Zwölf Handwerker standen vor der Schule meiner Tochter – und ich fürchtete den Falschen

„Über die Ermittlungen konnte ich nicht sprechen.“

„Ich meine nicht die Ermittlungen.“

Wieder Stille.

„Du hast gesagt, bei Rolf gibt es donnerstags immer was zu reparieren.“

„Gab es ja auch.“

Ich schloss die Augen.

„Markus.“

Er sagte lange nichts.

Dann: „Er war ziemlich allein.“

Ich lehnte die Stirn gegen die kühle Wand.

Wir waren als Ehepaar an vielem gescheitert. Das wurde durch diese Woche nicht ungeschehen.

Aber ich merkte, wie wenig von einem Menschen übrig bleibt, wenn man ihn nur noch durch die eigene Enttäuschung betrachtet.

„Danke, dass du ihn angerufen hast“, sagte ich.

„Sind sie gut zu euch?“

Aus der Küche hörte ich Emma lachen. Ingrid stritt mit einem Huhn vor der Terrassentür.

„Ja“, sagte ich. „Sehr.“


Wir blieben fünf Tage.

Die Polizei kümmerte sich um die Sicherheit. Rolf und seine Leute sorgten dafür, dass diese Tage nicht ausschließlich aus Warten bestanden.

Die Männer vor der Schule gehörten zu einer losen Helfergruppe. Ehemalige Kollegen, Nachbarn, zwei Frauen aus dem Handwerk. Die meisten waren zwischen Ende fünfzig und Anfang siebzig.

Sie reparierten Dinge für Menschen, die sich Hilfe kaum leisten konnten. Eine klemmende Wohnungstür. Eine morsche Gartenstufe. Einen wackelnden Tisch im Seniorentreff.

Nach Rolfs Rückzug hatte Markus ihm irgendwann einen solchen Auftrag vermittelt.

Dann noch einen.

Aus einem Donnerstag waren regelmäßige Treffen geworden.

„Wir nennen uns nicht Verein“, erklärte Ingrid. „Sobald es einen Vorstand gibt, streiten sie nur über die Kaffeemaschine.“

Nicht alle kamen zum Hof. Die Polizei wollte keine wechselnden Besucher, und daran hielten sie sich.

Aber es kamen Dinge.

Ein frisch gewaschenes Nachthemd für mich, das Anja aus meiner Wohnung geholt hatte. Schulmaterial für Emma. Ein Topf Gulasch, der für mindestens zwölf Menschen reichte.

Auf dem Deckel klebte ein Zettel: Kann man einfrieren.

Rolf reparierte währenddessen die Schaukel.

Nicht weil sie gefährlich war. Sie quietschte nur.

Emma hielt ihm die Unterlegscheiben hin und bestand darauf, jede einzeln anzureichen.

Am vierten Nachmittag entdeckte ich die beiden im Garten. Rolf saß auf einem niedrigen Hocker und ließ sich von meiner Tochter die Regeln eines Kartenspiels erklären.

„Du hast schon wieder falsch gelegt.“

„Das hab ich früher immer so gemacht.“

„Dann hast du es früher falsch gemacht.“

Er nickte ernst.

„Wird wohl so sein.“


Später saßen wir auf der Bank hinter dem Haus.

Emma war bei Ingrid.

„Haben Sie Kinder?“, fragte ich.

„Einen Sohn. Zwei Enkel.“

„Wohnen die hier?“

„Vierhundert Kilometer weg.“

Er rieb über die Knie.

„Wir telefonieren sonntags.“

Ich hörte etwas in seiner Stimme.

„Reicht Ihnen das?“

Er schüttelte den Kopf.

„Hab ich ihm aber lange nicht gesagt. Wollte nicht betteln.“

Er zog ein kleines Klapphandy aus der Hosentasche.

„Gestern hab ich gefragt, ob ich in den Herbstferien kommen kann.“

„Und?“

„Er hat gefragt, warum ich überhaupt frage.“

Rolf schaute auf den dunklen Bildschirm.

„Man macht sich manches schwer.“

Ich dachte an Markus. An Gespräche, die ich seit Jahren mit einer fertigen Antwort im Kopf begonnen hatte.

„Ja“, sagte ich.

Mehr brauchte es nicht.


Am fünften Abend klingelte mein Handy.

Die zuständige Beamtin erklärte, dass mehrere Verdächtige festgenommen worden seien. Die unmittelbare Bedrohung werde nach dem aktuellen Ermittlungsstand anders bewertet. Weitere Vorsichtsmaßnahmen würden persönlich mit uns besprochen.

Es klang sachlich und vorsichtig.

Ich war froh darüber. Nach diesen Tagen hätte ich niemandem geglaubt, der mir versprochen hätte, nun könne nie wieder etwas passieren.

Dann sagte sie: „Ein Besuch bei Ihrem Mann ist morgen möglich.“

Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe.

Emma kam aus dem Wohnzimmer.

„Was ist?“

Ich streckte die Arme aus.

„Wir fahren morgen zu Papa.“

Sie kam so schnell, dass ich beinahe das Telefon fallen ließ.

