Um halb drei nachts lag meine Pflegehündin Bella vor einem Zwinger und weigerte sich aufzustehen. Als ich sah, wer dahinter wartete, musste ich weinen.
„Wenn du sie wirklich zurückbringst, musst du wissen, dass es ihrer Schwester sehr schlecht geht.“
Ich hielt das Telefon so fest, dass meine Finger wehtaten.
Am anderen Ende sprach meine Nachbarin Sabine. Sie half seit Jahren ehrenamtlich im örtlichen Tierheim und war an diesem Abend länger geblieben, weil eine der Hündinnen nicht zur Ruhe kam.
„Was heißt sehr schlecht?“, fragte ich.
Sabine schwieg einen Moment.
„Molly liegt seit Stunden in dem Zwinger, den sie sich mit Bella geteilt hat. Sie frisst nicht. Sie trinkt kaum. Und jedes Mal, wenn jemand die Tür öffnet, hebt sie den Kopf und sucht nach ihrer Schwester.“
Ich sah zu Bella hinüber.
Die goldene Labradorhündin lag auf dem Teppich neben meinem Sofa. Seit dem Nachmittag hatte sie kaum etwas angerührt. Ihr Fressnapf stand noch immer halb voll in der Küche.
Dabei hatte man mir gesagt, Bella sei die unkomplizierte von beiden.
Diejenige, die sich schnell eingewöhnen würde.
Diejenige, die auch ohne ihre Schwester zurechtkäme.
Offenbar hatten wir uns alle geirrt.
„Sabine“, sagte ich schließlich. „Ich komme.“
Es war kurz nach ein Uhr nachts.
Ich bin 62 Jahre alt, heiße Ralf und lebe seit sechs Jahren allein in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Kassel.
Seit meine Frau gestorben war, hatte ich mich daran gewöhnt, dass niemand auf mich wartete, wenn ich nach Hause kam.
Die Wohnung war ordentlich. Vielleicht sogar zu ordentlich.
Keine Schuhe im Flur außer meinen eigenen. Kein zweiter Teller auf dem Tisch. Kein Mensch, der sich darüber beschwerte, dass ich wieder einmal den Fernseher laufen ließ, ohne richtig hinzusehen.
Vor drei Wochen hatte Sabine mich gefragt, ob ich vorübergehend einen Hund aufnehmen könnte.
„Nur für ein paar Wochen, Ralf. Bis wir eine richtige Familie gefunden haben.“
Ich hatte zuerst abgelehnt.
Mit 62 noch einen großen Hund? Und dann ausgerechnet einen Labrador, der Bewegung brauchte?
Aber Sabine kannte mich gut.
„Du gehst doch sowieso jeden Morgen spazieren“, hatte sie gesagt. „Dann hättest du wenigstens jemanden dabei.“
Also hatte ich zugestimmt.
Als ich Bella zum ersten Mal sah, stand sie neben ihrer Schwester Molly hinter dem Gitter eines Zwingers.
Beide waren damals knapp drei Jahre alt.
Man hatte sie gemeinsam abgegeben, weil ihre bisherigen Besitzer sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr um sie kümmern konnten.
Bella hatte das hellere Fell und einen kleinen weißen Fleck an der Brust. Molly war etwas dunkler und hatte eine winzige Kerbe am linken Ohr.
Sie waren zusammen aufgewachsen.
Zusammen hatten sie geschlafen, gefressen und gespielt.
Im Tierheim hatte Bella sofort den Kopf gehoben, als ich mich näherte.
Sie kam ans Gitter und wedelte vorsichtig mit dem Schwanz.
Molly blieb weiter hinten.
„Bella ist die Mutigere“, erklärte Sabine. „Für sie finden wir wahrscheinlich schneller eine Familie. Vielleicht hilft es Molly sogar, wenn sie sich irgendwann ohne ihre Schwester einlebt.“
Ich hatte keine Ahnung von solchen Dingen.
Ich vertraute den Menschen, die täglich mit den Hunden arbeiteten.
Also nahm ich Bella mit.
An diesem Tag bemerkte ich etwas, das ich damals nicht verstand.
Als Sabine die Zwingertür öffnete und Bella herausführte, drängte Molly sich nach vorn.
Sie bellte nicht.
Sie versuchte auch nicht, hinauszulaufen.
Sie stellte sich einfach neben ihre Schwester und drückte ihre Schnauze gegen deren Hals.
Bella blieb stehen.
Sabine musste sie zweimal freundlich auffordern, weiterzugehen.
Als wir schließlich durch die Tür verschwanden, hörte ich hinter uns ein langes, leises Winseln.
Ich dachte, Molly würde sich bald beruhigen.
Heute schäme ich mich dafür, dass ich nicht genauer hingesehen habe.
