Mein Mann wollte unseren orangefarbenen Kater loswerden bis eine Nacht alles zwischen den beiden veränderte

Mein Mann drohte, wegen unseres orangefarbenen Katers auszuziehen. Doch als der kleine Kerl eines Nachts plötzlich regungslos in seinen Armen lag, erlebte ich etwas, das ich nie vergessen werde.

„Entweder dieser Kater verschwindet, oder ich ziehe aus!“

Mein Mann Thomas stand mitten in unserer Küche, die Arme verschränkt, das Gesicht hochrot.

Vor ihm auf dem Esstisch saß unser orangefarbener Kater Kasimir.

Mitten auf Thomas’ Abendbrot.

Genauer gesagt stand Kasimir mit beiden Vorderpfoten auf einer Scheibe Leberwurstbrot und leckte seelenruhig die Butter vom Rand.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

„Sabine, ich meine es ernst!“, sagte Thomas. „Dieses Vieh macht mich noch wahnsinnig!“

Kasimir schaute kurz hoch, blinzelte und setzte sich dann mitten auf das Brot.

Als wollte er sagen: „Beschwerde zur Kenntnis genommen. Interessiert mich nicht.“

Das war der Alltag bei uns.

Ich bin 57 Jahre alt, Thomas ist 61. Wir leben seit fast dreißig Jahren zusammen in einem kleinen Reihenhaus am Stadtrand von Kassel.

Thomas ist eigentlich ein wunderbarer Mann.

Einer von der alten Sorte, wie meine Mutter immer gesagt hätte.

Er repariert tropfende Wasserhähne, bevor ich überhaupt bemerke, dass sie tropfen. Er hebt jede brauchbare Schraube auf, weil man sie irgendwann noch brauchen könnte.

Und wenn ich beim Einkaufen etwas mitnehme, das nicht auf dem Zettel stand, fragt er grundsätzlich: „War das jetzt wirklich nötig?“

Er ist zuverlässig, ordentlich und manchmal so stur wie ein alter Esel.

Aber er hat ein gutes Herz.

Nur würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als das offen zuzugeben.

Und dann gibt es Kasimir.

Einen orangefarbenen Kater mit einem etwas schiefen Gesicht, einem runden Bauch und offenbar sehr wenig Verstand.

Kasimir hat keine Ahnung von Ordnung.

Er hat auch keine Ahnung davon, wem in diesem Haus was gehört.

Vor allem aber scheint er sich vorgenommen zu haben, Thomas jeden einzelnen Tag auf die Probe zu stellen.

Er wirft nicht irgendwelche Tassen vom Tisch.

Nur Thomas’ Kaffeetasse.

Er klaut nicht wahllos Essen.

Er wartet, bis Thomas sich ein schönes Butterbrot geschmiert hat.

Und wenn ihm schlecht wird, sucht er sich ausgerechnet den hellen Wohnzimmerteppich aus, den Thomas damals viel zu teuer fand.

„Das macht der mit Absicht“, behauptet mein Mann.

„Thomas, das ist eine Katze.“

„Eben! Die sind hinterhältig!“

Ich muss jedes Mal lachen.

Denn wenn ich Kasimir so ansehe, glaube ich kaum, dass in diesem kleinen orangefarbenen Kopf genug Platz für irgendeinen hinterhältigen Plan ist.

Zu uns gekommen ist er vor knapp zwei Jahren.

Damals war ich mit meiner Schwester Renate in einem kleinen Tierheim außerhalb von Kassel.

Eigentlich wollte ich nur schauen.

Das hatte ich Thomas jedenfalls versprochen.

„Wir haben genug Arbeit mit dem Haus“, hatte er gesagt. „Da brauchen wir nicht auch noch eine Katze.“

Ich nickte brav.

Aber dann sah ich Kasimir.

Er saß ganz hinten in seinem Gehege, zusammengekauert auf einer alten Decke.

Sein Fell war struppig. Ein Auge war halb geschlossen, und er sah aus, als hätte er gerade eine ziemlich schlechte Woche hinter sich.

Die anderen Katzen kamen neugierig ans Gitter.

