Als der alte Mann hinter der Bäckerei im Abfall suchte, stand der gefürchtete Schlosser vom Stammtisch auf. Alle glaubten, jetzt würde er ihn endgültig vertreiben.
„Lassen Sie das liegen.“
Der Mann am Container zuckte zusammen. Ein Brötchen fiel ihm aus der Hand und rollte unter die Mülltonne. Er bückte sich nicht danach.
„Ich habe nichts durcheinandergebracht“, sagte er. „Ich mache den Deckel wieder zu.“
Karl blieb ein paar Schritte vor ihm stehen. Mit seinen breiten Schultern, der alten Arbeitsjacke und dem Gesicht, das selbst beim Lächeln streng aussah, machte er es anderen Menschen selten leicht, sich zu entspannen.
Hinter der Scheibe der Bäckerei verstummte ihr Tisch. Acht Männer, die sich donnerstags zum Frühstück trafen, sahen hinaus. Einer hatte das Messer noch in der Hand.
„Ich meinte das Brötchen auf dem Boden“, sagte Karl. „Das essen Sie jetzt nicht mehr.“
Der Alte zog die Hände an sich. Seine Jacke war an den Ärmeln blank gescheuert, aber sauber. Auch der schmale graue Bart war ordentlich geschnitten.
„Ich gehe schon.“
„Haben Sie heute gefrühstückt?“
„Ich komme zurecht.“
Karl kannte diesen Satz. Er hatte ihn selbst oft genug gesagt, nach der Beerdigung seiner Frau, wenn jemand gefragt hatte, ob er abends allein essen müsse.
„Wann gab es zuletzt etwas Warmes?“, fragte er.
Der Alte schaute zur Hintertür der Bäckerei, als könne dort jemand erscheinen und ihn vor dieser Unterhaltung retten. Dann sagte er leise: „Am Montag. Im Nachbarschaftstreff.“
Es war Donnerstag.
Karl nahm langsam die Hände aus den Jackentaschen. „Dann kommen Sie mal mit rein.“
„Ich habe kein Geld für ein Frühstück.“
„Ich habe nicht gefragt, ob Sie mich einladen.“
Für einen Augenblick wurde der Blick des Alten hart. „Almosen brauche ich nicht.“
Karl nickte, als hätte er mit dieser Antwort gerechnet. „Gut. Dann leisten Sie mir Gesellschaft. Die anderen reden seit einer halben Stunde über ihre Hüften. Ich halte es nicht mehr aus.“
Hinter ihm ging die Tür auf. Rolf kam heraus, früher Elektriker, inzwischen Rentner und der Einzige aus ihrer Runde, der Karl ohne Anlass widersprach.
„Dein Kaffee wird kalt“, sagte er. Dann sah er den Fremden an. „Und meinen habe ich schon umgeworfen. Wenn Sie mitkommen, fällt das vielleicht weniger auf.“
Der Alte schaute von einem zum anderen.
„Wie heißen Sie?“, fragte Karl.
„Ernst. Ernst Winter.“
„Karl Mertens. Und der Kleckerer heißt Rolf.“
Ernst hob noch einmal den Blick zum Container. Dann schloss er sorgfältig den Deckel und folgte ihnen.
Drinnen rückten die Männer auseinander. Zwei standen auf, um einen Stuhl heranzuholen. Niemand fragte, weshalb Ernst durch den Hintereingang kam.
Karl deutete auf den Platz neben sich. „Da zieht es am wenigsten.“
Die Frau hinter dem Tresen blickte kurz auf Ernsts Hände und dann zu Karl. Er bestellte zwei Frühstücke, obwohl sein eigener Teller noch halb voll war.
Als das Rührei kam, faltete Ernst die Papierserviette auseinander. Er legte sie auf seinen Schoß, strich eine Ecke glatt und wartete.
„Sie müssen nicht auf uns warten“, sagte Rolf.
Ernst nahm die Gabel. Beim ersten Bissen schloss er kurz die Augen.
Karl wandte sich sofort an seinen Nachbarn. „Was war denn nun mit deiner Heizung?“
Die Männer griffen das Gespräch wieder auf. Sie stritten darüber, ob früher wirklich alles länger gehalten hatte, und ließen Ernst essen. Ab und zu schob jemand den Brotkorb in seine Richtung.
Erst als sein Teller leer war, sagte Ernst: „Sie fragen gar nicht.“
„Was denn?“
„Wie einer so endet.“
Karl legte sein Messer hin. „Wollen Sie es erzählen?“
Ernst sah auf seine Tasse. „Vielleicht.“
Er war zweiundachtzig. Vierunddreißig Jahre hatte er als Betriebsschlosser gearbeitet, später mit einem Kollegen eine kleine Reparaturwerkstatt geführt. Es hatte für ein ordentliches Leben gereicht, aber nie für große Rücklagen.
Als seine Frau Liesel krank wurde, hatte er längst aufgehört. Drei Jahre lang war ihr Alltag kleiner geworden: Krankenhaus, Wohnung, ein kurzer Weg zum Fenster. Ernst hatte gekocht, sie gewaschen und nachts auf jedes Geräusch gehört.
