Sie schrieb meinen Namen auf.
Jonas kam zunächst in eine andere, kleine Wohngruppe.
Ich durfte ihn besuchen. Diesmal wurden die Absprachen aufgeschrieben, Telefonnummern ausgetauscht und Zuständigkeiten geklärt.
Nach zwei Tagen saßen wir in einem Besprechungszimmer. Seine Vormundin, eine Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes, ich und eine Kanne Kaffee, die niemand mochte.
Ich sagte, dass ich mich als Pflegeperson prüfen lassen wollte.
Eine Frau fragte nach meinem Alter.
„Achtundsechzig.“
„Und Sie leben allein?“
„Ja.“
Sie faltete die Hände.
„Dann müssen wir besonders sorgfältig schauen.“
Ich nickte.
Zum ersten Mal ärgerte mich die Vorsicht nicht.
Ich wollte schließlich selbst wissen, ob ich das konnte.
Die folgenden Monate bestanden aus Gesprächen, Besuchen und Fragen, auf die ein sturer Mann nicht immer gern antwortete.
Wie gesund war ich? Wer würde helfen, wenn ich ausfiel? Konnte ich mit Schule, Terminen und einem Kind umgehen, das nachts manchmal schreiend aufwachte?
Mein Führungszeugnis wurde angefordert. Mein Haus wurde angesehen. Ich nahm an Vorbereitungsterminen teil und lernte Wörter, die ich vorher nie gebraucht hatte.
Einmal fragte mich die Mitarbeiterin: „Was tun Sie, wenn Jonas Sie wegschickt?“
„Dann gehe ich kurz raus.“
„Und dann?“
Ich überlegte.
„Dann sage ich ihm, wann ich wiederkomme.“
Sie nickte.
Später verstand ich, warum ihr gerade diese Antwort wichtig gewesen war.
Ich musste auch Menschen um Hilfe bitten.
Das war vermutlich der schwierigste Teil.
Meine Schwester Ingrid wohnte zwölf Kilometer entfernt. Sie war drei Jahre jünger als ich und hatte mir bereits nach Rosis Tod gesagt, dass ein Kühlschrank nicht nur Senf und Wurst enthalten müsse.
Als ich ihr von Jonas erzählte, hörte sie lange zu.
„Du weißt, dass das kein kaputter Motor ist?“, fragte sie.
„Weiß ich.“
„Dass du nicht einmal alles richtig zusammensetzt und dann läuft es?“
„Weiß ich auch.“
Sie sah mich prüfend an.
„Gut. Dann komme ich mittwochs. Und du lernst, wenigstens fünf vernünftige Essen zu kochen.“
Jonas kam zunächst stundenweise, später über Nacht.
Ich richtete das kleine Zimmer zum Garten her. Kein fertig dekoriertes Kinderparadies. Wir suchten gemeinsam einen Schreibtisch aus, und er entschied, dass die Wand grün bleiben durfte.
Seine Tasche stellte er trotzdem wochenlang nicht in den Schrank.
Sie stand neben dem Bett, fertig gepackt.
Ich sagte nichts dazu.
Eines Abends hörte ich ihn im Flur. Er stand im Schlafanzug vor meiner Schlafzimmertür.
„Was ist, wenn ich was kaputt mache?“
„Dann schauen wir, ob man es reparieren kann.“
„Und wenn nicht?“
Ich setzte mich auf die Bettkante.
„Dann ist es eben kaputt.“
Er sah mich lange an.
„Und ich?“
Da verstand ich erst, was er gefragt hatte.
„Du bleibst trotzdem Jonas.“
Es lief nicht plötzlich alles gut.
Einmal verschwanden Geldscheine aus meiner Küchenschublade. Ich fand sie hinter seinem Bett, zusammen mit zwei Müsliriegeln und einer kleinen Taschenlampe.
Er wurde blass, als ich die Sachen auf den Tisch legte.
„Für den Fall, dass ich wegmuss“, sagte er.
Ich setzte mich.
Wir redeten über das Geld. Darüber, dass man fragen musste und Dinge nicht einfach nehmen durfte.
Aber zuerst sagte ich ihm, dass heute niemand seine Tasche packen würde.
Später gab ich ihm eine eigene kleine Notfalltasche, gemeinsam mit seiner Betreuerin besprochen. Darin waren Telefonnummern, etwas Kleingeld und die klare Verabredung, wen er anrufen konnte.
Er stellte sie in den Schrank.
Auch bei mir ging nicht alles glatt.
Ich war kurze Antworten gewohnt. Wenn ich sagte: „Jetzt ist Schluss“, hatte früher jeder Lehrling gewusst, was gemeint war.
Jonas hörte darin manchmal etwas anderes.
Einmal schüttete er Milch über die Hausaufgaben. Ich fluchte über das nasse Heft, und er verschwand unter dem Küchentisch.
Ich stand da mit dem Lappen in der Hand.
Dann setzte ich mich auf den Boden.
„Ich bin wegen der Milch laut geworden“, sagte ich. „Das war unnötig.“
Er kam nicht sofort hervor.
Also blieb ich sitzen.
Meine Knie verziehen mir diesen Abend lange nicht. Aber irgendwann schob er mir das Heft hin und fragte, ob wir die Seite zusammen abschreiben könnten.
Die Vorwürfe gegen den früheren Pflegevater wurden untersucht. Jonas musste darüber sprechen, aber nicht immer wieder vor neuen Leuten alles von vorn erzählen.
Er bekam Unterstützung von einer Therapeutin. Nach manchen Terminen war er still, nach anderen ärgerlich.
Dann fuhren wir eine Runde.
