Sechs raue Arbeiter sprangen ins Hochwasser – und retteten 23 Kinder vor dem Bus

Der Kita-Bus kippte bereits zur Seite, als sechs schmutzige Arbeiter aus einem Transporter stiegen – und ausgerechnet vor ihnen hatte die Erzieherin am meisten Angst.

„Bleiben Sie zurück!“

Die Frau auf dem Dach des Kleinbusses schrie so laut, dass ich ihre Stimme sogar vom Brückengeländer aus verstand.

„Die Feuerwehr ist unterwegs! Gehen Sie nicht zu den Kindern!“

Der kräftigste der Männer blieb keine zwei Sekunden stehen.

Er war vielleicht Anfang sechzig, breit gebaut, mit kurz geschorenen grauen Haaren, einem dunklen Arbeitsanzug und Händen, die aussahen, als hätten sie seit vierzig Jahren nichts anderes getan, als Stahl anzufassen.

Auf seinem rechten Unterarm verlief eine alte Tätowierung bis unter den Ärmel.

Sein Gesicht wirkte streng.

Nicht böse.

Aber so, dass man ihm im Supermarkt wahrscheinlich lieber Platz gemacht hätte.

Er sah zum Bus.

Dann zu den kleinen Gesichtern hinter den beschlagenen Scheiben.

„Ralf“, sagte er nur. „Hol die Gurte.“

Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal begriff, dass diese Männer nicht gekommen waren, um zuzusehen.

Ich heiße Klaus, bin 59 Jahre alt und arbeite seit fast drei Jahrzehnten in einem Lagerbetrieb außerhalb von Kassel.

An diesem Nachmittag war ich auf dem Heimweg, als vor mir plötzlich alles zum Stillstand kam.

Ein überfluteter Straßenabschnitt hatte den Verkehr abgeschnitten.

Mehrere Fahrzeuge standen bereits quer. Ein kleiner Bus, der offenbar eine Kita-Gruppe zurückbringen sollte, war vom Wasser ein Stück von der Fahrbahn gedrückt worden und gegen eine Betonbegrenzung geraten.

Dort hing er jetzt.

Schräg.

Die rechte Seite bereits deutlich tiefer.

Durch die Fenster konnte man Kinder erkennen.

Kleine Kinder.

Später erfuhr ich, dass es 23 waren.

Zwischen drei und sechs Jahren alt.

Die Erzieherin, Katrin Lehmann, hatte es durch die Dachluke nach draußen geschafft. Sie kniete oben auf dem Bus und telefonierte mit der Leitstelle.

Was mit dem Fahrer passiert war, wusste in diesem Moment niemand.

Ich sah Menschen mit ihren Handys filmen.

Andere riefen durcheinander.

Jemand meinte, man solle auf keinen Fall ins Wasser gehen.

Ein anderer sagte, die Feuerwehr müsse jede Minute kommen.

Und wahrscheinlich hatten sie recht.

Niemand von uns wusste, wie stark die Strömung wirklich war.

Niemand wusste, was unter der Wasseroberfläche lag.

Dann kam dieser weiße, völlig verdreckte Transporter hinter uns zum Stehen.

Sechs Männer stiegen aus.

Arbeitskleidung.

Warnhosen.

Schwere Schuhe.

Schmutzige Hände.

Zwei hatten rasierte Köpfe, einer einen langen grauen Bart. Ein anderer trug noch seinen Schweißerschirm unter dem Arm, als wäre er direkt aus einer Werkhalle gekommen.

Sie sahen nicht aus wie Menschen, die man auf einem Werbeplakat für Kinderbetreuung drucken würde.

Der Älteste hieß Hannes Witte.

61 Jahre.

Schweißer und Vorarbeiter in einem kleinen Metallbaubetrieb.

Seit 38 Jahren im Beruf.

Das erfuhr ich später.

An diesem Nachmittag wusste ich nur, dass die Erzieherin auf dem Bus ihn ansah, als wäre jetzt noch ein zusätzliches Problem angekommen.