„Sie wollte zuletzt immer wissen, ob ich gegessen habe“, sagte er. „Stellen Sie sich das vor. Sie konnte kaum noch sprechen, aber darum hat sie sich gesorgt.“
Keiner am Tisch sagte etwas.
Nach ihrem Tod blieb seine eigene kleine Rente. Dann kam die Kündigung der Wohnung, in der sie fast vierzig Jahre gelebt hatten. Die Tochter des Eigentümers sollte einziehen.
Ernst suchte etwas Neues. Er telefonierte mit Nummern aus Anzeigen, fuhr zu Besichtigungen und stellte sich mit jungen Paaren in fremde Treppenhäuser. Einmal war eine Wohnung schon vergeben, bevor er nach seiner langen Busfahrt angekommen war.
„Ich dachte, für ein paar Wochen geht auch eine Pension“, sagte er. „Aber ein paar Wochen kosten mehr, als man vorher glaubt.“
Danach schlief er in seinem alten Kombi. Als der Wagen nicht mehr durch die nächste Untersuchung kam und die Reparatur unbezahlbar wurde, verkaufte er ihn.
Seit fünf Wochen stand sein kleines Zelt unter einer Straßenbrücke am Rand des Ortes.
„Da kommt keiner hin“, sagte er. „Und wenn der Wind richtig steht, bleibt es trocken.“
Der Jüngste am Tisch, der sechsundzwanzigjährige Jonas, schob seinen Teller von sich weg. Er arbeitete in der Werkstatt von Karls Cousin und kam donnerstags vor Schichtbeginn vorbei.
„Aber Ihre Rente kommt doch weiterhin?“
„Ja.“
Ernst richtete sich auf, als müsse er sich verteidigen. Er bezahlte noch die kleine Lagerbox mit den Möbeln, die er nicht hatte weggeben können. Dazu kamen Essen, Busfahrten, Telefon und manchmal ein paar Nächte unter einem richtigen Dach, wenn es ihm besonders schlecht ging.
„Ich habe versucht, einen Antrag zu stellen“, sagte er. „Dann fehlten Unterlagen. Ein Brief ging noch an die alte Adresse. Irgendwann wusste ich nicht mehr, was ich schon abgegeben hatte.“
Er rieb sich über die Stirn.
„Das ist keine Entschuldigung.“
„Sie müssen sich hier nicht entschuldigen“, sagte Karl.
Ernst lächelte müde. „Leicht gesagt.“
Karl schob ihm die Kaffeekanne hin. „Haben Sie Kinder?“
„Einen Sohn. Matthias. Der lebt bei Hannover.“
„Weiß er davon?“
Ernst schüttelte den Kopf.
Vor vier Monaten hatte Matthias ihn besuchen wollen. Ernst hatte abgesagt, angeblich wegen einer Erkältung. Danach noch einmal, weil er unterwegs sei.
„Wir telefonieren sonntags. Ich sage immer, die neue Wohnung ist noch nicht fertig.“
„Warum?“, fragte Jonas.
Ernst schaute ihn lange an. „Weil ich sein Vater bin.“
Jonas öffnete den Mund, sagte aber nichts mehr.
Karl verstand. Auch er hatte seiner Tochter nach dem Tod seiner Frau monatelang erzählt, es gehe ihm gut. Dabei hatte er manchmal bis zum Abend keinen einzigen Satz gesprochen.
„Ernst“, sagte er schließlich. „Ich muss kurz telefonieren. Bleiben Sie so lange hier?“
Sofort ging ein Schatten über das Gesicht des Alten.
„Sie brauchen niemanden zu holen.“
„Ich rufe meinen Cousin an. Dem gehört die Werkstatt in der Mühlenstraße.“
„Warum?“
„Weil über seiner Werkstatt seit Februar eine Wohnung leer steht.“
Ernst blickte zur Tür. „Das kann ich mir sowieso nicht leisten.“
„Das weiß ich noch gar nicht. Sie auch nicht.“
Karl ging hinaus. Durch die Scheibe sahen sie ihn mit dem Telefon am Ohr stehen. Er hörte lange zu, kratzte sich am Kinn und nickte schließlich.
Als er zurückkam, setzte er sich wieder hin.
„Dieter würde Ihnen die Wohnung zeigen. Klein, zweiter Stock, kein Aufzug. Das muss man wissen. Aber mit eigener Küche und Bad.“
„Und was will er dafür?“
Karl nannte die Miete. Sie war niedrig, aber auch dieser Betrag machte Ernst sichtbar Angst.
„Dann bleibt mir kaum etwas.“
„Deshalb gehen wir morgen zur Beratungsstelle“, sagte Rolf. „Meine Schwester hat dort gearbeitet. Die können mit Ihnen durchsehen, welche Unterstützung infrage kommt.“
„Und wenn nichts dabei herauskommt?“
„Dann wissen wir wenigstens, woran wir sind“, sagte Karl. „Heute schauen wir uns erst einmal die Wohnung an.“
Ernst legte beide Hände auf den Tisch.
„Ich kann Ihnen nichts versprechen.“
„Hat keiner verlangt.“
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