Ein verzweifelter Vater bat die Kellnerin um einen unmöglichen Gefallen – wegen seiner sechsjährigen Tochter

Für zwei Stunden sollte sie seine Frau spielen – doch am Tisch sieben begann etwas, das keiner von ihnen je wieder losließ

„Sie sollen nicht wirklich ihre Mutter sein“, sagte der fremde Mann leise. „Nur heute Abend. Zwei Stunden. Ich bezahle Ihnen auch dafür.“

Anna Berger starrte ihn an.

Hinter ihm saß ein kleines Mädchen am Tisch sieben, die Hände ordentlich auf dem Schoß gefaltet. Vor ihr stand ein Glas Milch, das sie noch nicht angerührt hatte.

Das Mädchen sah nicht zu ihnen herüber.

Es tat so, als würde es die Speisekarte lesen.

Und genau deshalb brach Anna beinahe das Herz.

Es war kurz nach halb sieben, und im kleinen italienischen Lokal am Rand von Nürnberg herrschte der übliche Freitagabend-Wahnsinn. Teller klapperten, Bestellungen wurden gerufen, irgendwo lachte eine größere Geburtstagsrunde viel zu laut.

Anna war 29 und kannte diese Geräuschkulisse seit fast fünf Jahren.

Sie arbeitete hier, um ihre Weiterbildung zur Sozialpädagogin zu bezahlen. Andere in ihrem Alter hatten längst feste Stellen, Eigentumswohnungen oder wenigstens einen Plan, der nicht jeden Monat neu gerechnet werden musste.

Anna hatte vor allem Rechnungen.

Und einen alten Kleinwagen, bei dem im Winter die Heizung nur funktionierte, wenn man zweimal gegen das Armaturenbrett schlug.

Eigentlich hätte sie keine Zeit für die Probleme fremder Menschen haben dürfen.

Doch der Mann vor ihr wirkte nicht wie jemand, der ein Geschäft machen wollte.

Er wirkte wie jemand, der kurz davorstand, seinen Stolz zu verlieren.

„Noch einmal von vorne“, sagte Anna. „Was genau wollen Sie von mir?“

Der Mann atmete aus.

Er war vielleicht 38, trug einen dunkelblauen Anzug und ein weißes Hemd ohne Krawatte. Gepflegt, aber nicht auf jene aufdringliche Art, die nach Selbstdarstellung aussah.

Eher wie jemand, der direkt von der Arbeit gekommen war.

„Ich heiße Matthias Falk“, sagte er. „Das Mädchen dort ist meine Tochter Sophie.“

Anna nickte langsam.

Das wusste sie bereits.

Sie hatte die beiden vor zehn Minuten an den Tisch gebracht.

Sophie hatte ein dunkelrotes Kleid getragen, schwarze Lackschuhe und eine kleine Haarspange, die ständig verrutschte. Alles an ihr wirkte sorgfältig vorbereitet.

Fast zu sorgfältig.

„Sophie wird heute sechs“, fuhr Matthias fort.

Dann schwieg er.

Anna wartete.

„Ihre Mutter ist vor zweieinhalb Jahren gestorben.“

Sofort veränderte sich etwas zwischen ihnen.

Der Lärm des Restaurants blieb derselbe, und doch hörte Anna plötzlich nur noch die Worte dieses Mannes.

„Das tut mir leid.“

„Danke.“

Matthias blickte zu seiner Tochter.

„Heute Morgen hat Sophie im Kindergarten erzählt, ihre Mama würde sie am Abend zum Geburtstagsessen begleiten.“

Anna runzelte die Stirn.

„Die Erzieherin hat mich angerufen“, sagte Matthias. „Sie wusste natürlich, dass das nicht stimmen kann.“

Er rieb sich über die Stirn.

„Als ich Sophie darauf angesprochen habe, hat sie erst gar nichts gesagt. Später im Auto hat sie mir erklärt, dass die anderen Kinder ständig von ihren Müttern erzählen. Von Kuchen, Ausflügen, Elternabenden, Faschingskostümen.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Und dann hat sie gesagt: Papa, ich möchte nur einmal wissen, wie sich das anfühlt.“

Anna schluckte.

Matthias sah sie jetzt direkt an.

„Sie wollte heute Abend in ein Restaurant gehen und für ein paar Stunden so tun, als wäre ihre Mutter dabei.“

„Und deshalb fragen Sie eine Kellnerin?“

Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ich hatte keinen Plan.“

„Das merke ich.“

Zum ersten Mal musste er beinahe lachen.

Dann verschwand das Lächeln wieder.

„Ich weiß, wie verrückt das klingt.“

„Ziemlich verrückt.“

„Ich würde Ihnen 400 Euro geben.“

Anna hob sofort die Hand.

„Darüber reden wir gerade nicht.“

„Es soll keine Beleidigung sein.“

„Ich habe es auch nicht so verstanden.“

Sie schaute zu Sophie.

Das Mädchen saß noch immer kerzengerade.

Ein Kind sollte an seinem Geburtstag herumzappeln, Fragen stellen, Pommes verlangen und mit dem Strohhalm Blasen in die Milch pusten.

