Niemand wollte den alten grauen Kater retten, bis eine einsame Witwe sein trauriges Geheimnis entdeckte

„Wenn Sie diesen alten Kater heute nicht mitnehmen, erlebt er den nächsten Morgen nicht mehr.“ Was danach geschah, hat mein Leben für immer verändert.

„Sind Sie wirklich sicher, dass niemand ihn haben möchte?“

Die Frau im Tierheim sah mich müde an. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und hielt eine Mappe fest an ihre Brust gedrückt.

„Er ist neun Jahre alt. Er frisst kaum noch, lässt niemanden an sich heran und sitzt seit Wochen nur in seiner Ecke. Wir haben alles versucht.“

Ich schaute wieder zu dem grauen Kater im hintersten Käfig.

„Und was passiert jetzt mit ihm?“

Sie schwieg einen Moment.

„Wir müssen morgen entscheiden, wie es weitergeht. Seine Chancen stehen leider sehr schlecht.“

Ich weiß noch genau, wie ich vor diesem Käfig stand. Ich war 62 Jahre alt, hatte schon einiges erlebt und dachte eigentlich, mich könnte so schnell nichts mehr aus der Fassung bringen.

Aber dieser kleine graue Kater schaffte es.

Er hieß Moritz.

Das stand auf einem zerknitterten Zettel an seiner Käfigtür. Darunter sein Alter: neun Jahre.

Moritz war ein großer Hauskater, zumindest musste er das früher gewesen sein. Jetzt wirkte sein Körper eingefallen. Sein graues Fell war stumpf und stellenweise verfilzt.

Er hatte sich ganz hinten hinter seiner Katzentoilette versteckt. So fest zusammengekauert, dass man ihn beinahe übersehen hätte.

Die anderen Katzen miauten, sobald jemand vorbeiging. Manche drückten ihre Nasen gegen die Gitterstäbe. Andere streckten neugierig ihre Pfoten heraus.

Moritz tat nichts davon.

Er sah mich nicht einmal an.

„Hallo, Moritz“, sagte ich leise.

Keine Reaktion.

„Na, alter Junge. Was ist denn mit dir passiert?“

Nicht einmal seine Ohren bewegten sich.

Die Mitarbeiterin erklärte mir, dass seine bisherige Familie ihn abgegeben hatte. Die genauen Umstände kannte sie nicht. Seit seiner Ankunft habe er sich völlig zurückgezogen.

Er fraß nur wenige Bissen, wenn niemand hinsah. Sobald ein Mensch den Raum betrat, presste er sich noch tiefer in seine Ecke.

„Wir finden einfach keinen Zugang zu ihm“, sagte sie.

Ich nickte, obwohl mir plötzlich die Worte fehlten.

Dabei hatte ich an diesem Dienstag überhaupt nicht vorgehabt, eine Katze aufzunehmen.

Ich war nur gekommen, um alte Handtücher, zwei Wolldecken und einen angebrochenen Sack Katzenfutter abzugeben.

Die Sachen gehörten meiner früheren Nachbarin. Sie war vor wenigen Wochen zu ihrer Tochter nach Hannover gezogen und hatte mich gebeten, alles im Tierheim vorbeizubringen.

Mehr wollte ich nicht erledigen.

Ich wohnte allein in einer kleinen Doppelhaushälfte am Rand von Kassel. Mein Mann Peter war vor sechs Jahren gestorben.

Unser Sohn Tobias lebte mit seiner Familie in Hamburg. Wir telefonierten regelmäßig, aber besuchen konnte er mich nicht oft.

An die Stille in meinem Haus hatte ich mich inzwischen gewöhnt.

Zumindest redete ich mir das ein.

Morgens kochte ich Kaffee für eine Person. Abends stellte ich einen Teller auf den Küchentisch. Und manchmal lief der Fernseher, obwohl ich überhaupt nicht hinschaute.

