Thomas setzte sich auf die unterste Treppenstufe.
„Mia“, sagte er. „Ich muss dir etwas sagen.“
Sie sah ihn an. Er musste zweimal neu anfangen, aber schließlich erzählte er ihr, wo Lotte gewesen war. Und dass sie nicht weggelaufen war, wie er behauptet hatte.
Mia ließ den Hausschuh fallen.
„Du hast gesagt, wir suchen sie.“
„Ich weiß.“
„Du hast mit mir gesucht.“
Thomas weinte jetzt. Er versuchte nicht, es zu verstecken.
Mia ging an ihm vorbei in die Küche. Ich hörte, wie sie einen Stuhl zurückschob.
Ich blieb noch einen Moment im Flur stehen.
„Das müssen Sie mit ihr aushalten“, sagte ich leise. „Auch wenn es lange dauert.“
Lotte kam eine Woche später nach Hause.
Vorher hatten Thomas, Frau Seidel und ich zusammengesessen. Es gab Kontrolltermine, Medikamente und Dinge, auf die Thomas achten musste. Für die erste Zeit übernahm ich die Kosten, die er nicht tragen konnte.
Er bestand darauf, die laufenden Ausgaben aufzuschreiben.
„Ich will wissen, was du bezahlst.“
„Gut.“
„Und ich kümmere mich um Hilfe. Für die Miete und den ganzen Rest.“
„Auch gut.“
Mehr haben wir darüber an diesem Tag nicht geredet.
Als wir Lotte ins Wohnzimmer brachten, saß Mia bereits auf dem Teppich. Frau Seidel hatte ihr erklärt, dass die Hündin Ruhe brauchte und niemand sie drücken durfte.
Mia hielt die Hände auf ihren Knien fest.
„Hallo, Lotti“, flüsterte sie. „Deine Ente ist auch da.“
Lotte hob den Kopf. Dann klopfte ihre Rute einmal gegen die Decke. Noch einmal.
Mia rutschte näher, ganz langsam. Die Hündin schob ihre Schnauze unter ihre Hand.
Ich stellte die Medikamententasche ab und ging in die Küche. Dort blieb ich vor dem Kühlschrank stehen, bis ich wieder ordentlich sehen konnte.
Thomas kam hinterher.
„Ich kann dir das Geld nicht zurückgeben.“
„Das besprechen wir später.“
„Warum machst du das?“
Ich sah durch die offene Tür. Mia erzählte Lotte gerade sehr ernst, dass ihre Lehrerin krank gewesen war und die Vertretung keine richtigen Sterne malen konnte.
„Mein Bruder stirbt“, sagte ich. „Bei ihm kann ich nur noch sitzen und warten. Hier konnte ich etwas tun.“
Thomas schwieg.
Dann holte er zwei Tassen aus dem Schrank.
In den nächsten Wochen fuhr ich regelmäßig vorbei.
Anfangs wegen der Medikamente und der Fahrten zur Klinik. Später auch, weil Thomas mich zum Essen einlud oder Mia mir zeigen wollte, dass Lotte wieder bis zum kleinen Spielplatz laufen konnte.
Ich brachte manchmal Lebensmittel mit. Beim ersten Mal behauptete ich, ich hätte zu viel eingekauft.
Thomas sah in die Tasche.
„Drei Sorten Kinderjoghurt?“
„War im Angebot.“
„Karl.“
„Ja, ist gut.“
Danach fragte ich einfach, was fehlte. Das war für uns beide leichter.
Thomas hielt seine Termine bei der Beratung ein. Er traf Vereinbarungen, ordnete Unterlagen und telefonierte Dinge durch, die er monatelang vor sich hergeschoben hatte. Manchmal saß ich dabei am Küchentisch und wartete, bis er fertig war.
Mia sprach eine Weile nur das Nötigste mit ihm. Wenn er sagte, er käme um vier, schaute sie um fünf nach vier auf die Uhr.
Er lernte, anzurufen, wenn es später wurde. Auch für zehn Minuten.
