„Fünfzehn Jahre“, sagte Holger. „So lange liegt das jetzt bei mir.“
„Das ist doch kein Grund, ihn heimlich wegzubringen.“
„Nein“, sagte mein Vater. „Der Grund ist, dass ich mitfahren will.“
In der Werkstatt wurde es still. Sogar Uwe, der sonst jede Pause mit irgendeinem Spruch füllte, sah auf seine Schuhe.
„Wohin genau?“, fragte ich schließlich.
Mein Vater strich über den Ärmel seiner Jacke.
„Zu der alten Bank oberhalb der Talsperre. Da, wo ich deiner Mutter den Antrag gemacht habe.“
Ich kannte den Platz. Ein kleiner Aussichtspunkt im Sauerland, vom Parkplatz aus über einen befestigten Weg erreichbar. Als Kind hatte ich mich dort gelangweilt, während meine Eltern nebeneinandersaßen und aus derselben Thermoskanne tranken.
„Da waren wir seit Jahren nicht“, sagte ich.
„Ich weiß.“
„Warum hast du nie gesagt, dass du da hinwillst? Ich hätte dich gefahren.“
Mein Vater drehte sein Gesicht zu mir. „Ich hab es gesagt, Martin.“
Ich wollte widersprechen. Dann erinnerte ich mich an einen Nachmittag im vergangenen Herbst, an seine beiläufige Frage beim Abwasch und an meine Antwort, dass wir erst einmal die nächsten Untersuchungen abwarten sollten.
Danach hatte er es nicht wieder erwähnt.
„Ich wollte mit den Jungs fahren“, sagte er. „So wie früher. Früh los, belegte Brote, unterwegs anhalten, weil Jochen zum dritten Mal Kaffee braucht.“
„Zum zweiten“, sagte Jochen.
Mein Vater lächelte kurz. Dann wurde er wieder ernst.
„Ich bin dir dankbar, Junge. Ohne dich wäre vieles schwerer. Aber manchmal sitze ich da und warte darauf, dass du mir sagst, was heute noch geht.“
Ich schaute auf das Blatt in meiner Hand. Die Unterschrift meines Vaters war groß und kantig. So hatte er früher alles unterschrieben, von meinen Schulzeugnissen bis zu den Rechnungen, über die er am Küchentisch fluchte.
„Ich bin noch derselbe“, sagte er. „Ich brauche nur inzwischen jemanden für den Weg.“
Ich ging nach oben und zog mich an.
Dabei stand ich eine Weile vor meinem offenen Kleiderschrank, ohne ein Hemd herauszunehmen. Ich war noch immer besorgt. Gleichzeitig schämte ich mich dafür, wie selbstverständlich ich unten von ihm gesprochen hatte, als wäre er gar nicht dabei.
Als ich zurückkam, war der Kleinbus vorbereitet.
Jochen zeigte mir, wie der Rollstuhl gesichert wurde und wo mein Vater angeschnallt sitzen würde. Holger wartete daneben und hielt ihm die Mütze hin.
„Brauch ich nicht“, sagte mein Vater.
„Dann steck ich sie ein.“
„Du klingst schon wie mein Sohn.“
Holger verzog den Mund. „Einer muss ja auf dich aufpassen.“
Diesmal lachten sie alle, und mein Vater lachte mit. Ich merkte, dass man denselben Satz auf sehr unterschiedliche Weise sagen konnte.
„Ich komme hinterher“, sagte ich.
Mein Vater wurde still. „Damit du uns unterwegs wieder einsammeln kannst?“
Ich hätte behaupten können, dass es nur um die Aussicht ging. Dass ich zufällig Lust auf einen Ausflug hatte.
Stattdessen sagte ich: „Weil ich Angst habe. Und weil ich gern dabei wäre.“
Er nickte langsam. „Dann bring eine Jacke mit. Oben zieht es manchmal.“
Es war der erste väterliche Rat, den ich seit langer Zeit von ihm angenommen hatte, ohne sofort zu erklären, dass ich selbst alt genug sei.
Die Fahrt dauerte mit einer Pause fast zwei Stunden.
Am Anfang hielt ich so viel Abstand, dass ich jede Bremsleuchte sofort sah. Bei jeder Kurve stellte ich mir vor, wie mein Vater im hinteren Teil des Busses hin und her rutschte, obwohl ich seine Sicherung selbst überprüft hatte.
Beim ersten Halt stand ich schon neben der Tür, bevor Jochen den Motor abgestellt hatte.
„Alles gut?“, fragte ich.
Mein Vater seufzte. „Bisher hat mich keiner verloren.“
Holger half ihm, seine Sitzposition zu verändern. Rainer reichte ihm einen Becher, führte seine Hand an den Henkel und wartete, bis er ihn sicher hielt.