Rolf stand in der Küchentür. Er fragte nichts.

Er sah mein Gesicht und nickte einmal.

Dann ging er hinaus, um im Schuppen etwas zu erledigen.

Ingrid schaute ihm nach.

„Wenn er gleich wiederkommt, hat er bloß Staub ins Auge gekriegt“, sagte sie.


Im Krankenhaus blieb Emma zunächst in der Tür stehen.

Markus saß aufrecht im Bett. Ein Arm war verbunden, auf dem Nachttisch standen Wasser und ein unangetasteter Pudding.

„Na, du“, sagte er.

Emma ging langsam zu ihm.

„Darf ich dich drücken?“

„Unbedingt. Nur links ein bisschen vorsichtig.“

Sie kletterte auf den Stuhl neben dem Bett und legte den Kopf an seine Schulter.

Ich sah weg, weil ich diesen Augenblick nicht mit meinem Weinen füllen wollte.

Rolf wartete auf dem Flur.

Erst später kam er herein.

Markus streckte ihm die gesunde Hand entgegen.

Rolf nahm sie.

Lange sagte keiner etwas.

Dann flüsterte Markus: „Danke.“

„Die Kleine hat mich beim Kartenspielen beschissen“, sagte Rolf.

„Hab ich nicht!“, rief Emma.

Markus lachte und verzog sofort das Gesicht.

„Nicht so lustig, bitte.“

Rolf zog einen Stuhl heran und setzte sich.

Er blieb nicht lange. Aber als er aufstand, hielt Markus seine Hand noch einmal fest.

Diesmal musste niemand etwas sagen.


Unsere Rückkehr war unspektakulär.

Es gab Gespräche, neue Absprachen und einige Wochen, in denen ich beim Klingeln an der Wohnungstür zusammenzuckte. Emma brauchte länger zum Einschlafen. Ich nahm Hilfe an, auch als die akute Gefahr vorbei war.

Markus und ich wurden nicht plötzlich wieder ein Paar.

Aber wir hörten einander besser zu.

Und donnerstags fragte ich nicht mehr gereizt, was denn diesmal in dieser Werkstatt so dringend sei.

Manchmal fuhren Emma und ich mit.

Rolf hatte sie wieder geöffnet, zunächst nur an zwei Nachmittagen. Auf dem alten Schreibtisch stand ein Foto seiner Frau. Daneben lagen Rechnungen, Buntstifte und inzwischen ein Kartenspiel.

Emma machte dort manchmal ihre Hausaufgaben.

Wenn sie mit Mathematik fertig war, durfte sie unter Aufsicht Holzreste glatt schleifen.

Sie nannte Rolf nicht Opa.

Er erwartete es auch nicht.

Aber er wusste irgendwann, an welchem Tag sie ihren Schwimmkurs hatte. Und sie wusste, dass er seinen Kaffee ohne Zucker trank, obwohl sie ihm hartnäckig einredete, mit Zucker sei er weniger bitter.


Im Dezember halfen wir bei einer kleinen Bescherung im Nachbarschaftshaus.

Die Handwerker hatten gebrauchte Puppenbetten instand gesetzt, Holzautos gebaut und Spielzeug gereinigt. Es gab keine Bühne und keine große Rede. Auf einem Tisch standen Kaffee, Mandarinen und zu viele selbst gebackene Plätzchen.

Rolf trug seinen dunkelblauen Pullover.

Ein kleiner Junge versteckte sich zunächst hinter seinem Vater, als er den großen Mann sah.

Ich erkannte diesen Blick.

Rolf bemerkte ihn ebenfalls. Er ging nicht auf das Kind zu. Er setzte sich an einen Tisch und begann, an einem Holzkran die Schnur zu entwirren.

Nach einer Weile stand der Junge neben ihm.

„Ist der echt?“

„Hebt echte Bauklötze.“

„Darf ich?“

Rolf schob ihm den Kran hin.

Emma sah zu mir auf.

„Am Anfang hattest du auch Angst vor ihm.“

Ich nickte.

„Ja.“

„Wegen seinem Gesicht?“

„Weil ich ihn nicht kannte. Und weil ich an dem Morgen vor allem Angst hatte.“

Sie dachte kurz nach und ging dann zu Rolf.

Am Abend half ich beim Aufräumen. Durch die offene Tür sah ich, wie er sich mühsam nach einem heruntergefallenen Buntstift bückte.

Emma hob ihn vorher auf und legte ihn in seine vernarbte Hand.

„Nächsten Donnerstag wieder?“, fragte sie.

Rolf sah zu mir.

„Wenn deine Mama nichts dagegen hat.“

Früher hätte ich wahrscheinlich erst an Hausaufgaben gedacht, an Fahrerei, an alles, was ohnehin schon im Kalender stand.

Ich nahm ihm die leere Kaffeekanne ab.

„Wir bringen Kuchen mit.“

Er nickte und griff nach den gestapelten Stühlen.

Den Buntstift hatte er noch immer in der Hand.

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