Zwölf Handwerker standen vor der Schule meiner Tochter – und ich fürchtete den Falschen

Emma bekam ein Butterbrot und die Aufgabe, am Küchentisch ein altes Tiermemory zu sortieren. Die Polizistin besprach mit mir Telefonnummern, Erreichbarkeit und die nächsten Schritte.

Ich beantwortete alles.

Erst als sie fragte, ob ich regelmäßig Medikamente nehmen müsse, fing ich an zu weinen.

Nicht laut. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören.

Ingrid setzte sich neben mich und schob mir ein sauberes Geschirrtuch hin.

„Taschentücher sind im Flur“, sagte sie. „Aber das geht auch.“


Am Nachmittag kam Rolf.

Er hatte seine Arbeitsjacke gegen einen dunkelblauen Pullover getauscht. An seinen Händen klebte noch immer schwarzer Schmutz in den feinen Hautrissen.

Er blieb in der Küchentür stehen.

„Darf ich?“

Ingrid zeigte auf den freien Stuhl.

Emma betrachtete seine Hand.

„Tut das weh?“

„Heute nicht mehr.“

„Was ist passiert?“

Er sah kurz zu mir.

„Eine alte Arbeitsverletzung.“

Das war alles.

Ich war dankbar, dass er es dabei beließ.

Er trank Kaffee aus einer Tasse mit abgeschlagenem Henkel. Dann legte er einen kleinen Stoffhasen auf den Tisch.

Emmas Hasen.

Einer der Männer hatte ihn in der Schule aus ihrer Garderobentasche geholt, nachdem Anja gefragt hatte, ob jemand ihn mitnehmen könne.

Emma presste ihn sofort an sich.

„Den brauch ich nur manchmal“, erklärte sie.

„Klar“, sagte Rolf. „Manchmal reicht.“

Sie nahm den Hasen mit ins Wohnzimmer.

Ich wartete, bis wir allein waren.

„Warum hat Markus ausgerechnet Sie angerufen?“

Rolf fuhr mit dem Daumen über den Tassenrand.

„Weil wir uns lange kennen.“

„Das haben Sie schon gesagt.“

Er nickte.

Ingrid stand auf und schloss leise die Küchentür.


„Ihr Mann hat vor der Polizei bei uns in der Schlosserei gelernt“, begann Rolf. „Wussten Sie das?“

Ich wusste es. Drei Jahre Metallbau, dann der Berufswechsel. Viel hatte Markus über diese Zeit nicht erzählt.

„Ich war sein Meister.“

Rolf sah aus dem Fenster.

„Ein guter Junge. Hat gefragt, wenn er was nicht wusste. Das konnten andere damals schlechter.“

Dann erzählte er von einem Arbeitsunfall, lange vor meiner Zeit mit Markus. Ein umgestürztes Bauteil hatte Rolf eingeklemmt. Markus hatte den Notruf veranlasst, die Maschine abschalten lassen und war bei ihm geblieben, bis die Rettungskräfte kamen.

„Er hätte Feierabend gehabt. Stand schon mit seiner Tasche am Tor.“

Rolf hob die vernarbte Hand ein wenig an.

„Die Ärzte haben später gesagt, die schnelle Hilfe sei wichtig gewesen.“

„Und deshalb waren Sie heute da.“

„Auch.“

Das kleine Wort blieb zwischen uns stehen.

Er trank einen Schluck kalten Kaffee.

„Meine Frau ist vor sechs Jahren gestorben. Danach hab ich die Werkstatt zugemacht. Erst nur früher Feierabend. Irgendwann gar nicht mehr auf.“

Ich sah zu Ingrid. Sie stand am Herd und rührte in einem Topf, der längst nicht mehr kochte.

„Markus kam trotzdem“, sagte Rolf. „Jeden zweiten Donnerstag. Hat behauptet, sein Fahrrad würde knacken. Oder ein Scharnier klemme.“

„Davon hat er mir nie erzählt.“

„Gab auch nichts zu erzählen. Meistens war nichts kaputt.“

Er lächelte zum ersten Mal.

„Einmal hatte er ein Brett dabei. Fragte, ob ich ihm zeigen könnte, wie man das ordentlich zuschneidet. Ein gelernter Metallbauer mit zwei gesunden Händen.“

Mir wurde heiß im Gesicht.

Ich kannte diese Donnerstage. Ich hatte mich manchmal geärgert, weil Markus erst später zu einer Absprache kam.

„Irgendwann hab ich begriffen, dass er nur schauen wollte, ob ich noch aufstehe“, sagte Rolf.

Ingrid stellte den Löffel ab.

„Und ob er etwas isst.“

Rolf schnaubte leise.

„Das war dann der nächste Punkt.“

Ich sah auf seine Hände.

Am Morgen hatte ich mich vor ihnen gefürchtet.

Jetzt stellte ich mir vor, wie sie allein an einem Küchentisch gelegen hatten, Tag für Tag, bis mein ehemaliger Mann mit einem angeblich kaputten Fahrrad vor der Tür stand.


Die erste Nacht schlief Emma in meinem Bett.

Ich lag wach und hörte das Haus arbeiten. Ein Heizungsrohr knackte. Draußen fuhr gelegentlich ein Wagen vorbei. Bei jedem Motor hielt ich den Atem an.

Kurz nach zwei ging ich in die Küche.

Rolf saß dort im Licht der Dunstabzugshaube.

Vor ihm lag ein Kreuzworträtsel.

„Sie müssen nicht auf uns aufpassen“, sagte ich.

„Tu ich auch nicht. Ich kann bloß bei Ingrid nicht schlafen. Die Matratze im Gästezimmer ist älter als manche meiner Werkzeuge.“

Ich setzte mich.

Nach einer Weile fragte ich: „Wird das wieder normal?“

Er legte den Stift hin.

„Weiß ich nicht.“

Es war nicht die Antwort, die ich hören wollte.

Aber es war die erste, bei der ich mich nicht getröstet fühlte wie ein Kind.

„Nach dem Unfall“, sagte er, „hab ich wochenlang jedes Geräusch in der Werkstatt gehört. Sogar Dinge, die ich vorher nie bemerkt hatte. Wurde mit der Zeit besser.“

„Mit der Zeit.“

„Ja.“

Er schob mir das Rätsel hin.

„Sie sind Lehrerin. Fluss in Hessen, fünf Buchstaben.“

Ich starrte ihn an.

Dann musste ich lachen. Es kam so unvermittelt, dass es beinahe wehtat.

„Keine Ahnung.“

„Na prima. Dann sitzen wir hier schon zu zweit.“


Am nächsten Morgen konnte Markus kurz mit uns telefonieren.

Seine Stimme klang müde, aber vertraut.

Emma erzählte ihm zuerst von den Hühnern.

Dann fragte sie: „Wann kann ich dich sehen?“

„Sobald die Ärzte und meine Kollegen sagen, dass es geht.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Sie hielt das Handy mit beiden Händen.

„Rolf hat meinen Hasen gebracht.“

Am anderen Ende blieb es einen Moment still.

„Dann ist ja alles Wichtige da.“

Als ich an der Reihe war, ging ich in den Flur.

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

Markus atmete hörbar aus.

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