Lotte bekam langsam wieder Kraft. Sie fraß, schnupperte an den Hecken und schlief oft mit ihrer Stoffente zwischen den Vorderpfoten ein.
Eines Nachmittags kam Mia mit einer Zeichnung zu mir.
„Für Ihre Werkstatt.“
Darauf stand ich neben Lotte. Meine Hände waren riesig, meine Haare sahen aus wie Nägel, und auf meiner Jacke saß ein gelber Fleck.
„Was ist das?“
„Ein Heiligenschein. Der passte nicht mehr über den Kopf.“
Ich hängte das Bild neben den Sicherungskasten.
Werner starb im Herbst.
In den letzten Tagen erzählte ich ihm von Lotte. Von Mia und den sieben Euro dreiundvierzig. Er lag mit geschlossenen Augen da, und ich dachte schon, er hörte mich nicht mehr.
Dann sagte er: „Du hast jetzt aber nicht angefangen, freundlich zu werden?“
„Kommt drauf an, zu wem.“
Sein Mundwinkel zuckte.
Es war das letzte Mal, dass wir miteinander lachten.
Nach der Beerdigung ließ ich die Werkstatt geschlossen. Ich ging einkaufen, machte Kaffee und vergaß, ihn zu trinken. Wenn das Telefon klingelte, sah ich aufs Display und legte es wieder hin.
Thomas schrieb mir, dass mit Lotte alles in Ordnung sei. Ich antwortete mit einem Daumen.
Am zweiten Sonntag klingelte es an meiner Haustür.
Thomas stand draußen, Mia neben ihm. Lotte lag auf einer Decke hinten im Wagen, die Nase gegen die offene Tür gestreckt.
„Wir wollten nicht einfach reinkommen“, sagte Thomas. „Aber wir haben Essen dabei.“
„Ich habe keinen Hunger.“
„Dann essen wir. Du kannst zugucken.“
Mia hielt einen Topf mit beiden Händen fest.
„Papa hat die Nudeln diesmal nicht weich gekocht.“
Ich ließ sie herein.
Wir saßen in meiner Küche. Thomas stellte Teller auf den Tisch, als wäre er schon immer dafür zuständig gewesen. Mia schob Lottes Decke neben meinen Stuhl.
Eine Zeit lang redeten sie über die Schule, über einen verlorenen Schlüssel und über den Nachbarn, dessen Laub immer vor ihrer Tür landete. Ich hörte zu.
Dann legte Mia einen Umschlag neben meinen Teller.
Darin war ein Bild. Oben standen ihre Mutter und Werner auf einer Wolke, unten saßen wir vier an meinem Küchentisch.
„Woher weißt du denn, wie Werner aussah?“, fragte ich.
„Papa hat das Foto aus der Zeitung genommen. Das von der Traueranzeige.“
Ich strich über das Papier.
„Er war mein großer Bruder“, sagte ich.
Mia nickte.
„Mama war meine Mama.“
Es war ein schlichter Satz. Ich musste trotzdem lange auf den Teller schauen, bevor ich wieder sprechen konnte.
Als sie gingen, fragte Thomas, ob sie am nächsten Sonntag wiederkommen dürften.
„Die Nudeln waren in Ordnung“, sagte ich.
Er nickte, als hätten wir alles besprochen.
Aus den Sonntagen wurde eine Gewohnheit.
Mal aßen wir bei ihnen, mal bei mir. Thomas half mir, den alten Schuppen auszuräumen. Ich reparierte an seinem Wagen eine Kleinigkeit, und Mia machte ihre Hausaufgaben an meinem Küchentisch.
Ich hatte seit Jahren keinen Stundenplan mehr an einer Kühlschranktür gesehen. Plötzlich hing einer bei mir.
Lotte hielt länger durch, als wir anfangs gehofft hatten. Ihre Krankheit blieb, doch über viele Monate hatte sie Freude an ihren kleinen Runden und wusste genau, in welcher Jackentasche ich ihre Leckerchen aufbewahrte.
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