Mit 52 wurde Viktoria wegen ihrer Scheidung versetzt – dann stellte ein kleines Mädchen im Restaurant eine Frage, die drei verletzte Herzen veränderte
Viktoria Stein strich zum dritten Mal über ihr dunkelgrünes Kleid und versuchte, die kleine Falte an der Hüfte zu glätten.
Sie wusste selbst, dass die Falte nicht das Problem war.
Das Problem war der leere Stuhl gegenüber.
Es war kurz vor Weihnachten. Über den Fenstern des kleinen Restaurants hingen warme Lichterketten, aus den Lautsprechern erklang leise ein altes Weihnachtslied, das Viktoria noch aus ihrer Kindheit kannte.
Damals hatte ihre Mutter beim Plätzchenbacken mitgesungen.
Heute saß Viktoria mit 52 Jahren allein an einem Tisch für zwei und fühlte sich wieder wie das unsichere Mädchen, das beim Tanzkurs immer zuletzt aufgefordert worden war.
Die Reservierung lief auf den Namen Jochen Heller.
Ihre Freundin Sabine hatte das Treffen eingefädelt.
„Er ist zuverlässig“, hatte Sabine gesagt. „Ein ruhiger Mann. Verwitwet ist er nicht, geschieden auch nicht. Er hat sein Leben im Griff und sucht etwas Ernstes.“
Als wäre Liebe eine freie Stelle, für die man nur die passenden Unterlagen einreichen musste.
Viktoria hatte zunächst abgelehnt.
Nach ihrer Scheidung vor sechs Jahren hatte sie sich geschworen, nie wieder einem Mann zu erlauben, ihr das Gefühl zu geben, nicht genug zu sein.
Sie arbeitete als Kinderkrankenschwester in einer Klinik am Stadtrand. Nachtdienste, Wochenenden, Weihnachten auf Station – sie hatte alles übernommen, was andere gern abgaben.
Es war leichter, sich um kranke Kinder zu kümmern, als sich um die eigene Einsamkeit.
Tagsüber brauchte man sie.
Nachts wartete nur ihre Zweizimmerwohnung auf sie.
Ein stiller Flur.
Ein einzelner Teller im Schrank.
Ein Bett, dessen zweite Hälfte längst zur Ablage für Bücher und frisch gefaltete Wäsche geworden war.
Lange hatte Viktoria behauptet, sie genieße ihre Freiheit.
Sie könne sonntags ausschlafen, wann immer sie nicht arbeiten musste. Sie müsse niemandem erklären, warum sie den Fernseher beim Tatort nach zwanzig Minuten ausschaltete. Sie könne ihre Heizung so hoch drehen, wie sie wollte.
Doch in Wahrheit war die Stille mit jedem Jahr schwerer geworden.
Besonders im Dezember.
Viktoria sah auf die Uhr.
19.15 Uhr.
Jochen war fünfzehn Minuten zu spät.
Der Kellner hatte ihr Wasserglas bereits zweimal nachgefüllt. Beim zweiten Mal hatte er ihr dieses vorsichtige, mitleidige Lächeln geschenkt, das schlimmer war als jede direkte Frage.
„Möchten Sie vielleicht schon etwas bestellen?“
„Ich warte noch einen Moment“, sagte Viktoria.
Sie lächelte, als wäre das Warten ihre freie Entscheidung.
Um 19.28 Uhr vibrierte ihr Handy.
Für einen kurzen Augenblick hob sich ihr Herz.
Dann las sie die Nachricht.
„Hallo Viktoria. Tut mir leid, aber ich glaube, das passt doch nicht. Sabine hat erwähnt, dass du geschieden bist und keine Kinder hast. In unserem Alter hat das meistens Gründe und bringt oft viel seelischen Ballast mit. Ich wünsche dir trotzdem alles Gute.“
Viktoria starrte auf den Bildschirm.
Sie las die Nachricht ein zweites Mal.