Der Bus wurde kein Wundermittel. Er war nur ein vertrauter Ort, in dem niemand Jonas beim Reden ansehen musste.
Manchmal erzählte er von seiner Mutter.
Manchmal fragte er, ob es abends Pfannkuchen gebe.
Ich lernte, dass beides an einem Tag Platz haben durfte.
Als Jonas schließlich dauerhaft zu mir ziehen konnte, war fast ein Jahr seit unserem ersten Treffen vergangen.
Es wurde keine schnelle Adoption daraus. Er behielt seinen Namen, und wir blieben bei den regelmäßigen Gesprächen mit den zuständigen Menschen.
An dem Donnerstag, an dem der Umzug feststand, kam er mit zwei Taschen.
Er stellte sie im Flur ab.
„Bis wann?“, fragte er.
Ich wusste, was er meinte.
„Es gibt kein Rückgabedatum.“
Er schaute zu seiner Vormundin. Sie nickte.
Dann nahm er die kleinere Tasche, ging in sein Zimmer und begann auszupacken.
Ich blieb in der Küche stehen, bis ich wieder ordentlich sehen konnte.
Im Sommer fuhren wir ans Meer.
Keine große Reise. Vier Tage auf einem einfachen Campingplatz an der Nordsee, mit Regen in der ersten Nacht und einem Gaskocher, der ausgerechnet beim Nudelnkochen streikte.
Jonas fand das großartig.
„Wie bei euch früher“, sagte er.
„Rosi hätte sich jetzt beschwert.“
„Und du?“
„Ich hätte behauptet, das gehört zum Abenteuer.“
Er lachte so laut, dass jemand vom Nachbarplatz herübersah.
Später saßen wir am Strand. Jonas hielt das alte Foto seiner Mutter in einer durchsichtigen Hülle.
Er zeigte es dem Wasser.
„Jetzt sind wir da“, sagte er leise.
Ich schaute auf die grauen Wellen und ließ ihm Zeit.
Auf der Rückfahrt fragte er, ob meine Frau traurig gewesen wäre, weil er ihr Bett im Bus benutzte.
„Nein“, sagte ich.
„Woher weißt du das?“
Ich dachte an Rosi. Daran, wie sie fremden Kindern beim Sommerfest die Brote geschmiert hatte. Daran, wie lange die unausgefüllten Unterlagen damals in unserer Schublade gelegen hatten.
„Weil sie immer wollte, dass hier jemand mitfährt.“
Ein paar Wochen später gingen wir zu ihrem Grab.
Jonas trug eine kleine Topfpflanze, die er selbst ausgesucht hatte. Er stellte sie neben den Stein und zupfte ein trockenes Blatt ab.
„Danke, dass ich in deinem Bus fahren darf“, sagte er.
Ich musste mich auf die Bank setzen.
Heute ist Jonas zehn.
Ich bin einundsiebzig und brauche länger, wenn ich unter dem Bus gelegen habe. Ingrid kommt noch immer mittwochs, obwohl ich inzwischen mehr als fünf Gerichte beherrsche.
In der Schule läuft nicht alles glatt. Manchmal vergisst Jonas die Sportsachen, manchmal möchte er an bestimmten Tagen nicht über seine Mutter reden.
Dann reden wir nicht darüber.
Ihr Foto steht auf seinem Schreibtisch. Niemand hat von ihm verlangt, es gegen ein neues Familienbild auszutauschen.
Daneben liegt allerdings eines von uns beiden am Meer. Ich habe die Augen halb geschlossen, Jonas hält mir eine Pommes vor die Nase.
Es ist ein furchtbares Foto.
Ich habe es zweimal ausdrucken lassen.
Neulich fand ich ihn in der Garage.
Er saß vor seiner Schublade und zog die alte Werkstattkarte aus dem Portemonnaie. Die Ecken waren weich geworden, über meine Telefonnummer hatte jemand durchsichtiges Klebeband geklebt.
„Die kannst du eigentlich wegwerfen“, sagte ich. „Du kennst die Nummer doch.“
Er schüttelte den Kopf.
„Die hat funktioniert.“
Ich verstand erst nicht.
Dann sah ich wieder die helle Tankstelle vor mir, die Decke um seine Schultern und seine Hand, die meine Jacke nicht loslassen wollte.
„Ja“, sagte ich. „Hat sie.“
Er steckte die Karte sorgfältig zurück.
Letzten Sonntag fuhren wir wieder zum Stausee.
An derselben Stelle, an der wir früher mit Frau Seidel gesessen hatten, aßen wir Pommes. Jonas brauchte keine zweite Tüte für später mehr.
Auf dem Rückweg hörte ich ihn neben mir gähnen.
„Karl?“
„Hm?“
„Weißt du noch, als ich gefragt habe, ob der Bus in den Himmel fährt?“
Ich nickte und hielt die Augen auf der Straße.
„Ja.“
Er sah eine Weile aus dem Fenster.
„Gut, dass du nicht einfach Ja gesagt hast.“
Ich räusperte mich.
„Wieso?“
„Weil wir sonst immer noch suchen würden.“
Dann schlief er ein.
Zu Hause stellte ich den Motor ab und blieb noch einen Augenblick sitzen. Im Haus warteten Hausaufgaben, ein voller Wäschekorb und die Frage, ob wir wirklich schon wieder Kartoffeln essen mussten.
Ich öffnete die Beifahrertür und legte ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter.
„Jonas. Aufwachen.“
Er blinzelte mich an.
„Schon da?“
„Ja“, sagte ich. „Wir sind zu Hause.“






