Der Junge fragte mich, ob mein alter Bus bis in den Himmel fahren könne. Ich hatte gerade getankt und wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit meinen Händen.
„Nur einmal“, sagte er. „Ich müsste auch nicht lange bleiben.“
Er stand neben der Zapfsäule, ein schmaler Junge mit einer viel zu großen Jacke. Seine Finger lagen auf dem verwitterten Lack meines Kleinbusses. Über dem rechten Radkasten hatte der Rost eine kleine braune Insel gebildet.
„Warum willst du denn dahin?“, fragte ich.
„Meine Mama besuchen.“
Ich stellte den Tankdeckel auf das Dach. Dann ging ich in die Hocke, langsam, weil meine Knie seit vierzig Jahren Werkstattboden nicht mehr viel von solchen Bewegungen hielten.
„Wie heißt du?“
„Jonas. Und Sie?“
„Karl.“
Er betrachtete meine Hände. Schwarze Ränder unter den Nägeln, ein schiefer kleiner Finger, die alte Narbe quer über dem Daumen. Die meisten Kinder hielten erst einmal Abstand zu mir.
Jonas nicht.
„Mama hat gesagt, mit so einem Bus kann man überall hin.“
Ich schluckte.
„An viele Orte“, sagte ich. „Aber leider nicht zu jemandem, der gestorben ist.“
Seine Hand blieb auf dem Lack liegen.
„Auch nicht, wenn man ganz lange fährt?“
„Auch dann nicht.“
Er nickte, als hätte er mit dieser Antwort gerechnet und trotzdem gehofft, dass ausgerechnet ich eine andere hätte.
Ich war damals achtundsechzig, seit fünf Jahren Witwer und seit drei Jahren offiziell im Ruhestand. Inoffiziell reparierte ich noch immer alles, was Nachbarn vor meine Garage stellten.
Rasenmäher, Fahrräder, manchmal eine Kaffeemaschine. Solange niemand erwartete, dass ich dabei viel redete.
Meine Frau hatte früher gesagt, ich sähe aus, als würde ich sogar dem Briefträger die Vorfahrt nehmen. Breite Schultern, kahle Stirn, graue Bartstoppeln und meistens dieselbe ausgewaschene Arbeitsjacke.
Dabei hatte ich seit ihrem Tod vor allem gelernt, möglichst wenig aufzufallen.
Ich wohnte allein am Rand einer Kleinstadt im Sauerland. Sonntags fuhr ich mit unserem alten Bus los, trank irgendwo einen Kaffee und kam zu früh in ein Haus zurück, in dem niemand fragte, ob die Fahrt schön gewesen war.
Der Bus hieß Rosi.
So hatte meine Frau geheißen.
„Karl? Alles in Ordnung?“
Sabine, die sonntags in der Tankstelle arbeitete, stand in der Tür. Als sie Jonas sah, wurde ihr Gesicht ernst.
„Da bist du ja. Frau Seidel sucht dich bestimmt schon.“
Der Junge zog die Hand vom Bus zurück.
„Ich hab nichts gemacht.“
„Hat auch keiner behauptet“, sagte ich.
Sabine kam näher und sprach leiser. Jonas wohne in der kleinen Kinderwohngruppe ein paar Straßen weiter. Er komme manchmal mit einer Betreuerin vorbei, wenn die anderen Brötchen aussuchten.
Heute war er offenbar allein losgegangen.
„Ich wollte nur den Bus hören“, sagte er.
Er schob den Ärmel hoch. An seinem Unterarm waren zwei bläuliche Stellen.
Ich sah hin, dann wieder in sein Gesicht.
„Hast du dir wehgetan?“
Er zog den Ärmel sofort herunter.
„Ist nichts.“
Ich kannte diesen Satz. Ich hatte ihn als Junge selbst oft benutzt.
Wir gingen nicht einfach los. Sabine rief in der Wohngruppe an, und ich blieb mit Jonas vor der Tankstelle stehen, bis Frau Seidel kam.