„Bitte!“, rief sie. „Warten Sie auf die Einsatzkräfte!“

Hannes schaute zum Wasserstand an den Fenstern.

Dann sagte er etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.

„Wenn die Kleinen Zeit hätten, würde ich warten.“

Er schrie nicht.

Er sagte es fast ruhig.

Dann begann er zu arbeiten.

Keiner der Männer sprang einfach ins Wasser.

Sie machten etwas, das ich in meiner Panik gar nicht erwartet hatte.

Sie sicherten sich.

Ralf, ein 56-jähriger Mechaniker mit einem Bauch wie ein Bierfass und einer Stimme wie Schleifpapier, holte zwei breite Bergegurte aus dem Transporter.

Jörg befestigte einen davon am massiven Brückengeländer.

Der zweite wurde zusätzlich am Fahrzeug gesichert.

„Keiner geht ohne Leine rein“, sagte Hannes.

„Verstanden?“

Alle nickten.

Es war keine Heldenshow.

Es war eine Baustelle.

Nur dass diesmal Menschenleben daran hingen.

Hannes band sich einen Gurt um den Oberkörper.

Ralf kontrollierte den Knoten.

„Wenn du dich da unten überschlägst, zieh ich dich raus“, sagte er.

Hannes sah ihn an.

„Wenn ich mich da unten überschlage, ziehst du zuerst das Kind raus.“

Ralf fluchte leise.

Dann ging Hannes ins Wasser.

Nicht elegant.

Nicht dramatisch.

Schritt für Schritt.

Das Wasser stand ihm bald bis zur Hüfte.

Dann bis zur Brust.

Die Strömung drückte gegen ihn, und zweimal musste er sich am Gurt festhalten.

Hinter den Scheiben schrien die Kinder.

Ein kleiner Junge trommelte mit beiden Händen gegen das Fenster.

Ein Mädchen hielt ein anderes Kind so fest im Arm, dass ich später noch daran denken musste.

Hannes erreichte die Rückseite des Busses.

„Wo ist der Notausstieg?“, rief er.

Katrin zeigte nach hinten.

„Da! Aber er klemmt! Wir haben es versucht!“

Hannes zog am Griff.

Nichts.

Er versuchte es noch einmal.

Der Rahmen hatte sich durch die Schräglage verzogen.

„Brechstange!“

Jörg holte Werkzeug aus dem Transporter und ließ es an einer zweiten Leine hinunter.

Hannes setzte die Stange an.

Einmal.

Zweimal.

Beim dritten Versuch bewegte sich die Klappe einige Zentimeter.

„Noch mal!“, schrie Ralf.

Hannes stemmte sich dagegen.

Plötzlich sprang der Verschluss auf.

Wasser schwappte hinein.

Die Kinder schrien noch lauter.

„Langsam!“, rief Hannes. „Einer nach dem anderen!“

Dann streckte er die Arme ins Fahrzeug.

Das erste Kind kam heraus.

Vielleicht vier Jahre alt.

Rote Jacke.

Verfilzte blonde Haare.

Hannes nahm das Mädchen, als wäre es etwas Zerbrechliches, das er schon sein ganzes Leben lang kannte.

„Schau mich an“, sagte er.

„Nur mich.“

Das Kind klammerte sich an seinen Hals.

„Ich will zu Mama.“

„Kommst du.“

Er gab das Mädchen an Jörg weiter.

Jörg reichte es an Ralf.

Ralf an Sven.

So entstand eine Kette zwischen Bus und Böschung.

Nicht aus durchtrainierten Rettern.

Aus Männern, die morgens um sechs Stahlträger geschleppt, Rohre geschnitten und Geländer montiert hatten.

Ein Kind nach dem anderen.

Zwei.

Drei.

Vier.

Bei Nummer fünf geschah etwas, das mir zeigte, wie sehr wir uns manchmal von einem Äußeren täuschen lassen.

Ein kleiner Junge weigerte sich, Hannes loszulassen.

