Jette kam jeden Tag um 14 Uhr zu ihm – selbst nach seinem Tod hörte sie nicht auf

Sechs Monate lang besuchte unsere Hündin meinen Vater jeden Tag um 14 Uhr im Krankenhaus, doch am Tag nach seinem Tod stand sie wieder mit der Leine an der Tür.

Um 13:59 Uhr stand Jette vor der Haustür.

Die Leine hing aus ihrem Maul. Ihre weiße Schwanzspitze wippte leicht hin und her. Sie schaute erst meine Schwester an, dann mich.

Als wollte sie sagen: Nun kommt schon. Wir sind spät dran. Papa wartet.

Mein Vater war seit nicht einmal 24 Stunden tot.

Keiner von uns wusste, wie man einem Hund erklärt, dass es diesmal keinen Besuch geben würde.

Jette war damals acht Jahre alt, eine Mischung aus Beagle und Schäferhund. Braun, etwas zu kurze Beine, lange weiche Ohren und eine weiße Schwanzspitze, die man selbst im Dunkeln sofort erkannte.

Sie gehörte meinem Vater Manfred Klose, 76.

Wobei „gehörte“ eigentlich das falsche Wort ist.

Die beiden gehörten zueinander.

Meine Mutter war viele Jahre zuvor gestorben. Danach lebte mein Vater allein in unserem alten Haus in einem kleinen Ort außerhalb von Kassel.

Nur Jette war immer bei ihm.

Er hatte sie mit knapp einem Jahr aus einem Tierheim geholt. Angeblich wollte er damals „nur mal schauen“.

Meine Schwester Ulrike, heute 48, und ich hatten schon gelacht, als er das sagte.

Unser Vater war ein Mann, der nicht einfach irgendwo „nur mal schaute“. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war die Sache meistens schon entschieden.

Am Nachmittag kam er mit Jette nach Hause.

Sie war damals nervös, laut und vollkommen unerzogen. Sie zog an der Leine, klaute Brot vom Tisch und folgte draußen jeder Spur, die interessanter roch als der Mensch am anderen Ende der Leine.

Mein Vater liebte sie vom ersten Tag an.

Und Jette ihn auch.

Wenn er morgens um sieben aufstand, stand sie mit ihm auf.

Wenn er sich nach dem Mittagessen in seinen alten Sessel setzte, legte sie sich an seine Füße.

Wenn er im Garten werkelte, lag sie neben dem Schuppen.

Und wenn er abends ins Bett ging, wartete sie im Flur, bis das Licht in seinem Schlafzimmer ausging.

Mein Vater hatte feste Gewohnheiten.

Jette kannte jede einzelne.

Er behauptete immer, sie könne die Uhr lesen.

Natürlich konnte sie das nicht.

Aber manchmal war es schwer, daran zu zweifeln.

Kurz vor sieben stand sie an der Tür und wollte ihre erste Runde laufen. Kurz vor zwölf saß sie in der Küche. Gegen halb vier stellte sie sich neben seinen Sessel, weil dann normalerweise der nächste Spaziergang kam.

Donnerstags wusste sie sogar, wann sein alter Freund vorbeischaute.

„Pass auf“, sagte Vater manchmal zu mir. „Noch drei Minuten.“

Ich verdrehte die Augen.

Drei Minuten später lief Jette zur Haustür.

Für meinen Vater war das das Größte.

Dann wurde er krank.

Ich möchte nicht ausführlich erzählen, woran. Es war eine Krankheit, die einen Menschen langsam kleiner macht.

Erst wurden die Spaziergänge kürzer.

Dann blieb der Garten liegen.

Dann brauchte er Hilfe beim Einkaufen.

Und schließlich kam der Tag, an dem ein Arzt sagte, dass er vorerst im Krankenhaus bleiben müsse.

Aus „vorerst“ wurden Wochen.

Aus Wochen wurden Monate.

Sein Zimmer lag in einem älteren Gebäudeteil eines Krankenhauses am Stadtrand. Das Fenster zeigte auf einen Parkplatz und ein paar kahle Bäume. Es gab einen kleinen Tisch, zwei Stühle und ein Waschbecken.

Das war plötzlich seine Welt.

Das Schlimmste für ihn war nicht einmal das Zimmer.

Es war Jette.

„Frisst sie?“, fragte er.

„Ja.“

„Wirklich?“

„Ja, Papa.“

„Schläft sie nachts?“

„Meistens.“

„Liegt sie noch vor meinem Sessel?“

Fast jedes Gespräch drehte sich irgendwann um sie.

Und zu Hause ging es Jette nicht besser.

Sie fraß nur widerwillig. Sie lag stundenlang im Flur und hob bei jedem Auto, das draußen hielt, den Kopf.

Abends setzte sie sich manchmal direkt vor die Haustür.

Sie wartete.

Auf einen Mann, der sonst immer zurückgekommen war.

Nach einigen Wochen fragte meine Schwester vorsichtig im Krankenhaus, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, Jette einmal mitzubringen.

Wir rechneten fest mit einer Absage.

Stattdessen trafen wir Christa Neumann, 63.

Christa war eine erfahrene Pflegekraft, seit Jahrzehnten im Beruf, eine Frau mit ruhiger Stimme und diesem besonderen Blick, den manche Menschen haben, nachdem sie schon sehr viel gesehen haben.