Sie war außer Atem und hatte noch einen Hausschuh und einen Turnschuh an.
„Jonas! Wir haben dich überall gesucht.“
Er senkte den Kopf.
„Ich wollte nicht weg. Nur kurz gucken.“
Sie kniete sich vor ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Du musst uns Bescheid sagen. Wir müssen wissen, wo du bist.“
Dann sah sie mich an. Ihren Blick kannte ich ebenfalls. Ein fremder alter Mann, ein Kind, ein Fahrzeug. Da durfte man Fragen stellen.
Ich nannte ihr meinen Namen und meine Adresse.
„Er interessiert sich für den Bus“, erklärte ich. „Falls Sie irgendwann mitkommen möchten, könnte ich ihn mal zeigen. Ich habe früher eine Werkstatt gehabt.“
Sie zog eine Karte aus ihrer Jackentasche.
„Rufen Sie uns an. Dann sprechen wir in Ruhe darüber.“
Jonas sah zu mir hoch.
„Fahren Sie jetzt weg?“
„Für heute.“
„Kommen Sie wieder?“
Ich wollte schon sagen: bestimmt.
Dann sah ich, wie aufmerksam er auf meine Antwort wartete.
„Ich rufe morgen an“, sagte ich. „Das kann ich dir versprechen.“
Am Montag rief ich um neun an.
Frau Seidel war überrascht. Offenbar hatten schon öfter Leute etwas Nettes gesagt und es anschließend vergessen.
Sie lud mich für Donnerstag ein.
In der Wohngruppe lebten sechs Kinder. Im Flur standen Gummistiefel, an einer Pinnwand hingen Dienstpläne und Kinderzeichnungen. Aus der Küche roch es nach angebratenen Zwiebeln.
Es war weder das Elend, das ich mir ausgemalt hatte, noch ein Ort, an dem für jeden immer genug Zeit blieb.
Während wir sprachen, klingelte zweimal das Telefon. Ein Junge suchte sein Sportzeug, ein Mädchen weinte wegen eines ausgefallenen Besuchs.
Jonas saß neben mir und drehte eine leere Tasse auf dem Tisch.
„Meine Mama wollte ans Meer“, sagte er plötzlich.
Frau Seidel wurde still.
„Mit einem Bus“, ergänzte er. „Hinten schlafen. Vorne fahren.“
Seine Mutter hatte in einem kleinen Café gearbeitet. Auf einem Foto, das Jonas mir später zeigte, lachte sie mit geschlossenen Augen, weil gerade Wind durch ihre Haare fuhr.
Sie war zweiunddreißig geworden.
Die Krankheit hatte länger gedauert, als Jonas erzählen konnte. Er erinnerte sich an Krankenhausflure, an fremde Menschen in der Küche und daran, dass seine Mutter irgendwann selbst zum Fenster nur noch langsam ging.
Über seinen Vater wusste er nichts. Eine Großmutter war bereits gestorben, weitere Angehörige standen nicht zur Verfügung.
„Mama hat gesagt, wenn ich später einen alten Bus höre, soll ich an unsere Reise denken“, erklärte er.
Er sah zur Tür, als könnte sie dort stehen.
„Deshalb bin ich zur Tankstelle.“
Ich schaute auf meine Hände.
Fünf Jahre lang hatte ich geglaubt, mein Haus sei besonders still.
Aus dem ersten Besuch wurden weitere.
Anfangs saßen wir im Garten der Wohngruppe. Jonas erzählte wenig. Meist wollte er wissen, wie ein Motor funktionierte und warum ich den Bus nach meiner Frau benannt hatte.
„Weil sie ihn ausgesucht hat“, sagte ich. „Ich wollte damals einen vernünftigen Wagen.“
„Und dann?“
„Dann hat sie gesagt, vernünftig wären wir schon lange genug gewesen.“
Zum ersten Mal lachte er.
