Jeden Sonntag besuchte der 68-Jährige das Grab seines Sohnes – bis zwei Mädchen dort Worte flüsterten, die sein Leben für immer veränderten
„Danke, dass du uns leben lässt.“
Gerhard Falkenberg blieb wie angewurzelt zwischen zwei alten Linden stehen.
Vor dem Grab seines Sohnes knieten zwei Mädchen.
Zwillinge, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Das eine trug eine dunkelrote Jacke, das andere eine senfgelbe. Zwischen ihnen lag ein kleiner Strauß aus Astern, Heidekraut und zwei schief abgeschnittenen Rosen.
Gerhard kannte sie nicht.
Und doch hielten sie sich an den Händen und sprachen zu seinem toten Sohn, als wäre er ein alter Freund.
„Danke, dass du uns eine Chance gegeben hast“, flüsterte das Mädchen in Rot.
Das andere ergänzte:
„Und bitte pass auf Mama auf. Sie denkt immer noch sehr oft an dich.“
Gerhard bekam keine Luft mehr.
Fünf Jahre lang war er jeden Sonntag auf diesen Friedhof am Rand von Hannover gekommen. Im Sommer mit leichter Jacke, im Winter mit Schal und schweren Schuhen. Selbst nach einer Hüftoperation hatte er sich von seinem Fahrer nur bis zum Eingang bringen lassen und war den letzten Weg zu Fuß gegangen.
Es war sein Ritual.
Vielleicht auch seine Strafe.
Denn unter der schlichten Granitplatte lag sein einziger Sohn.
Matthias Falkenberg.
32 Jahre.
Ein Sohn, der eigentlich noch Jahrzehnte hätte leben sollen.
Gerhard war inzwischen 68. Sein Haar war weiß geworden, sein Bart silbern, seine Schultern etwas schmaler als früher.
Geld hatte er genug.
Mehr, als ein Mensch vernünftig ausgeben konnte.
Er hatte sein Vermögen mit Immobilien, Beteiligungen und jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut. Früher hatte er geglaubt, Sicherheit ließe sich kaufen.
Ein gutes Haus.
Die beste medizinische Versorgung.
Rücklagen für jedes denkbare Problem.
Dann war Matthias an einem regnerischen Aprilabend auf dem Heimweg von einem anderen Autofahrer erfasst worden.
Seitdem wusste Gerhard, dass es Rechnungen gab, die selbst ein sehr reicher Mann nicht bezahlen konnte.
Seine Frau Anne war gestorben, als Matthias zehn gewesen war.
Danach waren Vater und Sohn allein gewesen.
Gerhard hatte morgens Frühstück gemacht, obwohl seine Spiegeleier regelmäßig am Rand verbrannten. Er hatte Elternabende besucht, Fußballtrikots gewaschen und versucht, gleichzeitig Vater, Mutter und jemand zu sein, der selbst nicht wusste, wie man trauert.
Matthias war später derjenige gewesen, der Gerhard immer wieder daran erinnert hatte, dass ein Mensch mehr brauchte als Arbeit.
„Papa, du kannst dein Leben nicht in Aktenordnern abheften“, hatte er einmal gesagt.
Gerhard hatte darüber gelacht.
Heute hätte er für diesen Satz alles gegeben.
Er machte noch einen Schritt auf das Grab zu.
Unter seinen Schuhen knackten trockene Blätter.
Die beiden Mädchen drehten sich gleichzeitig um.
Vier große braune Augen sahen ihn an.
Keine Angst.
Nur Überraschung.
„Entschuldigung“, sagte das Mädchen in der roten Jacke. „Wollten Sie hier auch jemanden besuchen?“
Gerhard brauchte einen Moment.
Dann zeigte er auf den Grabstein.
„Ja.“
Seine Stimme klang fremd.
„Meinen Sohn.“
Die Mädchen blickten auf den Namen.
Dann wieder auf Gerhard.
„Matthias?“, fragte das andere.
Gerhard nickte.
„Matthias Falkenberg war mein Sohn.“
Die Veränderung in den Gesichtern der Mädchen kam so plötzlich, dass Gerhard erschrak.
Das Mädchen in Rot schlug beide Hände vor den Mund.
Ihre Schwester begann zu weinen.
Nicht dieses leise Weinen, bei dem Kinder noch versuchen, tapfer auszusehen.
Es waren tiefe, erschütternde Schluchzer.
„Was ist denn?“
Gerhard kniete sich sofort hin.
Sein Knie protestierte, seine Hose wurde feucht vom Boden, aber das bemerkte er kaum.
„Habe ich euch erschreckt?“
Das Mädchen in Rot schüttelte heftig den Kopf.
„Sie sind sein Papa.“
„Ja.“
„Wirklich sein Papa?“
„Ja.“
Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Wangen.
„Dann… dann müssen wir Ihnen etwas sagen.“
Gerhard spürte plötzlich diesen alten Druck in der Brust.
Diesen Druck, den er aus dem Krankenhaus kannte.
Aus jener Nacht.
Aus dem kleinen Besprechungszimmer mit den hellgrauen Wänden, wo ein Arzt mit gedämpfter Stimme gesagt hatte, dass Matthias nicht mehr zurückkommen würde.
„Was?“
Das zweite Mädchen legte eine Hand auf die Brust.
„Ich habe sein Herz.“
Gerhard sagte nichts.
Die Welt um ihn herum wurde still.
Keine Schritte.
Keine Blätter.
Keine entfernten Stimmen.
Nur dieser eine Satz.
„Was hast du gesagt?“
„Sein Herz.“
Das Mädchen deutete auf ihre Brust.
„Matthias‘ Herz.“
Ihre Schwester hob zögernd die Hand.
„Und ich habe einen Teil seiner Leber bekommen.“
Gerhard griff nach dem Grabstein.
Nicht aus Sentimentalität.
Er brauchte etwas Festes.
Etwas, das nicht schwankte.
Er erinnerte sich an die Formulare.
An die Krankenhausnacht.
Matthias hatte schon Jahre vorher erklärt, dass er nach seinem Tod Organe spenden wollte.
Gerhard hatte davon gewusst.
Und als die Ärzte ihn gefragt hatten, hatte er zugestimmt.
Er hatte unterschrieben, ohne die Zeilen wirklich lesen zu können.
Damals hatte er gedacht:
Wenn Matthias das wollte, darf ich ihm seinen letzten Wunsch nicht nehmen.
Danach hatte Gerhard jede weitere Information abgelehnt.
Wer die Organe bekam.
Wie alt die Menschen waren.
Wo sie lebten.
Ob sie überlebten.
Er wollte nichts wissen.
Es hatte sich für ihn angefühlt, als würde jemand seinen Sohn in Einzelteilen aus seinem Leben tragen.
Also hatte Gerhard die Tür geschlossen.
Fünf Jahre lang.
„Ihr…“
Er brachte den Satz kaum heraus.
„Ihr habt Organe von Matthias bekommen?“
Das Mädchen mit der roten Jacke nickte.
„Ich heiße Sophie.“
Sie zeigte auf ihre Schwester.
„Das ist Isabel.“
„Wir waren damals drei“, sagte Isabel. „Mama sagt, wir waren beide sehr krank.“
Sophie legte wieder die Hand auf ihre Brust.
„Mein Herz war kaputt.“
„Und bei mir war die Leber sehr krank“, sagte Isabel.
Kinder erklären komplizierte Dinge oft mit einer Einfachheit, die Erwachsenen fast weh tut.
Gerhard sah die beiden an.
Rote Wangen.
Ein bisschen Erde an den Knien.
Sophie hatte eine kleine Zahnlücke.
Isabels Pferdeschwanz saß schief.
Sie waren keine medizinischen Fälle.
Sie waren Kinder.
Lebendige Kinder.
„Mama sagt, wir hätten nicht mehr lange gehabt“, erzählte Sophie. „Und dann kam nachts ein Anruf.“
Isabel nickte.
„Dass jemand gestorben war.“
Ein Schatten fiel über ihr Gesicht.
„Mama findet diesen Teil immer schlimm.“
Gerhard schloss kurz die Augen.
Irgendwo in einem Krankenhaus hatte er in derselben Nacht seinen Sohn verloren, in der eine andere Mutter erfahren hatte, dass ihre Kinder vielleicht weiterleben durften.
Zwei Familien.
Ein Telefonanruf.
Für die eine das Ende.
Für die andere Hoffnung.
Plötzlich hörte Gerhard schnelle Schritte hinter sich.
„Sophie? Isabel?“
Eine Frau kam über den Kiesweg.
Ende dreißig, vielleicht Anfang vierzig.
Unter ihrer alten Übergangsjacke trug sie eine schlichte Hose und ein Oberteil, das nach Dienstkleidung aussah. Ihr dunkles Haar war hastig zusammengebunden.
Sie blieb abrupt stehen.
„Mama!“, rief Isabel.
Die Frau blickte auf Gerhard.
Dann auf den Grabstein.
Dann wieder auf Gerhard.
Sophie sagte:
„Das ist Matthias‘ Papa.“
Die Frau erstarrte.
Ihre Hand wanderte zum Mund.
„Herr Falkenberg?“
Gerhard nickte langsam.
„Sie kennen meinen Namen.“
Die Frau atmete schwer aus.
„Ja.“
Sie trat näher.
„Ich heiße Katrin Sommer.“
Dann legte sie jeweils eine Hand auf die Schultern ihrer Töchter.
„Und ich wollte Ihnen seit fünf Jahren danken.“
Gerhard sah sie nur an.
Katrin schluckte.
„Nach den Transplantationen wurde uns erklärt, dass die Spenderfamilie keinen Kontakt wünschte. Ich habe das respektiert.“
Sie senkte den Blick.
„Auch wenn es schwer war.“
„Sie haben herausgefunden, wer wir waren?“
„Später.“
Katrin zögerte.
„Nur den Namen. Und irgendwann den Friedhof.“
Gerhard wandte sich zu den Mädchen.
„Deshalb kommt ihr hierher?“
„Jeden Sonntag“, sagte Sophie.
Katrin lächelte traurig.
„Nicht wirklich jeden Sonntag. Aber sehr oft.“
Isabel verzog das Gesicht.
„Fast jeden.“
„Fast jeden“, bestätigte Katrin.
Gerhard ließ sich auf die niedrige Steinkante neben dem Grab sinken.
Sein teurer Wollmantel berührte feuchte Blätter.
Früher hätte ihn das geärgert.
Heute war es ihm vollkommen gleichgültig.
„Erzählen Sie mir alles.“
Katrin betrachtete ihn aufmerksam.
„Sind Sie sicher?“
Gerhard nickte.
„Ich war fünf Jahre lang nicht sicher.“
Er sah Sophie an.
„Jetzt bin ich es.“
Sie setzten sich auf eine Bank unter einer alten Kastanie.
Sophie auf Gerhards rechter Seite.
Isabel links.
Katrin gegenüber.
Dann erzählte sie.
Die Mädchen waren zu früh geboren worden.
Schon kurz nach ihrer Geburt hatte man schwere gesundheitliche Probleme festgestellt. Jahrelang bestand der Alltag aus Untersuchungen, Medikamenten, Krankenhäusern und dem Versuch, trotzdem so etwas wie Normalität zu schaffen.
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