Dann ein drittes Mal.
Seelischer Ballast.
So also nannte man ein halbes Leben.
Ihre Ehe.
Die Fehlgeburten.
Die jahrelangen Behandlungen.
Die Hoffnung, die jedes Mal mit einem negativen Test in einem Badezimmer zusammengebrochen war.
Den Mann, der ihr irgendwann erklärt hatte, er wolle doch keine Kinder mehr – und zwei Jahre später mit einer jüngeren Frau Vater geworden war.
Seelischer Ballast.
Viktoria spürte, wie ihre Augen brannten.
Sie blinzelte schnell und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Nicht hier.
Nicht vor all den Menschen.
Am Nebentisch prostete sich ein älteres Ehepaar zu. Weiter hinten lachte eine Familie, während ein Junge versuchte, eine Serviette zu einem Hut zu falten.
Viktoria zog ihren Mantel von der Stuhllehne.
Sie würde nach Hause fahren.
Sie würde Sabine schreiben, dass es nicht gepasst habe. Vielleicht würde sie sich eine Suppe warm machen, die sie am Vortag gekocht hatte.
Und morgen würde sie wieder so tun, als wäre nichts geschehen.
„Entschuldigung?“
Die Stimme war so leise, dass Viktoria zuerst glaubte, sie habe sich verhört.
„Entschuldigung, warum weinen Sie?“
Viktoria drehte sich um.
Neben ihrem Tisch stand ein kleines Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt.
Sie trug ein rotes Samtkleid mit einem weißen Kragen. Ihre hellbraunen Haare waren zu zwei ungleichen Zöpfen gebunden, einer saß deutlich höher als der andere.
Unter dem Arm hielt sie einen abgenutzten Stoffhasen, dessen linkes Ohr nur noch an wenigen Fäden hing.
Das Mädchen sah Viktoria mit ernsten grauen Augen an.
Nicht neugierig.
Besorgt.
„Ich weine nicht“, sagte Viktoria automatisch.
Das Mädchen legte den Kopf schief.
„Doch. Nur leise.“
Viktoria musste trotz allem lächeln.
„Vielleicht bin ich ein bisschen traurig.“
„Hat jemand etwas Gemeines gesagt?“
Die direkte Frage traf Viktoria unerwartet.
„So ähnlich.“
„Mein Papa sagt, manche Menschen sagen gemeine Sachen, weil sie zu feige sind, ehrlich nett zu sein.“
„Dein Papa scheint ein kluger Mann zu sein.“
„Manchmal“, sagte das Mädchen. „Aber er vergisst oft die Brotdose.“
Viktoria lachte leise.
In diesem Moment kam ein Mann auf sie zu.
Er war groß, aber leicht gebeugt, als trüge er seit Jahren etwas Unsichtbares auf den Schultern. In seinem dunklen Haar lagen graue Strähnen, und unter seinen Augen zeichneten sich tiefe Müdigkeitsringe ab.
Sein Anzug war ordentlich, doch die Krawatte saß schief.
„Leni“, sagte er außer Atem. „Du kannst nicht einfach zu fremden Leuten gehen.“
„Aber sie ist traurig.“
„Das sehe ich.“
Sein Blick fiel auf Viktorias halb angezogenen Mantel, auf den leeren Stuhl und schließlich auf das Handy, das vor ihr auf dem Tisch lag.
Sein Gesicht wurde weicher.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Meine Tochter hat ein sehr großes Herz und leider noch keinen eingebauten Abstandshalter.“
„Das ist in Ordnung“, antwortete Viktoria. „Sie war sehr freundlich.“
„Ich heiße Martin Bergmann.“
„Viktoria Stein.“
Leni hielt ihren Stoffhasen hoch.
„Und das ist Herr Hoppel. Er spricht nicht mit Fremden, aber er hört gut zu.“
„Das ist manchmal mehr wert“, sagte Viktoria.
