Sie wollte umdrehen – doch ein einziger Satz ihrer kleinen Tochter hielt Klara vor dieser Tür fest

Martin sah sie an.

„Vielleicht nicht mehr.“

Der Nachtisch war ein Schokoladenkuchen, den sich die Kinder teilen sollten.

Es entstand sofort eine Diskussion.

„Das Stück ist größer!“

„Ist es nicht!“

„Doch!“

Martin nahm das Messer.

„Wir können wie Erwachsene vorgehen.“

Jonas sah ihn misstrauisch an.

„Wie?“

„Einer teilt, der andere darf zuerst wählen.“

Jonas dachte nach.

Leni ebenso.

Dann sagte Leni:

„Das ist gemein schlau.“

Klara lachte so plötzlich, dass sie sich verschluckte.

Und während sie dort saß, zwischen zerknüllten Servietten, Kinderzeichnungen und zwei halb geleerten Gläsern, bemerkte sie etwas.

Sie hatte seit fast zwei Stunden nicht überlegt, ob sie gut genug war.

Nicht einmal.

Als sie später nach draußen gingen, liefen Jonas und Leni einige Schritte voraus.

Martin blieb neben Klara.

„Ich fand den Abend schön.“

„Obwohl Leni dem Kellner erzählt hat, dass unsere Waschmaschine beim Schleudern durch die Küche wandert?“

„Gerade deswegen.“

Klara lächelte.

Martin wurde ernst.

„Ich möchte dich wiedersehen.“

Sie sah ihn an.

Früher hätte sie sofort nach einem Problem gesucht.

Nach einem Grund, warum das nicht funktionieren konnte.

Sein Geld.

Ihre Wohnung.

Seine Vergangenheit.

Ihre Angst.

Diesmal sagte sie nichts.

Martin fuhr fort:

„Vielleicht nichts Elegantes. Nächsten Samstag der Stadtpark? Danach Kakao irgendwo?“

„Mit Kindern?“

„Unbedingt.“

Klara nickte.

„Das klingt gut.“

Hinter ihnen quietschte Leni plötzlich:

„Mama! Jonas sagt, Mädchen können keine Lokführer sein!“

„Hab ich nicht!“, rief Jonas empört. „Ich hab gesagt, sie muss erst lernen, wie die Bremse funktioniert!“

Martin schloss kurz die Augen.

„Das wird noch spannend.“

Klara lächelte.

„Vielleicht.“

Dann sah sie ihn an.

„Aber vielleicht ist spannend gar nicht schlecht.“

Sechs Wochen später stand Martin zum ersten Mal in Klaras Küche und versuchte, eine Schublade zu reparieren.

„Du musst das nicht machen“, sagte Klara.

„Ich weiß.“

„Sie ist seit zwei Jahren kaputt.“

„Das macht es nicht besser.“

Leni saß auf dem Boden und malte.

Jonas baute daneben eine Eisenbahnstrecke aus Holzklötzen.

Aus einem geplanten zweiten Treffen waren viele geworden.

Stadtpark.

Ein kleines Naturkundemuseum.

Pommes an einem See.

Sonntagsspaziergänge.

Ein Abend in Klaras Wohnung, weil Jonas erkältet gewesen war.

Ein Nachmittag bei Martin, an dem Leni seine Küche mit Mehl bedeckt hatte.

Langsam war aus Vorsicht Vertrautheit geworden.

Martin kommentierte nie Klaras gebrauchte Möbel.

Nie die kleine Wohnung.

Nie den alten Kleinwagen.

Und Klara wiederum behandelte Martins großes Haus nicht, als sei es ein Palast.

Nach wenigen Wochen stritten sie bereits darüber, wie man Kartoffelsalat richtig machte.

Martin mit Brühe.

Klara mit Mayonnaise.

„Das ist keine Frage des Geschmacks“, behauptete Klara. „Das ist Erziehung.“

Martin schüttelte den Kopf.

„Dann wurdest du falsch erzogen.“

Leni rief aus dem Wohnzimmer:

„Nicht streiten!“

Beide lachten.