Sophie saß dort wie bei einem Vorstellungsgespräch.

„Hat sie mich ausgesucht?“, fragte Anna.

Matthias schüttelte den Kopf.

„Sie hat nur gesagt, die Frau müsse nett aussehen.“

Anna verzog den Mund.

„Das ist jetzt aber ein ziemlich schwaches Auswahlverfahren.“

Diesmal lachte Matthias wirklich, wenn auch nur für einen Augenblick.

„Als Sie an unseren Tisch kamen, hat Sophie mich unter der Speisekarte getreten.“

Anna sah ihn überrascht an.

„Und dann?“

„Dann hat sie geflüstert: Die wäre gut.“

Anna drehte sich weg, damit Matthias nicht sah, wie sehr sie dieser Satz traf.

Sie hatte mit Kindern immer gut umgehen können.

Vielleicht, weil sie selbst in einem Haushalt aufgewachsen war, in dem niemand viel Geld, aber jeder Zeit füreinander gehabt hatte.

Ihr Vater war Elektriker gewesen. Ihre Mutter hatte halbtags in einer Bäckerei gearbeitet. Sonntags gab es Braten, selbst wenn am Monatsende das Konto leer war.

Man diskutierte.

Man stritt.

Man vertrug sich.

Und wenn jemand Geburtstag hatte, saßen alle am Tisch.

Heute waren ihre Eltern beide über sechzig.

Ihr Vater beklagte sich über sein Knie.

Ihre Mutter schickte ihr Zeitungsausschnitte über sichere Berufe.

Manchmal nervte Anna das.

In diesem Augenblick erschien ihr selbst dieses Nerven wie ein Geschenk.

„Ich kann nicht einfach zwei Stunden verschwinden“, sagte sie.

Matthias nickte sofort.

„Natürlich.“

„Ich muss meinen Schichtleiter fragen.“

Seine Augen wurden groß.

„Heißt das, Sie überlegen es sich?“

Anna sah wieder zu Sophie.

Jetzt blickte das Mädchen doch herüber.

Nur für eine Sekunde.

Dann senkte sie sofort die Augen.

„Ich verspreche gar nichts“, sagte Anna.

Acht Minuten später stand Anna im Personalraum.

Ihr Schichtleiter Holger lehnte mit verschränkten Armen an einem Regal.

„Du willst mir erzählen, dass ein Gast dich braucht, damit du zwei Stunden bei ihm am Tisch sitzt?“

„Im Prinzip ja.“

„Anna.“

„Es ist kompliziert.“

„Offensichtlich.“

Sie erzählte ihm nicht jedes Detail.

Nur genug.

Holger war 57, seit einer Ewigkeit in der Gastronomie und behauptete gern, ihn könne nichts mehr überraschen.

Nach Annas Erklärung schwieg er eine ganze Weile.

„Wie alt ist die Kleine?“

„Sechs.“

Er sah zur Tür.

„Verdammter Mist.“

„Das heißt?“

„Das heißt, ich übernehme deine Tische. Aber wenn hier alles zusammenbricht, schuldest du mir einen Käsekuchen.“

Anna grinste.

„Zwei.“

„Und mach wenigstens deine Schürze ab.“

Im Waschraum löste Anna ihr Haar aus dem Pferdeschwanz.

Sie betrachtete sich im Spiegel.

Kein Make-up außer etwas Wimperntusche.

Eine kleine Narbe über der linken Augenbraue, seit sie mit zwölf vom Fahrrad gefallen war.

Fältchen hatte sie noch nicht viele, aber dafür Augenringe vom Lernen und Arbeiten.

Sie sah nicht aus wie eine Frau aus einem Hochglanzprospekt.

Sie sah einfach aus wie Anna.

„Was mache ich hier eigentlich?“, flüsterte sie.

Dann erinnerte sie sich an Sophie.

An diese viel zu ordentlich gefalteten Hände.

Anna ging durch die Hintertür hinaus, lief einmal um das Gebäude und kam durch den Haupteingang wieder herein.

Matthias bemerkte sie sofort.

Er stand auf.

Sophie drehte sich um.

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Dann ging Anna langsam zum Tisch.

„Na endlich“, sagte sie mit gespielter Empörung. „Ich dachte schon, ihr fangt ohne mich an.“

Sophie starrte sie an.

In ihren Augen lagen gleichzeitig Hoffnung und Angst.

Anna setzte sich neben sie.

„Tut mir leid, Schatz. Heute war alles durcheinander.“

Sophie öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Und dann kam dieses eine Wort.

Ganz leise.

„Mama?“

Anna hatte geglaubt, sie sei vorbereitet.

War sie nicht.

Ihr Hals wurde eng.

Sie legte ihre Hand neben Sophies kleine Finger, ohne das Mädchen sofort zu berühren.

„Alles Gute zum Geburtstag, Sophie.“

Das Kind lächelte.

Nicht breit.

Nicht ausgelassen.

Nur ein kleines, vorsichtiges Lächeln, als könnte etwas zerbrechen, wenn sie sich zu sehr freute.

„Ich bin sechs.“

„Sechs?“

Anna tat erschrocken.

„Dann bist du ja praktisch erwachsen.“

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