Niemand redete dabei mit ihm wie mit einem Kind.
Sie stritten darüber, wer früher einmal einen Wagenheber auf einem Parkplatz hatte stehen lassen. Uwe behauptete, es sei mein Vater gewesen. Mein Vater sagte, Uwe könne sich seit dreißig Jahren nicht damit abfinden, dass sein Name draufgestanden habe.
Ich lehnte am Auto und hörte zu.
Das waren keine besonders großen Geschichten. Eine misslungene Reparatur, ein verbrannter Sonntagsbraten, eine Kundin, die jahrelang mit selbst gebackenem Kuchen bezahlt hatte. Aber mein Vater wusste jede Einzelheit.
Er korrigierte die anderen. Er fiel ihnen ins Wort. Einmal schlug er lachend mit der flachen Hand auf seine Armlehne.
So kannte ich ihn.
Auf dem letzten Stück ließ ich das Radio aus. Zum ersten Mal seit Monaten dachte ich nicht darüber nach, was ich zu Hause noch erledigen musste.
Am Aussichtspunkt war der Parkplatz fast leer.
Rainer ging ein Stück voraus und kam zurück, um zu sagen, dass der Weg frei sei. Holger schob den Rollstuhl langsam bis zur Bank. Mein Vater bat uns, ihm aufzuhelfen, und wechselte mit unserer Unterstützung auf das Holz.
Dann strich er mit der Hand über die Sitzfläche.
„Immer noch so unbequem“, sagte er.
„Ist inzwischen eine andere Bank“, antwortete Holger.
„Dann haben sie die schlechte Bauweise wenigstens beibehalten.“
Jochen packte die Brote aus. Uwe stellte sich ans Geländer und begann, meinem Vater zu beschreiben, was vor uns lag.
Zuerst etwas unbeholfen, wie jemand, der einen Aufsatz vorlesen musste. Dann erzählte er einfach: von den kleinen Booten unten am Ufer, vom hellen Dach auf der gegenüberliegenden Seite und davon, dass der alte Weg am Hang kaum noch zu erkennen sei.
Mein Vater hörte aufmerksam zu.
„Der Weg war damals schon schlecht“, sagte er. „Deine Mutter hat mir hinterher eine halbe Stunde lang die Schuhe vor die Nase gehalten.“
Ich setzte mich neben ihn. „War das an dem Tag mit dem Antrag?“
Er nickte. „Ich hatte mir extra einen guten Satz zurechtgelegt. Dann saß sie hier und schimpfte über den Matsch, und ich hab nur gefragt, ob sie mich trotzdem nehmen würde.“
„Und?“
„Sie hat gesagt, das hänge davon ab, ob ich lernen könne, meine Arbeitshosen nicht auf ihren Küchenstühlen abzulegen.“
Ich musste lachen. Genau so hätte sie es gesagt.
Mein Vater lächelte noch, als er in seine Jackentasche griff. Er zog eine kleine Blechdose heraus, deren Deckel ich sofort erkannte.
Meine Mutter hatte darin früher Nähnadeln aufbewahrt.
„Martin“, sagte er. „Ich brauche dich mal.“
In der Dose lag ein gefalteter Umschlag.
Auf der Vorderseite stand in ihrer Handschrift: „Für Karl. Wenn du wieder an unserer Bank sitzt.“
Ich schaute ihn an. „Was ist das?“
Er hielt die Dose mit beiden Händen fest. „Den hat sie mir im Krankenhaus gegeben. Sie wollte, dass ich noch einmal herkomme. Auch wenn sie nicht mehr mitkann.“
„Du hast ihn nie gelesen?“
Er schüttelte den Kopf.
Zuerst sei es zu früh gewesen. Später habe es immer irgendetwas gegeben, das vorher noch erledigt werden musste. Und dann hätten seine Augen nicht mehr mitgemacht.
„Ich hätte jemanden fragen können“, sagte er. „Aber ich wollte nicht am Küchentisch sitzen, während mir einer diesen Brief vorliest.“
Hinter uns klapperte leise eine Tasse. Holger nahm Jochen die Thermoskanne ab, und die vier gingen ein Stück den Weg zurück.
Mein Vater reichte mir den Umschlag.
„Kannst du?“, fragte er.
Ich öffnete ihn vorsichtig. Schon beim ersten Wort musste ich schlucken, denn meine Mutter hatte sogar auf dem Papier diesen Ton, bei dem man wusste, dass Widerspruch wenig bringen würde.
„Karl, wenn du diesen Brief liest, hast du es endlich geschafft, wieder hierherzufahren. Ich hoffe, du hast etwas zu essen dabei und sitzt nicht allein auf der Bank.“
Mein Vater senkte den Kopf.
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