Er schrie und hatte beide Arme um seinen Hals gelegt.

Hannes versuchte nicht, ihn gewaltsam weiterzugeben.

Er hielt ihn einfach.

Mitten im Wasser.

„Wie heißt du?“

„Finn.“

„Finn, ich bin Hannes.“

Der Junge schluchzte.

„Du bist dreckig.“

Hannes schaute kurz auf seine Jacke.

„Das stimmt.“

Zum ersten Mal grinste er.

„Meine Frau hat das früher auch immer gesagt.“

Der Junge hörte für eine Sekunde auf zu weinen.

Hannes zeigte auf Ralf.

„Siehst du den dicken Mann da?“

„Hannes!“, brüllte Ralf.

Finn nickte.

„Der passt jetzt auf dich auf.“

Ralf streckte die Arme aus.

Finn ließ los.

Erst später erfuhr ich, dass Hannes seit drei Jahren Witwer war.

Seine Frau Gisela war nach 34 Ehejahren gestorben.

Seitdem lebte er allein in einer kleinen Doppelhaushälfte.

Seine erwachsene Tochter wohnte mit ihrer Familie fast 300 Kilometer entfernt.

Seinen Enkel sah er vielleicht fünf- oder sechsmal im Jahr.

Am Arbeitsplatz sprach Hannes kaum darüber.

„Witte redet nicht“, sagte Ralf später zu mir.

„Witte macht.“

An jenem Tag machte er weiter.

Acht Kinder.

Elf.

Vierzehn.

Katrin war noch immer auf dem Dach.

Doch etwas hatte sich verändert.

Sie schrie Hannes nicht mehr an.

Sie half.

Sie beugte sich durch die Dachluke, zählte Kinder, rief Namen und sagte ihnen, wann sie nach hinten kommen sollten.

Ihre Hände zitterten so stark, dass sie sich am Rand der Luke festhalten musste.

„Lina als Nächste!“

„Danach Emil!“

„Nicht drängeln!“

Dann hörte ich eine Kinderstimme.

Zuerst verstand ich nichts.

Das Mädchen schrie erneut.

„Ben ist weg!“

Hannes hielt inne.

„Wer?“

„Mein Bruder!“

Das Mädchen hieß Mia.

Fünf Jahre alt.

Ihr Bruder Ben war drei.

Beide besuchten dieselbe Kita.

„Wo war er zuletzt?“, fragte Hannes.

Mia zeigte nach unten.

„Da hinten.“

Ihre Stimme brach.

„Er war neben mir. Dann kam Wasser.“

Hannes blickte ins Innere des Busses.

Der Wasserstand war dort inzwischen so hoch, dass die unteren Sitzflächen kaum noch zu sehen waren.

„Wie viele sind draußen?“, rief er.

Katrin begann zu zählen.

„Zwanzig… einundzwanzig…“

Sie sah wieder hinein.

„Zweiundzwanzig.“

Stille.

Nur für eine Sekunde.

Aber diese Sekunde fühlte sich an wie eine Minute.

23 Kinder.

22 draußen.

Ben fehlte.

Hannes gab Mia weiter.

„Ralf!“

„Ja!“

„Alle weg vom Bus, die nicht gebraucht werden.“

Dann kroch Hannes durch die hintere Öffnung hinein.

Katrin packte ihn am Ärmel.

„Nein.“

Ihre Stimme war plötzlich ganz leise.

„Der Bus bewegt sich.“

Hannes sah sie an.

„Dann sollten wir schnell sein.“

Er verschwand.

Wir konnten ihn durch das Fenster sehen.

Zumindest anfangs.

Er tastete sich zwischen den Sitzen nach vorn.

Das Wasser reichte ihm bis zur Brust.

Dann bis zu den Schultern.

„Ben!“

Keine Antwort.

„Ben!“

Katrin rief von oben.

„Er hatte einen grünen Rucksack!“

Hannes tauchte ab.

Fünf Sekunden.

Zehn.

Dann kam er wieder hoch.

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