Jonas nahm wieder den Bleistift.
„Meine Mama hat auch oft gesagt: später.“
An diesem Abend blieb der Fernseher aus.
Nach knapp vier Monaten stand ich an einem Sonntag um zehn vor der Wohngruppe.
Jonas kam nicht an die Tür.
Frau Seidel bat mich herein. Schon daran merkte ich, dass etwas nicht stimmte.
„Er ist seit Freitag in einer Bereitschaftspflegefamilie.“
Ich verstand zunächst nur das Wort Freitag.
„Warum?“
Sie rieb sich über die Stirn. Zwischen Jonas und einem anderen Jungen habe es seit Wochen Spannungen gegeben. Dann sei Geld verschwunden. Es habe Anschuldigungen gegeben und einen heftigen Streit.
„Hat er es genommen?“
„Das wissen wir nicht. Und darum sollte es auch nicht allein gehen.“
Sie erklärte, man habe die Situation vorerst entzerren müssen. Außerdem sei ohnehin nach einer familiären Betreuung für ihn gesucht worden.
Ich hörte zu und wurde immer wütender.
„Und mich ruft keiner an?“
Sie sah mich müde an.
„Das hätte passieren müssen.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste ich nicht, wohin mit meiner Wut.
Nicht gegen Frau Seidel. Sie saß vor mir und wirkte selbst, als hätte sie seit Tagen schlecht geschlafen.
„Er denkt doch jetzt, ich komme nicht mehr.“
„Ich habe ihm gesagt, dass Sie nach ihm fragen werden.“
„Dann geben Sie mir seine Adresse.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Die kann ich nicht einfach weitergeben. Ich nehme Kontakt auf.“
Es folgten Tage mit Telefonaten. Ich durfte Auskünfte nicht bekommen, wurde weiterverbunden, erreichte niemanden oder hörte, dass meine Nachricht weitergeleitet werde.
Eine Mitarbeiterin sagte schließlich: „Wir müssen den Kontakt erst abstimmen.“
Ich antwortete schärfer, als ich wollte.
„Für Sie ist das ein Kontakt. Für ihn ist es Sonntag.“
Ich schrieb ihm einen Brief.
Keine Vorwürfe, keine Versprechen, die andere verhindern konnten.
Ich erzählte, dass der Bus eine neue Wasserpumpe brauchte und seine Schrauben noch ordentlich in der Schublade lagen.
Am Ende schrieb ich: Ich habe dich nicht vergessen. Du hast nichts falsch gemacht, weil du mich vermisst.
Meine Telefonnummer stand darunter. Dieselbe Nummer hatte er bereits auf einer alten Werkstattkarte, die ich ihm einmal für sein Portemonnaie gegeben hatte.
Die Mitarbeiterin versprach, den Brief weiterzureichen.
Dann wartete ich.
Sonntags räumte ich die Garage auf, obwohl nichts aufzuräumen war.
Einmal stellte ich zwei Tassen auf die Werkbank und bemerkte es erst, als der Kaffee durchgelaufen war.
Fast vier Wochen später klingelte nachts mein Telefon.
Ich weiß noch, dass ich zuerst auf die Uhr sah. Zwei Uhr zwölf.
„Herr Bender?“, fragte eine Frau. „Hier ist die Nachtschicht einer Tankstelle bei Altenbrück. Bei uns sitzt ein Junge. Er sagt, Sie kennen ihn.“
Ich war bereits aufgestanden.
„Jonas?“
Im Hintergrund hörte ich ein Stuhlbein über Fliesen scharren. Dann seine Stimme.
„Karl?“
„Ich bin da.“
„Kannst du kommen?“
Ich zog die Hose an, während ich das Telefon zwischen Schulter und Ohr klemmte.
„Ja. Bleib bitte bei der Frau.“
„Ich will da nicht mehr hin.“
„Wo bist du weggegangen?“
Er fing an zu weinen.
Die Mitarbeiterin nahm das Telefon zurück.
Jonas sei allein aufgetaucht, ohne Jacke. Sie habe ihn hereingeholt und bereits die Polizei verständigt. Er habe meine Nummer auswendig gewusst.
Ich sagte ihr, wie lange ich ungefähr brauchen würde.
Dann fuhr ich los.
Nicht schnell genug, um noch einen Unfall dazuzulegen. Aber jede rote Ampel fühlte sich an wie eine persönliche Beleidigung.
Als ich ankam, saß Jonas hinter dem Verkaufstresen auf einem Stuhl. Um seine Schultern lag eine Decke.
Ein Polizist ging in die Hocke und sprach leise mit ihm.
Jonas sah mich, stand auf und lief los.
Ich fing ihn auf, ohne nachzudenken.
„Du bist wirklich gekommen“, sagte er in meine Jacke.
Er erzählte nicht alles auf einmal.
Der Pflegevater habe ihn häufig angeschrien. An diesem Abend habe er ihn schmerzhaft am Arm gepackt und später geschlagen. Jonas habe gewartet, bis es still geworden sei, und sei aus dem Haus gegangen.
Ich spürte, wie fest er meine Jacke hielt.
„Ich wollte nicht wieder verschwinden“, flüsterte er.
Der Polizist ließ ihn ausreden. Die Frau von der Tankstelle stellte ein Glas Wasser hin.
Niemand fragte, warum er nicht früher etwas gesagt hatte.
Als der Polizist erklärte, dass nun jemand vom Bereitschaftsdienst komme, begann Jonas zu zittern.
„Nicht wieder irgendwohin.“
Ich setzte mich neben ihn.
„Ich bleibe, bis wir wissen, wie es weitergeht.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Ich hätte ihn am liebsten eingepackt und mitgenommen.
Stattdessen blieben wir dort, beantworteten Fragen und fuhren später zur ärztlichen Untersuchung. Jonas wollte meine Hand halten, auch als ich dachte, er schlafe bereits.
Gegen Morgen kam eine Mitarbeiterin des Bereitschaftsdienstes.
Sie sagte deutlich, dass er vorerst nicht in dieses Haus zurückkehren werde. Seine Schilderung werde geprüft, weitere Gespräche würden folgen.
Ich fragte, ob er bei mir bleiben könne.
Sie sah mich an.
„Heute können wir das nicht einfach entscheiden.“
„Dann entscheiden Sie bitte, was wir heute dafür anfangen können.“
Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich das Gefühl, nicht gegen eine geschlossene Tür zu sprechen.
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