Denn Bella beruhigte sich ebenfalls nicht.
In den ersten Tagen folgte sie mir überallhin.
Wenn ich in die Küche ging, kam sie hinterher. Wenn ich duschte, legte sie sich vor die Badezimmertür.
Nachts schlief sie nicht in ihrem Körbchen, sondern auf dem Teppich direkt neben der Wohnungstür.
Ich hielt das für Eingewöhnungsschwierigkeiten.
Vielleicht vermisste sie ihre alte Familie.
Vielleicht brauchte sie einfach Zeit.
Ich kaufte ihr ein weiches Hundebett, einen Ball und eine große Decke.
Ich ging morgens und abends mit ihr an die Fulda.
Aber Bella wollte nicht spielen.
Sie schnupperte an anderen Hunden, sah ihnen nach und blieb dann manchmal mitten auf dem Weg stehen.
Als würde sie auf jemanden warten.
Am dritten Abend fand ich sie vor der Wohnungstür.
Sie lag mit dem Kopf auf den Vorderpfoten und sah mich an.
Ihre Augen wirkten so müde, dass ich mich neben sie setzte.
„Na, meine Gute“, sagte ich. „Was fehlt dir denn?“
Bella hob den Kopf.
Dann legte sie ihn langsam auf mein Knie.
Ich streichelte sie eine ganze Weile.
Doch selbst als ich ins Bett ging, blieb sie an der Tür liegen.
Am nächsten Morgen rief ich Sabine an.
„Wie geht es Molly?“
Sabine antwortete nicht sofort.
„Nicht besonders gut. Sie vermisst Bella wohl sehr.“
„Und Bella vermisst Molly.“
„Das kann sein.“
„Nein, Sabine. Ich glaube, das ist nicht nur möglich. Ich glaube, genau das passiert hier.“
Wir verabredeten, die Lage noch ein paar Tage zu beobachten.
Doch am selben Abend wurde es schlimmer.
Bella rührte ihr Futter nicht an.
Als ich ihre Leine nahm, sprang sie zunächst auf. Aber draußen blieb sie nach wenigen Metern stehen und wollte wieder zurück.
Sie lief direkt zur Wohnungstür.
Dann legte sie sich davor.
Ich machte mir Sorgen und hatte bereits beschlossen, am Morgen einen Tierarzt anzurufen.
Doch dazu kam es nicht.
Kurz nach Mitternacht klingelte mein Telefon.
Es war Sabine.
Molly hatte fast den ganzen Abend im hintersten Teil ihres Zwingers gelegen. Auch mit viel Geduld hatte niemand sie dazu bewegen können, nach draußen zu kommen.
Sabine und eine Kollegin hatten nach ihr gesehen und beschlossen, dass sie dringend tierärztlich untersucht werden sollte.
„Sie hat sich in den letzten Tagen verändert“, sagte Sabine. „Und jetzt reagiert sie fast nur noch, wenn jemand Bellas Namen sagt.“
Ich blickte wieder zu meiner Hündin.
„Ich bringe Bella zurück.“
„Jetzt?“
„Ja. Jetzt.“
Um halb zwei setzte ich Bella auf die Rückbank meines alten Kombis.
Sie war ungewöhnlich still.
Normalerweise schnupperte sie aufgeregt an den Sitzen und schaute durch die Fenster.
Diesmal saß sie aufrecht da.
Ihre Ohren waren gespitzt.
Ich redete während der Fahrt mit ihr, obwohl ich wusste, dass sie meine Worte nicht verstehen konnte.
„Wir fahren zu Molly, mein Mädchen.“
Bei ihrem Namen hob Bella den Kopf.
„Ja. Zu deiner Schwester.“
Zum ersten Mal seit Stunden bewegte sich ihr Schwanz.
Nur ein kleines Stück.
Aber ich sah es im Rückspiegel.
Kurz vor zwei erreichten wir das Tierheim.
Die Straße davor war leer.
Sabine wartete schon am Eingang, eingewickelt in ihren dicken Mantel.
Sie sah erschöpft aus.
„Sie liegt immer noch hinten“, sagte sie zur Begrüßung. „Wir haben ihre Decke gewechselt, ihr Wasser angeboten und uns zu ihr gesetzt. Aber sie kommt nicht richtig zur Ruhe.“
Ich öffnete die hintere Autotür.
Bella sprang heraus.
Und in diesem Augenblick geschah etwas Seltsames.
Die Hündin, die seit Tagen müde und niedergeschlagen gewesen war, stand plötzlich kerzengerade da.
Sie hielt ihre Nase in die Luft.
Schnupperte.
Dann zog sie so kräftig an der Leine, dass ich beinahe das Gleichgewicht verlor.
„Langsam, Bella!“
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