Katrin war damals allein mit ihnen gewesen.
Der Vater der Kinder hatte die Familie früh verlassen.
Sie arbeitete im medizinischen Bereich und kannte deshalb jede Zahl, jeden Laborwert, jede Warnung.
Manchmal, sagte sie, wäre Unwissen leichter gewesen.
„Mit drei wurden beide plötzlich deutlich schlechter.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Bei Sophie versagte das Herz immer stärker. Bei Isabel machte die Leber Probleme. Wir wussten, dass wir Zeit verloren.“
Gerhard starrte auf seine Hände.
Katrin erzählte von Nächten auf unbequemen Stühlen.
Von Kaffee aus Automaten.
Von Kinderzeichnungen an Krankenhauswänden.
Von Geburtstagen, an denen statt Kerzen Geräte piepsten.
„Ich wollte immer stark sein“, sagte sie.
„Diese typische Sache.“
Ein bitteres Lächeln.
„Alleinerziehende Mutter. Zwei Kinder. Nicht jammern. Weitermachen.“
Gerhard kannte diese Haltung.
Seine Generation hatte dafür einen ganzen Werkzeugkasten aus Sätzen.
Reiß dich zusammen.
Andere haben es schlimmer.
Es muss weitergehen.
Nur irgendwann ging es eben nicht mehr.
„Eines Abends sagte ein Arzt zu mir, dass wir vielleicht nur noch Wochen hätten.“
Katrins Stimme brach.
„Und ich bin auf die Toilette gegangen, habe die Tür abgeschlossen und zum ersten Mal gebetet.“
Sie sah Gerhard an.
„Das Schreckliche war: Ich wusste, was ich da eigentlich erbat.“
Ein Spenderorgan bedeutete immer, dass irgendwo jemand einen geliebten Menschen verlor.
„Ich habe um ein Wunder für meine Kinder gebeten“, sagte Katrin. „Und gleichzeitig wusste ich, dass dieses Wunder für eine andere Familie der schlimmste Tag ihres Lebens sein würde.“
Gerhard schluckte.
„Dieser Tag war unserer.“
Katrin nickte.
„Ja.“
Lange sagte niemand etwas.
Dann griff Sophie vorsichtig nach Gerhards Hand.
Ihre Finger waren warm.
„Mama sagt immer, Matthias hat nicht sterben müssen, damit wir leben“, sagte sie. „Er ist gestorben. Und weil er vorher entschieden hatte zu helfen, konnten wir leben.“
Gerhard sah sie an.
Dieser Unterschied war wichtig.
Vielleicht hatte er selbst fünf Jahre gebraucht, um ihn zu verstehen.
Matthias war nicht gestorben, damit diese Mädchen lebten.
Aber nachdem der Tod nicht mehr aufzuhalten gewesen war, hatte er etwas hinterlassen.
Gerhard erinnerte sich an seinen Sohn.
An eine Diskussion beim Sonntagsfrühstück.
Matthias war damals Mitte zwanzig gewesen.
„Wenn ich irgendwann sowieso nichts mehr mit meinem Körper anfangen kann, soll jemand anderes ihn gebrauchen“, hatte er beiläufig gesagt.
Gerhard hatte die Zeitung gesenkt.
„Du redest schon wieder über Sachen, über die man beim Frühstück nicht reden muss.“
Matthias hatte gegrinst.
„Genau deshalb redet nie jemand darüber.“
Damals hatte Gerhard mit den Augen gerollt.
Heute musste er lachen.
Mitten auf dem Friedhof.
Ein raues, tränennasses Lachen.
„Was ist?“, fragte Isabel.
„Nichts.“
Gerhard wischte sich über das Gesicht.
„Euer Matthias war manchmal ein verdammt hartnäckiger Mensch.“
Sophie strahlte.
„Er war unser Matthias?“
Gerhard hielt inne.
Dann nickte er.
„Ein kleines bisschen vielleicht.“
Später fragte Katrin:
„Möchten Sie uns etwas über ihn erzählen?“
Das war die Frage, die Gerhard seit fünf Jahren niemand gestellt hatte.