Doch nicht alles war leicht.

Eines Abends saßen sie nach einem Ausflug im Auto.

Die Kinder schliefen hinten.

Martin war ungewöhnlich still.

„Was ist?“, fragte Klara.

Lange sagte er nichts.

Dann:

„Heute wäre Annas Geburtstag gewesen.“

Klara spürte einen kleinen Stich.

Nicht aus Eifersucht.

Aus Unsicherheit.

„Oh.“

Martin blickte durch die Windschutzscheibe.

„Ich habe heute Morgen an sie gedacht und mich danach schuldig gefühlt, weil ich mich auf den Tag mit dir gefreut habe.“

Klara schwieg.

„Verrückt, oder?“

„Nein.“

„Manchmal fühlt es sich an, als würde ich sie verraten.“

Klara drehte sich zu ihm.

„Martin.“

Er sah sie an.

„Du musst sie nicht weniger lieben, damit du mich lieben kannst.“

Er atmete hörbar aus.

„Das meinst du wirklich.“

„Natürlich.“

Klara legte ihre Hand auf seine.

„Sie gehört zu deinem Leben. Also gehört sie auch zu dem Mann, den ich kennenlerne.“

Martin sagte lange nichts.

Dann drückte er ihre Finger.

„Danke.“

Ein paar Wochen später war Klara an der Reihe, wegzulaufen.

Martin hatte vorgeschlagen, gemeinsam mit den Kindern ein verlängertes Wochenende an die Ostsee zu fahren.

Klara sagte sofort Nein.

„Warum?“

„Weil das zu viel ist.“

„Was ist zu viel?“

„Alles.“

Martin blieb ruhig.

„Klara.“

„Das fühlt sich plötzlich nach Familie an.“

„Vielleicht weil wir langsam eine werden.“

Genau dieser Satz machte ihr Angst.

Familie.

Für viele Menschen war das ein warmes Wort.

Für Klara war es auch ein Versprechen, das gebrochen werden konnte.

„Und wenn es nicht klappt?“

Martin sah sie lange an.

„Dann wird es weh tun.“

Sie schluckte.

„Tolle Aussicht.“

„Aber wenn wir aus Angst vor Schmerz überhaupt nichts mehr versuchen, verlieren wir vorher schon.“

Klara dachte an ihren Vater.

An die Ostsee.

An irgendwann.

Drei Tage später sagte sie zu.

Sie fuhren.

Es regnete zwei Tage.

Die Kinder stritten um ein Fernglas.

Martin vergaß seine Regenjacke.

Klara bekam Kopfschmerzen.

Das Appartement war kleiner als erwartet.

Und trotzdem erinnerte sie sich später daran als eine der schönsten Reisen ihres Lebens.

Weil niemand perfekt war.

Weil niemand so tat, als wäre er es.

Weil sie abends zu viert auf einem viel zu kleinen Sofa saßen und Karten spielten.

Weil Jonas irgendwann seinen Kopf auf Klaras Schulter legte und einschlief.

Weil Leni Martin beim Frühstück plötzlich fragte:

„Bist du eigentlich jetzt mein Freund oder Mamas Freund?“

Martin dachte nach.

„Am liebsten beides.“

Leni nickte.

„Gut.“

Ein Jahr nach ihrem ersten Abend im Restaurant feierten sie Jonas‘ siebten Geburtstag.

Martin hatte einen Raum in einem kleinen botanischen Garten gemietet.

Keine Luxusfeier.

Ein paar Freunde.

Kuchen.

Papiergirlanden.

Kinder, die zwischen großen Pflanzen herumrannten.

Klara stand mit einer Tasse Kaffee am Rand und beobachtete Leni und Jonas.

Die beiden stritten gerade darüber, wer zuerst ein Stück Kuchen bekommen sollte.

Wie Geschwister, dachte Klara.

Der Gedanke erschreckte sie nicht mehr.

Martin trat neben sie.

„Du bist still.“

„Ich denke.“

„Gefährlich.“

Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

„Sehr witzig.“

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