Als die kleine Emma allein am verschneiten Rastplatz stand, ahnte Katharina nicht, dass diese Begegnung ihr ganzes sorgfältig geplantes Leben zerbrechen würde
„Entschuldigung … können Sie mir helfen? Ich finde meinen Papa nicht mehr.“
Katharina Bergmann blieb mitten in der Bewegung stehen.
Eigentlich wollte sie gerade wieder in ihren Wagen steigen. Noch knapp zwei Stunden bis Frankfurt, drei unbeantwortete Nachrichten ihres Bereichsleiters, eine Präsentation für Montag und ein Kunde, der selbst am Wochenende glaubte, die Welt würde zusammenbrechen, wenn Katharina nicht innerhalb von zehn Minuten zurückrief.
Doch jetzt stand da dieses kleine Mädchen.
Vielleicht fünf Jahre alt.
Blonde Zöpfe, eine rote Strickmütze, graue Wollstrumpfhose und ein dunkelblauer Wintermantel, dessen oberster Knopf falsch geschlossen war. Ihre Nase war rot vor Kälte.
Sie hielt einen Stoffhasen unter den Arm.
Und sie versuchte mit aller Kraft, nicht zu weinen.
Katharina war 47.
Seit fast zwanzig Jahren führte sie eine erfolgreiche mittelständische Beratungsfirma. Sie besaß eine Eigentumswohnung, einen neuen Wagen, einen Weinkühlschrank, den sie kaum benutzte, und eine Küche, die aussah, als hätte noch nie jemand darin Kartoffeln geschält.
Auf ihrem Schreibtisch standen zwei Preise für unternehmerische Leistungen.
Familienfotos standen dort keine.
„Wie heißt du?“, fragte Katharina und ging in die Hocke.
„Emma.“
„Und dein Nachname?“
Das Mädchen dachte angestrengt nach.
„Reuter. Emma Marie Reuter.“
„Gut, Emma Marie. Und dein Papa?“
„Matthias.“
Jetzt bebte ihre Unterlippe.
„Wir wollten nur ein bisschen in den Schnee gehen. Papa hat gesagt, wir laufen bis zu den großen Tannen und wieder zurück. Dann habe ich einen Vogel gesehen.“
Sie zeigte in Richtung des Waldrandes.
„Ich bin stehen geblieben. Danach war Papa weg.“
Katharina richtete sich langsam auf.
Der kleine Rastplatz lag an einer Landstraße im Taunus. Kein richtiges Rasthaus, nur ein Parkplatz, zwei Holzbänke, ein Mülleimer und ein schmaler Wanderweg, der zwischen den Bäumen verschwand.
Die Dämmerung kam früh.
Und die Wolken über den Hügeln wurden bereits dunkel.
„Wie lange bist du schon hier?“
Emma zuckte mit den Schultern.
„Lange.“
„Hast du gerufen?“
„Ganz laut.“
„Hat jemand geantwortet?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Katharina zog sofort ihr Telefon heraus und rief die Rettungsleitstelle an.
Sie schilderte die Situation, nannte den Parkplatz und bekam die Antwort, dass Einsatzkräfte unterwegs seien. Wegen der glatten Straßen und der abgelegenen Lage könne es jedoch dauern.
Katharina blickte zum Wald.
Dann zu Emma.
„Wo genau bist du aus dem Wald gekommen?“
Das Mädchen zeigte auf eine Lücke zwischen zwei Tannen.
„Da.“
Katharina wusste genau, was vernünftig gewesen wäre.
Im Auto bleiben.
Das Mädchen warmhalten.
Auf professionelle Hilfe warten.
So hatte sie ihr gesamtes Erwachsenenleben verbracht: Risiken berechnen, Entscheidungen absichern, nichts dem Zufall überlassen.
Aber dann griff Emma nach ihrer Hand.
„Was, wenn Papa hinfällt und mich sucht?“
Dieser eine Satz traf Katharina härter, als sie erwartet hatte.
Sie dachte plötzlich an ihren eigenen Vater.
An seinen letzten Winter.
An den Nachmittag vor zwölf Jahren, als er sie angerufen hatte.
„Hast du am Sonntag Zeit?“
Sie hatte damals zwischen zwei Besprechungen gestanden.
„Dieses Wochenende ist schwierig, Papa.“
„Schon gut.“
„Nächstes Wochenende bestimmt.“
Nächstes Wochenende kam nie.
Drei Tage später erlitt er einen Herzinfarkt.
Katharina hatte sich seitdem eingeredet, dass Erwachsene Entscheidungen treffen müssten. Dass man nicht überall gleichzeitig sein könne. Dass Schuld niemanden zurückbringe.
Aber manche Sätze verschwinden nicht.
Sie schlafen nur.
Bis ein fremdes Kind an einem verschneiten Parkplatz deine Hand nimmt.
