoten zu treten.
Das hatte sie schon als kleines Kätzchen gemacht.
Damals war es niedlich gewesen.
Mit sechzehn Jahren war es manchmal ziemlich unbequem.
Aber ich ließ sie.
Ich lag auf dem Rücken, spürte ihr leises Schnurren und dachte daran, wie still die Wohnung ohne sie sein würde.
Manchmal sagte ich:
„Bleib noch ein bisschen, ja?“
Und Mimi blinzelte mich nur an.
Als hätte sie für diese Frage überhaupt kein Verständnis.
In dieser Zeit begriff ich etwas, das ich früher vielleicht nicht verstanden hätte.
Wenn man lange allein lebt, wird ein Tier manchmal viel mehr als Gesellschaft.
Es ist jemand, für den man morgens aufsteht.
Jemand, dessen Gewohnheiten man kennt.
Jemand, der bemerkt, dass man nach Hause gekommen ist.
Mimi wusste nicht, wie viel Geld auf meinem Konto lag.
Sie wusste nicht, ob ich einen schlechten Tag gehabt hatte oder ob meine Arbeitsstunden wieder gekürzt worden waren.
Sie kannte keine unbezahlten Rechnungen.
Für sie war ich einfach Renate.
Der Mensch, der ihr morgens den Napf füllte.
Der ihr die Decke zurechtrückte.
Der manchmal viel zu lange im Bad brauchte und deshalb vor der Tür angemeckert wurde.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum ich sie so sehr brauchte.
Bei ihr musste ich nichts erklären.
Im Januar veränderte sich Mimi erneut.
Diesmal war es anders.
Sie wurde nicht plötzlich schwach.
Es geschah langsam.
Sie fraß immer weniger, obwohl wir uns weiterhin um sie kümmerten.
Ihre Wege wurden kürzer.
Manchmal stand sie vor ihrem Wassernapf und schien nicht mehr recht zu wissen, ob sie trinken wollte.
Bei den Kontrollen wurde deutlich, dass ihr Körper zunehmend an Kraft verlor.
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