Freunde vermieden Matthias‘ Namen.
Geschäftspartner ebenfalls.
Selbst entfernte Verwandte wechselten schnell das Thema, weil sie glaubten, sie würden Gerhard schonen.
Das Gegenteil war der Fall.
Wenn niemand über einen Toten spricht, stirbt er ein zweites Mal.
Gerhard begann zu erzählen.
Von Matthias‘ alter Gitarre.
Von den Liedern, die er schrieb und nie jemandem vorspielte.
Von seinem schiefen Lachen.
Von seiner Angewohnheit, jedes Brot viel zu dick mit Butter zu bestreichen.
Von den gemeinsamen Angelwochenenden am See, bei denen meistens kein Fisch biss und Matthias trotzdem behauptete, das sei „der Sinn der Sache“.
Er erzählte, wie Matthias nach Annes Tod mit zehn Jahren irgendwann vor Gerhards Schlafzimmer gestanden hatte.
„Papa, ich glaube, Mama will nicht, dass wir jeden Tag traurig sind.“
Zehn Jahre alt.
Und bereits klüger als sein Vater.
Später hatte Matthias sich ehrenamtlich um Jugendliche gekümmert, die schwierige Familienverhältnisse hatten.
Gerhard hatte das manchmal nicht verstanden.
„Du könntest wesentlich mehr verdienen“, hatte er gesagt.
Matthias hatte geantwortet:
„Ich verdiene doch genug.“
„Darum geht es nicht.“
„Doch, Papa. Genau darum geht es.“
Diese Gespräche hatten Gerhard damals geärgert.
Heute waren sie ein Schatz.
Sophie lauschte besonders aufmerksam, als Gerhard von der Musik erzählte.
„Vielleicht mag ich deshalb Musik“, sagte sie.
Katrin schüttelte leicht den Kopf.
„Sophie.“
„Was denn?“
Das Mädchen legte die Hand auf ihre Brust.
„Vielleicht mag das Herz Musik.“
Gerhard lächelte.
Er wusste, dass Erinnerungen nicht in einem transplantierten Herzen gespeichert wurden.
Aber er widersprach ihr nicht.
Manchmal mussten nicht alle Dinge wissenschaftlich sinnvoll sein, um einem Menschen Trost zu geben.
Von diesem Sonntag an veränderte sich Gerhards Leben.
Zunächst langsam.
Fast unmerklich.
Er traf Katrin und die Mädchen wieder auf dem Friedhof.
Dann tranken sie Kaffee in einem kleinen Café.
Beim nächsten Mal lud Katrin ihn zum Abendessen ein.
Ihre Wohnung war klein.
Der Küchentisch hatte an einer Ecke eine Macke.
Der Wasserhahn tropfte.
Auf dem Kühlschrank klebten Stundenpläne, Kinderzeichnungen und ein handgeschriebener Einkaufszettel.
Gerhard stand in dieser Küche und dachte plötzlich an seine eigene Kindheit.
An seine Mutter, die Lebensmittelreste nie weggeworfen hatte.
An Samstage, an denen sein Vater das Auto selbst reparierte, weil eine Werkstatt zu teuer gewesen wäre.
Es war merkwürdig.
Er hatte jahrzehntelang in Häusern gelebt, in denen alles perfekt gewesen war.
Doch an Katrins verkratztem Küchentisch fühlte er sich zum ersten Mal seit Jahren wieder wie ein Mensch und nicht wie der Bewohner eines Museums.
Er erfuhr, dass Katrin finanziell kämpfte.
Nicht spektakulär.
Keine Schuldeneintreiber.
Keine dramatischen Briefe.
Nur dieses typische, leise Rechnen.
Kann die Autoreparatur noch einen Monat warten?
Brauchen die Mädchen wirklich neue Winterstiefel?
Wie viele zusätzliche Dienste kann ich übernehmen, ohne irgendwann selbst umzukippen?
Gerhard wollte sofort helfen.
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