Katharina öffnete ihren Kofferraum und holte eine Taschenlampe, eine Warnweste und eine kleine Decke heraus, die sie seit Jahren als Notfallausrüstung mitführte.
Sie wickelte Emma die Decke zusätzlich um die Schultern.
„Wir gehen nur ein kleines Stück“, sagte sie. „Ganz langsam. Und du bleibst die ganze Zeit neben mir.“
Emma nickte.
„Versprochen.“
Katharina schickte ihrer Assistentin ihren Standort und schrieb nur:
„Falls ich mich in 20 Minuten nicht melde: Rettungsdienst ist informiert.“
Dann gingen sie los.
Der Schnee unter ihren Schuhen knirschte.
Zwischen den Tannen war es bereits deutlich dunkler als auf dem Parkplatz.
Katharina leuchtete auf den Boden.
Tatsächlich.
Kleine Fußabdrücke.
Sie führten tiefer in den Wald.
„Sind das deine?“
Emma sah hin.
„Ich glaube schon.“
Katharina folgte den Spuren rückwärts.
Alle paar Meter rief das Mädchen:
„Papa!“
Katharina rief ebenfalls.
„Herr Reuter! Matthias Reuter! Können Sie uns hören?“
Nichts.
Nur das dumpfe Geräusch von Schnee, der von einem Ast rutschte.
Nach einigen Minuten merkte Katharina, wie ungeeignet ihre Stiefel für den Untergrund waren. Sie hatte sie morgens im Hotel getragen, weil sie zum dunkelgrünen Wollmantel passten.
Solche Dinge waren ihr wichtig gewesen.
Außenwirkung.
Ordnung.
Kontrolle.
Jetzt sank der Absatz ständig in den Schnee.
Emma dagegen stapfte mit einer erstaunlichen Entschlossenheit weiter.
„Du bist ganz schön weit gelaufen“, sagte Katharina.
„Ich dachte immer, Papa ist hinter dem nächsten Baum.“
Dann blieb das Mädchen stehen.
„War ich böse, weil ich nicht bei ihm geblieben bin?“
Katharina kniete sich zu ihr.
„Nein.“
„Aber Papa hat gesagt, ich soll immer in seiner Nähe bleiben.“
„Manchmal passieren Dinge, obwohl niemand böse war.“
Emma sah sie misstrauisch an.
„Auch Erwachsenen?“
Katharina musste beinahe lachen.
„Vor allem Erwachsenen.“
Das Mädchen schien kurz darüber nachzudenken.
Dann gingen sie weiter.
Nach etwa zehn Minuten waren Emmas Spuren schwerer zu erkennen. Der Schnee fiel dichter.
Katharina spürte, wie Unruhe in ihr hochstieg.
Sie wollte gerade umkehren, als Emma plötzlich den Kopf hob.
„Da!“
Katharina hörte nichts.
„Was?“
„Jemand hat gerufen.“
Beide standen still.
Dann kam es wieder.
Schwach.
„Emma!“
Das Mädchen riss die Augen auf.
„Papa!“
Sie wollte losrennen.
Katharina hielt sie fest.
„Nicht allein. Wir gehen zusammen.“
„Papa!“
Wieder die Stimme.
„Emma! Hier!“
Sie folgten dem Ruf durch dichtes Gestrüpp und entdeckten schließlich einen Mann am Fuß einer alten Fichte.
Er saß halb im Schnee.
Ein Bein lag unter einem schweren abgebrochenen Ast.
Seine Mütze war verschwunden. An seiner Stirn war eine kleine Schramme zu sehen, sein Gesicht war bleich.
Als er Emma erblickte, veränderte sich sein Ausdruck vollständig.
„Mein Gott.“
Seine Stimme brach.
„Emma.“
Das Mädchen lief die letzten Meter zu ihm.
„Papa!“
Matthias zog sie so weit an sich, wie es seine Lage zuließ.
„Bist du verletzt?“
„Nein.“
„Wo warst du?“
„Ich habe Hilfe geholt.“
Sie zeigte stolz auf Katharina.
„Das ist Frau Bergmann.“
Katharina trat näher.
„Katharina reicht.“
Matthias schloss für einen Moment die Augen.
„Danke.“
Nur ein Wort.
Aber Katharina hörte darin die Angst eines Vaters, der vermutlich seit einer Ewigkeit nicht wusste, ob sein Kind sicher war.
„Was ist passiert?“
„Ich bin auf einer vereisten Stelle weggerutscht.“
Er zeigte auf den Hang.
„Dabei hat sich wohl der tote Ast gelöst. Mein Bein steckt fest. Ich habe versucht, ihn wegzuschieben, aber keine Chance.“
Katharina leuchtete auf den Ast.
Er war dick.
Zu dick für eine einzelne Person.
„Tut das Bein stark weh?“
Matthias lächelte gequält.
„Sagen wir so: Ich würde gerade nicht freiwillig damit zum Bäcker laufen.“
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