Martin sah sie einen Moment lang schweigend an.
Dann deutete er auf den leeren Stuhl.
„Ist Ihr Begleiter…?“
„Er kommt nicht.“
Viktoria wollte es sachlich sagen.
Doch ihre Stimme brach beim letzten Wort.
Sie räusperte sich.
„Er hat mir geschrieben, dass ich mit 52 wohl zu viel Ballast hätte.“
Martin verzog das Gesicht.
„Dann hat er sich vermutlich selbst den größten Gefallen getan, indem er ferngeblieben ist.“
Viktoria hob überrascht den Blick.
„Sie meinen, mir.“
„Nein“, sagte Martin. „Sich selbst. Er hätte sonst den ganzen Abend damit leben müssen, dass neben ihm eine kluge Frau sitzt und merkt, wie klein er ist.“
Leni nickte ernst.
„Papa kann Menschen gut beleidigen, ohne Schimpfwörter zu benutzen.“
„Das war keine Beleidigung“, sagte Martin.
„Oma sagt, das behauptest du immer.“
Viktoria lachte erneut.
Diesmal fühlte es sich nicht gezwungen an.
Martin blickte zu einem Tisch in der Nähe. Dort saß ein älteres Paar. Die Frau hatte kurzes silbernes Haar und trug eine dunkelblaue Bluse. Der Mann neben ihr hatte eine selbst gebastelte Papierkrone auf dem Kopf.
Auf der Krone stand mit krakeligen Buchstaben: OPA 70.
„Wir feiern den Geburtstag meines Vaters“, erklärte Martin. „Meine Mutter bestellt grundsätzlich Essen für doppelt so viele Menschen, wie tatsächlich kommen.“
„Weil Reste am nächsten Tag besser schmecken“, rief die ältere Frau vom Tisch herüber.
Martin lächelte.
„Sehen Sie? Sie hört alles.“
Dann wurde er wieder ernst.
„Das klingt vielleicht etwas seltsam, Frau Stein, aber möchten Sie sich zu uns setzen? Nur zum Essen. Ohne Verpflichtung, ohne Fragen, ohne… seelische Gepäckkontrolle.“
Viktoria wusste sofort, was vernünftig gewesen wäre.
Ablehnen.
Sich bedanken.
Nach Hause gehen.
Man setzte sich nicht zu fremden Menschen. Schon gar nicht, wenn man gerade gedemütigt worden war und jederzeit wieder anfangen konnte zu weinen.
Doch Leni nahm vorsichtig ihre Hand.
„Es gibt Schokoladenkuchen“, flüsterte sie. „Opa hat gesagt, er teilt. Obwohl er heute alt geworden ist.“
„Siebzig ist nicht alt“, rief der Mann mit der Papierkrone.
„Älter als Papa“, antwortete Leni.
„Das ist kein Maßstab.“
Viktoria blickte zu Martin.
Seine Augen waren warm, aber nicht fordernd.
Er wollte sie nicht retten.
Er bot ihr lediglich einen Platz an.
Wann hatte zuletzt jemand ihre Gesellschaft gewollt, ohne vorher eine Liste von Bedingungen abzugleichen?
„Nur wenn ich wirklich nicht störe“, sagte sie.
„Sie stören nicht“, antwortete Martin.
Leni zog Viktoria sofort in Richtung des Tisches.
„Ich wusste, dass Sie mitkommen.“
„Woher?“
„Traurige Menschen brauchen manchmal Kuchen.“
Die ältere Frau stand auf und schob einen Stuhl frei.
„Ich bin Ingrid“, sagte sie. „Das Geburtstagskind mit der Krone ist mein Mann Karl.“
Karl reichte Viktoria die Hand.
„Jede Freundin von Leni ist auch unsere Freundin. Allerdings müssen Sie wissen, dass sie Menschen manchmal innerhalb von drei Minuten adoptiert.“
„Nur die guten“, sagte Leni.
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