Später besprachen wir mit seiner Vormundin und der zuständigen Mitarbeiterin, wie regelmäßige Ausflüge aussehen könnten. Ich legte Unterlagen vor, beantwortete Fragen und ärgerte mich über manche Formulare.
Aber ich füllte sie aus.
Ein Kind sollte nicht deshalb einem Fremden anvertraut werden, weil der einen freundlichen Nachmittag erwischt hatte.
Unsere erste Fahrt ging zum Stausee. Frau Seidel saß hinten, Jonas neben ihr auf einer richtigen Sitzerhöhung.
Ich hatte den Bus vorher gründlicher geprüft als vor jeder Hauptuntersuchung. Neue Reifen, Gurte kontrolliert, lose Werkzeugkisten herausgenommen.
Jonas drückte die Stirn ans Fenster.
„Kann man hier drin wirklich schlafen?“
„Ja.“
„Haben Sie das gemacht?“
„Mit Rosi. Früher oft.“
„Haben Sie sich gestritten?“
„Natürlich.“
„Worüber?“
„Meistens darüber, ob wir schon falsch abgebogen waren.“
Er grinste.
Am See kauften wir drei Portionen Pommes. Jonas aß langsam und hob die kleinsten Stücke bis zum Schluss auf.
Als ich fragte, ob er noch Hunger habe, sagte er: „Darf ich welche mitnehmen? Für später?“
Frau Seidel nickte mir über seinen Kopf hinweg zu. Also bestellte ich eine kleine Tüte extra und machte keine große Sache daraus.
Bald gehörte der Sonntag uns.
Ich holte ihn nach dem Frühstück ab und brachte ihn am Nachmittag zurück. Wir fuhren zu einem Wildgehege, zu einem Aussichtspunkt oder nur in meine Garage.
Dort bekam er eine eigene kleine Schublade.
Ein Zollstock lag darin, ein stumpfer Bleistift und Schrauben, die er nach Größe sortierte. Auf ein Stück Klebeband schrieb er seinen Namen.
Dreimal strich er mit dem Finger darüber.
„Muss ich die Schublade nachher wieder leer machen?“
„Wieso?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Die bleibt so“, sagte ich.
Als er weg war, stand ich noch lange vor diesem schief beschriebenen Klebeband.
Die blauen Flecken kamen von zwei älteren Jungen auf dem Schulhof.
Das erzählte Jonas nicht bei einem unserer großen Gespräche. Er sagte es nebenbei, während wir einen Fahrradreifen aufpumpten.
„Die sagen, meine Mutter hat mich abgegeben.“
Ich hielt die Pumpe fest.
„Und was sagst du?“
„Dass sie tot ist.“
Er drehte am Ventil.
„Dann lachen sie.“
Ich musste erst einmal durch die Nase atmen, bevor ich etwas sagen konnte, das ihm half.
Am nächsten Tag sprach Frau Seidel mit der Schule. Es gab Gespräche, eine feste Ansprechperson und mehr Aufmerksamkeit in den Pausen.
Es hörte nicht mit einem Schlag auf. Aber Jonas musste damit nicht mehr allein bleiben.
Eines Sonntags fragte er nach meinen Kindern.
„Haben Sie keine?“
„Nein.“
„Wollten Sie keine?“
Ich legte den Schraubenschlüssel hin.
„Doch. Rosi und ich wollten welche. Es hat nicht geklappt.“
Er dachte eine Weile nach.
„Dann hätten Sie doch jemanden holen können.“
Ich sah ihn an.
„Ja“, sagte ich schließlich. „Darüber haben wir gesprochen.“
Wir hatten sogar Unterlagen angefordert. Dann war mein Vater pflegebedürftig geworden, die Werkstatt lief schlecht, später war angeblich der falsche Zeitpunkt.
Irgendwann hatten wir aufgehört, darüber zu reden.
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