Sie hörte uns zu.

Dann sagte sie:

„Ich schaue, was wir machen können.“

Ein paar Tage später durfte Jette kommen.

Unter bestimmten Bedingungen, zu einer festen Uhrzeit und nur für eine begrenzte Zeit.

Wir hätten alles unterschrieben.

Der erste Besuch war an einem Montag.

Kurz vor zwei führte ich Jette durch den Flur.

Sie war völlig aufgeregt. Ihre Nase arbeitete ohne Pause. Überall waren fremde Gerüche, Türen, Stimmen, Schritte.

Dann kamen wir in die Nähe von Vaters Zimmer.

Jette blieb stehen.

Ihre Ohren gingen nach vorne.

Sie zog plötzlich so stark an der Leine, dass ich fast stolperte.

Als die Tür aufging, hörte mein Vater zuerst nur ihre Pfoten auf dem Boden.

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Na endlich“, sagte er.

Mehr brachte er nicht heraus.

Jette sprang mit den Vorderpfoten ans Bett.

Mein Vater klopfte auf die Decke.

„Komm her.“

Wir halfen ihr hoch.

Sie legte sich vorsichtig neben ihn und drückte ihren Kopf an seine Brust.

Mein Vater schloss die Augen.

Eine Stunde lang war er nicht der kranke Mann in einem Krankenhausbett.

Er war einfach wieder Manfred.

Und das war sein Hund.

Von da an kam Jette jeden Nachmittag.

Immer gegen zwei.

Zwei Uhr war für meinen Vater die beste Zeit. Das Mittagessen war vorbei, und die Müdigkeit am späten Nachmittag hatte noch nicht eingesetzt.

Also wurde daraus ihre Stunde.

14 Uhr bis 15 Uhr.

Jeden Tag.

Sechs Monate lang.

Bald kannte die ganze Station Jette.

Pflegekräfte schoben manche kleinen Dinge ein paar Minuten nach vorn oder hinten, wenn es möglich war.

Andere Patienten sahen sie durch den Flur laufen und sagten:

„Da kommt wieder der Hund von Zimmer zwölf.“

Mein Vater wartete auf sie.

Manchmal lag er schon mit geschlossenen Augen da, wenn wir hereinkamen.

Aber sobald Jette ihre Pfoten auf das Bett setzte, machte er die Augen auf.

„Da bist du ja.“

An manchen Tagen redete er kaum.

Dann lag Jette einfach neben ihm.

Sie musste nichts tun.

Genau darin lag ihre ganze Bedeutung.

Je schwächer mein Vater wurde, desto wichtiger wurde diese Stunde.

Und Jette lernte den Ablauf.

Gegen halb zwei wurde sie zu Hause unruhig.

Sie lief zur Tür.

Dann zur Leine.

Dann wieder zu uns.

Wenn wir uns nicht schnell genug bewegten, gab sie ein kurzes ungeduldiges Geräusch von sich.

Zwei Uhr bedeutete Vater.

Und Vater bedeutete für Jette alles.

An einem Mittwoch im März starb mein Vater.

Es geschah früh am Morgen.

Meine Schwester und ich waren bei ihm.

Es war ruhig.

Danach kamen die Dinge, die nach einem Todesfall immer kommen und gleichzeitig vollkommen unwirklich wirken.

Telefonate.

Unterlagen.

Taschen packen.

Menschen informieren.

Wir nahmen seine Sachen aus dem Krankenhauszimmer mit und fuhren nach Hause.

Jette kam uns entgegen.

Sie suchte hinter uns.

Erst Ulrike.

Dann mich.

Dann die offene Haustür.

Wir sagten nichts.

Was hätten wir sagen sollen?

Am nächsten Morgen war das Haus voller Menschen.

Verwandte kamen vorbei. Jemand stellte Kuchen auf den Küchentisch. Irgendwo klingelte ständig ein Telefon.

Meine Tante weinte im Wohnzimmer.

Ulrike sprach mit dem Bestatter.

Ich versuchte, irgendwelche Dinge zu organisieren, an die ich mich heute kaum noch erinnere.

Jette lag in einer Ecke.

Sie war ungewöhnlich still.

Dann wurde es 13:30 Uhr.

Jette stand auf.

Ich sah es sofort.

Sie streckte ihre Vorderbeine.

Schüttelte sich.

Dann lief sie zur Garderobe.

Unsere Leinen hingen damals an einem niedrigen Haken.

Jette stellte sich auf die Hinterbeine, nahm ihre Leine vorsichtig ins Maul und lief damit zur Haustür.

Ulrike verstummte mitten im Satz.

Niemand bewegte sich.

Jette setzte sich.

Die Leine hing aus ihrem Maul.

Ihre Schwanzspitze bewegte sich.

Einmal.

Zweimal.

Sie sah uns erwartungsvoll an.

Ich schaute auf die Uhr.

13:47 Uhr.

Ulrike fing an zu weinen.

Nicht dieses stille Weinen, das wir seit dem Vortag alle kannten.

Es kam plötzlich aus ihr heraus.

„Oh Gott“, sagte sie. „Sie will zu Papa.“

Jette verstand nicht, warum niemand seine Jacke anzog.

Sie stand wieder auf.

Kam zu mir.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen