Sie wollte mit ihrer Tochter wieder gehen – doch am Tisch des fremden Mannes saß ein Junge, der alles veränderte
„Mama, wenn wir jetzt wieder nach Hause fahren, wirst du morgen traurig sein.“
Klara Neumann blieb mitten vor der schweren Glastür stehen.
Ihre fünfjährige Tochter Leni hielt ihre Hand fest umklammert. So fest, als könnte sie ihre Mutter damit daran hindern, davonzulaufen.
Klara sah durch die hohen Fenster des Restaurants.
Gedämpftes Licht. Weiße Tischdecken. Schwere Vorhänge. Menschen in Kleidung, bei der sie vermutlich nicht auf das Preisschild gesehen hatten.
Ihr eigener dunkelblauer Rock war zwölf Jahre alt.
Die beigefarbene Bluse hatte sie am Nachmittag noch schnell gebügelt, während Leni am Küchentisch ihre Buntstifte sortierte.
„Vielleicht bin ich morgen gar nicht traurig“, murmelte Klara.
Leni verzog den Mund.
„Doch.“
Kinder konnten grausam ehrlich sein.
Klara war neununddreißig Jahre alt und hatte in den vergangenen fünf Jahren gelernt, mit fast allem allein fertigzuwerden.
Mit Fiebernächten.
Mit kaputten Waschmaschinen.
Mit Kita-Schließzeiten.
Mit Briefen vom Vermieter.
Mit einem Kontostand, der regelmäßig dafür sorgte, dass sie im Supermarkt im Kopf mitrechnete.
Nur mit einem konnte sie schlecht umgehen:
Hoffnung.
Denn Hoffnung war gefährlich.
Wer nichts erwartete, konnte auch nicht enttäuscht werden.
Genau nach diesem Prinzip hatte Klara gelebt, seit Lenis Vater verschwunden war.
Nicht dramatisch.
Nicht mit Geschrei.
Nicht einmal mit einer anderen Frau.
Er hatte eines Abends am Küchentisch gesessen, Leni war damals acht Monate alt gewesen, und gesagt:
„Ich glaube, ich kann das nicht.“
Klara hatte zuerst gedacht, er meine das nächtliche Aufstehen.
Oder die Verantwortung.
Oder vielleicht ihre Beziehung.
Am nächsten Morgen verstand sie, dass er alles gemeint hatte.
Er packte zwei Taschen.
Drei Wochen später zog er in eine andere Stadt.
Ein halbes Jahr danach kamen die Nachrichten nur noch zu Weihnachten.
Dann gar nicht mehr.
Seitdem arbeitete Klara als Rechtsanwaltsfachangestellte in einer kleinen Kanzlei am Rand von Hannover.
Acht Stunden offiziell.
Meistens neun.
Manchmal zehn.
Abends las sie Leni trotzdem noch eine Geschichte vor, auch wenn ihre Augen dabei schwer wurden.
Sie machte Brotdosen.
Sie nähte abgerissene Knöpfe an.
Sie kannte jedes Lied, das Leni im Kindergarten gelernt hatte.
Und an schlechten Tagen weinte sie erst dann, wenn ihre Tochter schlief.
Ihre Freundin Sabine hatte ihr seit Monaten in den Ohren gelegen.
„Du bist noch keine achtzig.“
„Ich fühle mich aber manchmal so.“
„Dann brauchst du erst recht jemanden.“
„Ich brauche Schlaf.“
„Klara.“
„Und einen neuen Staubsauger.“
Sabine hatte trotzdem nicht aufgegeben.
Irgendwann erzählte sie von einem Mann namens Martin Falk.
Vierundvierzig.
Geschäftsführer eines mittelständischen Beratungsunternehmens.
Witwer.
Ein Sohn.
„Nein“, hatte Klara sofort gesagt.
„Du hast ihn noch nicht mal gesehen.“
„Geschäftsführer reicht mir.“
„Was soll das heißen?“
„Dass der vermutlich Hemden besitzt, die mehr kosten als mein Kühlschrank.“
Sabine hatte gelacht.
Klara nicht.
Trotzdem hatte sie schließlich zugesagt.
Ein Abend.
Ein Essen.
Mehr nicht.
Und dann hatte zwei Stunden vor dem Treffen die Babysitterin abgesagt.
Klara war fast erleichtert gewesen.
Endlich ein vernünftiger Grund, nicht hinzugehen.
Doch Sabine hatte Martin angerufen.
Als sie zurückrief, sagte sie nur:
„Nimm Leni mit.“
Klara hatte geglaubt, sich verhört zu haben.
„Zu einem ersten Treffen?“
„Er weiß Bescheid.“
„In dieses Restaurant?“
„Ja.“
„Mit einem fünfjährigen Kind?“
„Klara, wenn ein Mann ein Problem damit hat, dass deine Tochter zu deinem Leben gehört, erfährst du es lieber beim ersten Abend als nach sechs Monaten.“
Dieser Satz hatte gesessen.
