Aber es sah aus, als hätten sie verstanden, dass Nähe nicht immer bedeutet, jemanden anzufassen.
Eines Tages fand ich Willi neben Friedas Decke.
Er lag auf dem Rücken.
Alle vier Pfoten in die Luft gestreckt.
Sein Lieblingsball lag zwischen ihm und Frieda.
Die alte Katze schlief tief und fest.
Willi bewegte sich kaum.
Nur seine Augen folgten mir, als ich vorbeiging.
Ich blieb stehen.
„Na, kleiner Mann“, flüsterte ich. „Passt du auf sie auf?“
Er blinzelte.
Natürlich antwortete er nicht.
Aber er blieb genau dort liegen.
Ein paar Abende später geschah dann etwas, das ich niemals vergessen werde.
Ich hatte gerade die Küche aufgeräumt und wollte im Wohnzimmer die kleine Stehlampe ausschalten.
Als ich durch die Tür kam, blieb ich stehen.
Frieda lag in der Mitte ihrer alten Decke.
Anton hatte sich auf der linken Seite zusammengerollt.
Willi lag rechts neben ihr.
Keiner drängte sich auf ihren Platz.
Keiner versuchte zu spielen.
Sie lagen einfach da.
Zwischen ihren Pfoten befand sich ein kleiner Haufen ihrer gesammelten Schätze.
Die Stoffmaus.
Der gelbe Ball.
Ein zerknittertes Stück Papier.
Ein kleines Stoffband.
Und die alte Wollsocke.
Es sah aus, als hätten die beiden alles, was ihnen wichtig war, zu Frieda gebracht.
Und dann beschlossen, dass sie gar nichts mehr dafür zurückhaben wollten.
Ich setzte mich langsam auf den Teppich.
Frieda öffnete kurz die Augen.
Sie schaute zu Anton.
Dann zu Willi.
Anschließend legte sie ihren Kopf wieder auf die Decke.
Anton rückte ein kleines Stück näher.
Seine Pfote berührte vorsichtig den Rand von Friedas Decke.
Willi schloss die Augen.
Und auf einmal liefen mir die Tränen über die Wangen.
Ich konnte sie nicht aufhalten.
Ich weinte nicht, weil etwas Schlimmes passiert war.
Im Gegenteil.
Zum ersten Mal seit Wochen sah ich Frieda so friedlich zwischen den beiden Kleinen liegen.
Ich weinte, weil ich plötzlich an Dieter denken musste.
An die letzten Monate, in denen er immer schneller erschöpft gewesen war.
Damals hatte ich oft versucht, ihn aufzumuntern.
Ich schlug Spaziergänge vor, wollte Besuch einladen und erzählte ihm von Dingen, die wir noch gemeinsam unternehmen könnten.
Ich meinte es gut.
Ich wollte ihm zeigen, dass das Leben noch schön war.
Aber manchmal sagte er nur: „Helga, setz dich doch einfach zu mir.“
Und ich verstand damals nicht immer, was er damit meinte.
Ich dachte, ich müsste etwas tun.
Irgendetwas.
Damit es ihm besser ging.
An diesem Abend, auf dem Wohnzimmerteppich, verstand ich plötzlich ein kleines bisschen mehr.
Vielleicht hatte er manchmal gar keine neuen Pläne gebraucht.
Vielleicht hatte er einfach nur meine Nähe gewollt.
Ohne Fragen.
Ohne Erwartungen.
Ohne das Gefühl, für jemand anderen stark sein zu müssen.
Ich sah zu meinen drei Katzen.
Zwei junge Kater, die sonst kaum eine Minute stillsitzen konnten, lagen friedlich neben einer alten Katze, die nicht mehr mit ihnen spielen konnte.
Und trotzdem blieben sie.
Nicht, weil sie etwas bekamen.
Sondern weil sie offenbar gern bei ihr waren.
Ich blieb lange auf dem Boden sitzen.
Irgendwann kam Anton zu mir und legte seinen Kopf auf mein Knie.
Willi streckte sich.
Frieda schlief weiter.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Stille in meiner Wohnung nicht leer an.
Seitdem sind einige Wochen vergangen.
Frieda bekommt weiterhin ihr angepasstes Futter und wird regelmäßig untersucht.
Es gibt Tage, an denen sie erstaunlich munter ist.
Dann steht sie morgens schon in der Küche, noch bevor ich ihren Napf vorbereitet habe.
An anderen Tagen schläft sie fast die ganze Zeit.
Anton und Willi sind inzwischen größer geworden.
Sie jagen einander noch immer durch den Flur.
Sie werfen gelegentlich Dinge herunter, die dort eigentlich ganz sicher standen.
Und neulich fand ich wieder eine Socke im Wassernapf.
Wer dafür verantwortlich war, muss ich wohl nicht erklären.
Aber wenn Frieda müde ist, passiert immer noch etwas Besonderes.
Einer von beiden holt ein Spielzeug.
Manchmal kommen beide.
Sie legen ihre kleinen Geschenke vor ihr ab.
Dann setzen sie sich daneben oder suchen sich einen Platz in ihrer Nähe.
Und warten.
Frieda nimmt die Geschenke meistens nicht an.
Manchmal schnuppert sie daran.
Manchmal berührt sie einen Ball mit der Pfote.
Und manchmal schläft sie einfach weiter.
Den beiden scheint das inzwischen nichts mehr auszumachen.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir mit Frieda noch bleibt.
Vielleicht Jahre.
Vielleicht weniger.
Daran möchte ich nicht jeden Tag denken.
Ich möchte lieber die kleinen Dinge sehen, die noch da sind.
Wie sie morgens vorsichtig ihre Pfote auf meine Hand legt.
Wie Anton ihr ein Leckerli bringt, obwohl er selbst für sein Leben gern frisst.
Wie Willi neben ihr einschläft, obwohl sein Lieblingsspielzeug nur wenige Schritte entfernt liegt.
Früher dachte ich immer, Liebe müsse etwas Großes sein.
Ein besonderes Geschenk.
Eine lange Umarmung.
Ein Satz, den man nie vergisst.
Heute denke ich anders darüber.
Manchmal ist Liebe eine zerknitterte Wollsocke vor einer alten Katzendecke.
Manchmal ist sie ein kleiner Kater, der seine Stoffmaus ablegt und still davongeht, damit jemand weiterschlafen kann.
Und manchmal bedeutet Liebe einfach, neben einem Menschen oder einem Tier zu sitzen, ohne irgendetwas zu verlangen.
Gerade in einer Welt, in der ständig jemand eine Antwort, ein Lächeln oder noch ein bisschen Kraft von uns erwartet, finde ich diesen Gedanken tröstlich.
Meine drei Katzen haben mir etwas gezeigt, das ich wahrscheinlich schon viel früher hätte verstehen sollen.
Wer jemanden liebt, muss nicht immer etwas tun.
Manchmal reicht es, da zu sein.
Wenn ich heute abends das Licht lösche, schaue ich noch einmal zu Friedas Decke.
Oft liegen Anton und Willi ganz in ihrer Nähe.
Dazwischen eine Stoffmaus, ein Ball oder irgendein kleiner Schatz.
Und dann denke ich an Dieter.
Ich denke an all die Menschen, die müde geworden sind und trotzdem glauben, sie müssten für andere immer noch etwas leisten.
Am liebsten würde ich jedem von ihnen sagen, was meine beiden kleinen Kater mir auf ihre stille Art beigebracht haben.
„Ich bin hier.“
„Du darfst dich ausruhen.“
„Ich kann warten.“