Trotzdem hatte ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, mir ein Haustier anzuschaffen.

Ich wollte keine zusätzliche Verantwortung. Keine Tierarztrechnungen. Keine Sorgen, wenn ich einmal verreisen wollte.

Und ganz bestimmt wollte ich keinen alten, kranken Kater, der offensichtlich nichts mit Menschen zu tun haben wollte.

Aber ich konnte einfach nicht weitergehen.

Vielleicht lag es daran, dass ich seinen Blick kannte.

Diesen müden Ausdruck, der nicht einmal mehr traurig aussieht.

So hatte ich selbst manchmal im Spiegel ausgesehen, nachdem Peter gestorben war.

Damals hatten mir viele Leute gesagt, ich müsse wieder unter Menschen gehen. Ich solle mir ein Hobby suchen, reisen oder wenigstens öfter ausgehen.

Sie meinten es gut.

Aber an manchen Tagen war schon das Aufstehen schwer genug gewesen.

Und jetzt saß dieser Kater vor mir, als hätte er beschlossen, dass von der Welt nichts Gutes mehr zu erwarten war.

„Was müsste ich tun, wenn ich ihn mitnehmen wollte?“, fragte ich.

Die Frau hob überrascht den Kopf.

„Sie meinen Moritz?“

„Ja. Wen denn sonst?“

Sie erklärte mir, dass er viel Geduld brauchen würde. Vielleicht würde er sich niemals anfassen lassen. Möglicherweise bliebe er sein Leben lang ängstlich.

Ich hörte zu.

Dann sagte ich: „Zeigen Sie mir bitte die Unterlagen.“

Eine halbe Stunde später saß Moritz in einer Transportbox auf dem Beifahrersitz meines Autos.

Ich hatte keine Ahnung, was ich gerade getan hatte.

Während der ganzen Fahrt sagte er keinen Ton.

An jeder roten Ampel schaute ich kurz zu ihm hinüber. Seine Augen waren weit geöffnet. Er saß ganz hinten in der Box und bewegte sich nicht.

„Wir zwei werden das schon irgendwie schaffen“, sagte ich.

Natürlich antwortete er nicht.

Zu Hause richtete ich ihm zunächst das kleine Gäste-WC im Erdgeschoss her. Dort war es ruhig, und ich konnte die Tür schließen.

Ich stellte frisches Wasser hin, etwas weiches Katzenfutter und eine saubere Katzentoilette.

Neben die Heizung legte ich eine zusammengefaltete Wolldecke.

Dann öffnete ich die Transportbox und setzte mich ein Stück entfernt auf den Boden.

„So, Moritz. Das ist jetzt dein Zuhause.“

Zwei Stunden passierte überhaupt nichts.

Ich ging zwischendurch in die Küche, machte mir ein Käsebrot und schaute immer wieder vorsichtig nach.

Er blieb in seiner Box.

Erst am Abend hörte ich ein leises Geräusch.

Als ich die Tür einen Spalt öffnete, sah ich gerade noch einen grauen Schwanz hinter der Toilette verschwinden.

Dort blieb er.

Nicht nur an diesem Abend.

Fast eine ganze Woche lang.

Ich sah Moritz kaum. Morgens fehlte manchmal ein bisschen Futter. Im Katzenstreu waren kleine Pfotenabdrücke.

Das waren die einzigen Zeichen dafür, dass er sich überhaupt bewegte.

Wenn ich den Raum betrat, erstarrte er.

Wenn ich seinen Namen sagte, drückte er den Kopf nach unten.

Einmal wollte ich nur den Wassernapf nehmen. Ich bewegte meine Hand etwas zu schnell.

Moritz zuckte so heftig zusammen, dass er mit dem Rücken gegen die Wand stieß.

Ich erschrak selbst.

„Ach, Moritz“, flüsterte ich. „Ich wollte dir doch nichts tun.“

Den restlichen Tag musste ich immer wieder an diese Bewegung denken.

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