Also standen sie nun hier.
Leni in ihrem liebsten roten Kleid.
Klara mit schwitzenden Händen.
Und einer Stimme im Kopf, die immer wieder sagte:
Geh nach Hause.
„Mama.“
Leni zog erneut an ihrer Hand.
„Wir schaffen das.“
Klara sah auf sie hinunter.
Dieser kleine Mensch hatte keine Ahnung, wie oft ihre Mutter nachts Angst hatte.
Aber manchmal sprach sie Sätze, als hätte sie schon ein ganzes Leben hinter sich.
Klara atmete tief ein.
„Gut.“
Leni strahlte.
„Aber du bleibst bei mir.“
„Versprochen.“
Sie gingen hinein.
Schon nach drei Schritten wollte Klara wieder umdrehen.
Der Boden glänzte.
Ein Kellner trug Teller vorbei, auf denen Portionen lagen, die aussahen wie kleine Kunstwerke.
An einem Tisch sprach ein älteres Ehepaar so leise miteinander, dass Klara plötzlich jedes Geräusch ihrer eigenen Schuhe hörte.
Die Empfangsdame musterte sie kurz.
Nicht unfreundlich.
Aber lange genug.
„Guten Abend.“
Klara räusperte sich.
„Ich bin mit Herrn Falk verabredet.“
Sofort veränderte sich der Ausdruck der Frau.
„Natürlich. Herr Falk wartet bereits.“
Klaras Magen zog sich zusammen.
Sie folgten ihr durch den Raum.
Leni schaute begeistert nach links und rechts.
Klara dagegen sah nur die Menschen.
Die gepflegten Frisuren.
Die Uhren.
Die Jacken.
Und plötzlich fühlte sie sich wieder wie mit zwanzig, als sie auf einer Hochzeit einmal das falsche Besteck benutzt hatte und ihre Schwiegermutter sie danach vor allen verbessert hatte.
Manche Erinnerungen wurden nicht kleiner.
Man lernte nur, sie besser zu verstecken.
Dann sah sie Martin.
Er saß an einem Tisch nahe dem Fenster.
Dunkles Sakko.
Offenes Hemd.
Graue Schläfen.
Ruhige Haltung.
Ein Mann, der aussah, als käme er selten zu spät und noch seltener ins Schleudern.
Klara spürte sofort dieses alte Gefühl.
Zu viel für mich.
Doch dann bemerkte sie den Jungen neben ihm.
Etwa sechs Jahre alt.
Braunes Haar, ein bisschen zu lang über den Ohren.
Ein dunkelgrüner Pullover.
Vor ihm lag eine Serviette, auf die er mit einem Bleistift kleine Lokomotiven zeichnete.
Martin stand auf.
Und lächelte.
Nicht dieses einstudierte Lächeln, das Klara von Mandanten kannte.
Ein echtes.
„Klara?“
„Ja.“
„Martin.“
Er gab ihr die Hand.
Dann ging er in die Hocke, damit er auf Lenis Augenhöhe war.
„Und du bist wahrscheinlich Leni.“
Leni nickte.
„Und du bist wahrscheinlich der Mann, den Mama nicht treffen wollte.“
Klara schloss die Augen.
Nur für eine Sekunde.
Martin schwieg.
Dann lachte er.
Laut.
Herzlich.
Sogar der Junge am Tisch grinste.
„Leni!“
„Was denn? Das hast du doch gesagt.“
Klara wollte im Boden versinken.
Martin richtete sich wieder auf.
„Dann muss ich mich wohl besonders anstrengen.“
Er deutete auf den Jungen.
„Das ist mein Sohn Jonas.“
Leni war sofort neben ihm.
„Magst du Züge?“
Jonas sah sie ernst an.
„Ja.“
„Ich kann Pferde malen.“
„Ich keine Pferde.“
„Dann zeig ich dir Pferde und du mir Züge.“
Jonas überlegte.
„Okay.“
Damit war die Sache für die Kinder offenbar geklärt.
Klara setzte sich.
Erst jetzt bemerkte sie, dass auch Martin etwas angespannt wirkte.
„Ich muss mich entschuldigen“, sagte sie. „Das war so nicht geplant.“
„Bei mir auch nicht.“
Er sah zu Jonas.
„Meine Betreuung ist heute ebenfalls ausgefallen.“
Klara blinzelte.
„Im Ernst?“
„Im Ernst.“
„Und deswegen ist er hier?“
„Jonas und ich essen freitagabends immer zusammen.“
Martin hob leicht die Schultern.
„Normalerweise nicht hier. Meistens irgendwo, wo Pommes auf der Karte stehen und niemand einen Herzinfarkt bekommt, wenn Ketchup auf die Tischdecke fällt.“
Klara musste lachen.
Zum ersten Mal an diesem Abend entspannte sich etwas in ihr.
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