Kasimir blieb sitzen.

Er schaute mich nur an.

Und irgendetwas in diesem Blick ging mir direkt ans Herz.

Eine Mitarbeiterin erzählte uns, dass er schon eine ganze Weile dort lebte.

Niemand hatte sich bisher ernsthaft für ihn interessiert.

„Er ist ein bisschen eigen“, sagte sie vorsichtig.

Das hätte meine erste Warnung sein müssen.

Ich bat Thomas, am Nachmittag vorbeizukommen.

Er erschien mit seiner üblichen mürrischen Miene.

„Wir schauen nur“, sagte er gleich an der Tür.

Als wir vor Kasimirs Gehege standen, verschränkte er die Arme.

„Der sieht ja aus wie ein alter Waschlappen.“

In diesem Moment streckte Kasimir eine Pfote durch das Gitter.

Er erwischte Thomas’ Schnürsenkel.

Und ließ nicht mehr los.

Thomas zog vorsichtig am Fuß.

Kasimir hielt fest.

„Na los, lass mich wieder gehen.“

Der Kater hielt noch fester zu.

Die Mitarbeiterin musste lachen.

Ich auch.

Thomas nicht.

Jedenfalls zunächst nicht.

Dann ging er in die Hocke, löste den Schnürsenkel behutsam aus der kleinen Pfote und murmelte:

„Du bist ja vielleicht einer.“

Zwei Stunden später saß Kasimir in einer Transportbox auf unserer Rückbank.

Thomas fuhr.

Und schimpfte.

„Ich sage dir gleich, Sabine, wenn der mir die Möbel zerkratzt, ist aber Schluss.“

Ich lächelte nur.

In der ersten Woche zerkratzte Kasimir die Tapete neben der Wohnzimmertür.

In der zweiten knabberte er ein Ladekabel an und warf einen Blumentopf vom Fensterbrett.

In der dritten Woche lernte er, wie man die Schiebetür unseres Kleiderschranks mit der Pfote öffnet.

Seitdem schlief er am liebsten auf Thomas’ guter Winterjacke.

Nicht auf meiner.

Nicht auf der Decke, die ich extra für ihn gekauft hatte.

Auf Thomas’ Jacke.

„Der macht das mit Absicht!“, schimpfte mein Mann jeden Morgen.

Aber seltsamerweise schloss er die Schranktür nie richtig.

Irgendwann fiel mir das auf.

„Thomas, warum machst du den Schrank nicht einfach ganz zu?“

Er schaute mich an.

„Dann kratzt er doch wieder an der Tür.“

Natürlich.

Was sonst?

Mit der Zeit entwickelten die beiden eine merkwürdige Beziehung.

Jeden Abend lief dasselbe Schauspiel ab.

Thomas setzte sich nach dem Abendessen in seinen alten Fernsehsessel.

Kasimir wartete ungefähr dreißig Sekunden.

Dann sprang er auf seinen Schoß.

„Runter.“

Kasimir blieb sitzen.

„Ich hab gesagt, runter.“

Kasimir drehte sich zweimal im Kreis.

Dann legte er sich hin.

Thomas seufzte laut.

„Unmöglich.“

Fünf Minuten später saß mein Mann vor dem Fernseher und kraulte dem Kater gedankenverloren den Kopf.

Wenn ich ihn darauf ansprach, behauptete er, er wolle nur verhindern, dass Kasimir wieder irgendwo Unsinn anstellte.

Einmal erwischte ich ihn sogar dabei, wie er mit dem Kater sprach.

Ich stand im Flur und hörte Thomas aus dem Wohnzimmer murmeln.

„Na, du alter Faulpelz. Hast wieder den ganzen Tag nichts gemacht, was?“

Eine kurze Pause.

„Kannst froh sein, dass du hier wohnen darfst.“

Dann wurde seine Stimme ganz leise.

„Na komm her, du Dicker.“

Ich blieb stehen und lächelte.

Als ich ins Wohnzimmer kam, nahm Thomas sofort die Hand vom Katzenkopf.

„Der hat mich schon wieder vollgehaart.“

„Natürlich, Schatz.“

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